Mann oder Hund

»Warum muß ich ein Mann sein?«, grübelte Gerd, es war nicht das erste Mal, daß ihm diese Frage zusetzte. Und weil er längst alle Hoffnung aufgegeben hatte, sie jemals beantworten zu können, wollte er heute einen Schlußstrich ziehen und nie wieder einen Gedanken daran verschwenden. Basta!

Deshalb entschied er, ab sofort als Hund durch die Gegend zu laufen. Er empfing diese Idee geradezu als Geistesblitz, als Ausweg aus einem Dilemma, unter dem er seit Ewigkeiten litt. Jetzt war ein für allemal Schluß mit Claras Gelaber, mit »Ich als Frau« und »Du als Mann«. Gerd hatte genug davon, genauso wie vom Gender-Gequatsche auf Spiegel Online und am Arbeitsplatz. Der Groschen war gefallen, er hatte verstanden.

So zog er sich aus und warf Hose, Hemd, Socken, Unterwäsche samt Handy, Geldbörse und Ausweis aus dem Fenster. Brauchte er nicht mehr, genausowenig wie Sorgen, Ängste, Bedenken, überhaupt alle komplizierten und quälenden Gedanken. Er ließ die Verstrickungen des Menschseins hinter sich und rannte splitterfasernackt auf die Straße. Als Hund!

Es war Sommer, die Sonne schien. Gerd fühlte sich prächtig. Neugierig nach links und rechts schauend, trabte er lockeren Schritts die Königstraße entlang. Die Leute, die ihm auf seinem Weg begegneten, glotzten, und Gerd glotzte zurück.

Ab und zu blieb er stehen, beschnüffelte sein Gegenüber oder rieb den nackten Arsch an fremden Ärschen, die allesamt Hosen oder manchmal Röcke trugen. Wie schade! Und jedesmal, wenn Gerd Körperkontakt suchte, sprangen die Leute zur Seite oder liefen weg. Merkwürdiges Volk, diese Menschen. Gut, daß er all das hinter sich gelassen hatte!

Und weiter, immer weiter, die Welt wartete auf ihn! Mit jedem Schritt schlenkerte sein Schwanz locker und frei hin und her, so wie es Mutter Natur und speziell die Schwerkraft wollten, und Gerd genoß es.

»Was bist du denn für ein Spinner?«, rief ihm jemand hinterher. Aber Gerd bellte nur fröhlich und flitzte weiter seines Weges.

Richtig ungemütlich wurde es erst, als sich ein Mann mit schwarzen Haaren und dichtem Bart schützend vor eine Frau mit Kopftuch stellte und die Fäuste ballte. Zitternd stand sie hinter ihm, die Angst ins Gesicht geschrieben, während Gerd vorsichtig vorbeiging.

»Verpiß dich, du Hund!«, rief der Mann und verpaßte Gerd einen Tritt. Der wurde sauer und begann zu knurren, was auf den Schwarzbart großen Eindruck machte. Er hielt den Nackten für einen Verrückten in einem verrückten Land, und vor denen mußte man sich in Acht nehmen. Dabei war Gerd doch nur ein Hund.

In der Ferne erspähte er Clara, die gerade eine Kreuzung überquerte, ihn jedoch bislang nicht bemerkt hatte, weil sie auf ihr iPhone starrte.

Gerd verharrte für einen Moment, kratzte sich unschlüssig am Sack und begriff schließlich, daß die Lage brenzlig zu werden drohte. Er machte kehrt, nun im Schweinsgalopp. Untertauchen! Wenige Momente später war er in einem REWE-Supermarkt verschwunden, der gleich an der nächsten Ecke lag.

Leckere Sachen gab’s da! Er öffnete die Tür eines Kühlschranks und zog eine Bierdose heraus, riß die Lasche auf. Aaaah, lecker! Gerd war im Paradies, toll, daß hier überall Saufen und Fressen herumstand! Er griff ein Stück Leberwurst und eine Salami aus der Auslage einer Fleischtheke, ein paar Meter weiter schnappte er sich eine Prinzenrolle. Anschließend rannte er an der verdutzten Kassiererin vorbei zum Ausgang.

Dort lauerte allerdings ein großer, dicker Mann in Uniform, der sich Gerd breitbeinig in den Weg stellte und ihn am Oberarm festhielt, damit er nicht in den Markt zurücklaufen konnte. Alles Gekläffe nützte nichts, Gerd zappelte hilflos im eisernen Griff der dicken Uniform.

»Widerstand ist zwecklos«, grollte diese. »Du kommst jetzt erst mal mit.«

Gerd verstand nicht, was der Mann von ihm wollte. Er hatte allen Leuten im Supermarkt ein liebes und nettes Wuff! entgegengebellt, und trotzdem tat ihm der böse Mann weh. Mit seiner riesigen Pranke, die in einem schwarzen Handschuh steckte und die Kraft einer Schraubzwinge zu haben schien.

Das ließ sich Gerd nicht lange gefallen, wütend schlug er seine Zähne in das Folterwerkzeug, das ihn quälte. Bettvorleger war gestern, nun war er ein großer und gefährlicher Hund, eine Dogge, ach was, ein WOLF! Und er hatte die Schnauze gestrichen voll!

Der REWE-Türsteher schrie auf, ließ los und stieß Gerd von sich. »Du Arschloch!«, brüllte er und hielt sich den Unterarm. Er begann an seinem Gurt herumzufummeln, und was auch immer er zu tun beabsichtigte, Gerd ahnte, daß Schlimmeres als die bisherigen Qualen drohte und nutzte den Moment. Er rannte hinaus aus der Oase der Köstlichkeiten, blickte sich kurz um und sah, wie die Uniform in ein Handy sprach. Wahrscheinlich würde bald ein wahres Rudel dieser Typen aufkreuzen, also schnell weg von hier, mit Vollgas, egal wohin!

Einige Minuten später blieb Gerd keuchend stehen und hielt sich an einem Laternenpfahl fest. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Die Luft war rein, wie prüfende Blicke in alle Richtungen bestätigten. Kein dicker Mann mehr da, nur wie gehabt eine Handvoll Leute, die Gerd blöde anstarrten. Ein dummer Gesichtsausdruck schien untrennbar mit dem Menschsein verbunden – wie gut daß Gerd keiner war!

Zeit für ein wenig Entspannung. Gerd hob ein Bein und entleerte seine Blase am Laternenpfahl. Dann ging er in die Hocke und schiß eine wunderschöne Kackwurst auf den Bürgersteig. Gerne hätte er sich danach das Hinterteil saubergeleckt, aber gut, daran mußte er noch arbeiten.

Und schon ging es im lockeren Trab weiter Richtung Stadtpark. Die Prinzenrolle im Maul, ließ er die Arme fröhlich kreisen. Um nichts in der Welt würde er seine Beute wieder hergeben. Weder die Leberwurst noch die Salami und auch nicht die köstlichen Kekse – was konnte es Schöneres an einem sonnigen Tag geben?

Jetzt fehlte nur noch was zu ficken. Aber nicht mehr Clara, die war alt, dick und häßlich und verlangte immer von ihm, daß er sich vorher und nachher wusch. Nein, nun würden sich ihm alle leckeren Mösen der Welt öffnen, davon war er überzeugt. Schließlich besaß er eine Leberwurst!

Hei, wie schön es war, ein Hund zu sein!

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