MIT CLAUDIA IM BETT, SOZUSAGEN: Ich sitze im Büro von Claudia Roth, der Kulturstaatsministerin. Ja, PUNKFOTO ist ein tolles, engagiertes, spannendes Projekt, sagt sie, und 30.000 Euro Förderung jährlich, das ist hinzukriegen. Sie zwinkert verschwörerisch mit dem linken Auge, bevor sie fortfährt: Aber natürlich müßten Sie PUNKFOTO dann noch mal auf einige Richtlinien abklopfen … keine sexuelle oder rassistische Diskriminierung etwa, das ist doch heutzutage wie ein ... (Weiterlesen ...)
Nr. 65

Ein Sack Scheiße

aus »Schlund«, 2018

Es war längst Nachmittag, ich musste ins Arbeiten kommen. In meinem Fall von zu Hause aus, als Freiberufler für plan9 development. Mein letzter Versuch, mich als angestellter Programmiersklave bei tenatec zu verkaufen, hatte keine drei Stunden gedauert. Dann war ich schreiend aus dem tristen Kellerbüro geflohen.

Nüchtern betrachtet, war meine »Karriere« in der IT-Branche eine einzige Pleite. Ein langweiliger Job reihte sich an den nächsten, im Nachhinein nur jahrelanges Abstrampeln in dem Wissen, niemals eine Rente zu erhalten. Ob es mir gefiel oder nicht, ich war immer noch ein Punk und hatte keine Zukunft.

Trotzdem brauchte ich den Job bei plan9 development. Wollte kein Almosenempfänger werden wie so viele. Das ging nur mit klarem Blick und Zähnefletschen: KEIN JUNK! ICH BIN STARK!

Zuerst hieß es ein halbes Dutzend Programme öffnen, was sich elend in die Länge zog. Die Zeit überbrücken mit einer Prise Facebook? Nur lesen? NEIN!

Als hundert Jahre später alles geladen war, überflog ich die technische Dokumentation des Projekts. Ich hatte sie tags zuvor per E-Mail erhalten, sie musste nun rein ins Hirn, damit ich mit der eigentlichen Arbeit beginnen konnte.

Es ging nicht. Ein Folterknecht schien das Ding verfasst zu haben, diese Sammlung aus Bandwurm- und Schachtelsätzen, aus Fremdwörtern und Denglisch-Marketing.

Was soll der Scheiß?

Ich legte beide Hände vors Gesicht, schloss die Augen und wollte nur weg. Ging aber nicht: Ohne Arbeit keine Kohle!

Vor über zwanzig Jahren war ich so naiv gewesen, den Siegeszug des Internets mit »Hallo, Welt!« zu begrüßen, meiner ersten Programmierzeile. Eine Einladung, mit der ich den Aliens endgültig die Tür in mein Leben öffnete. Jahrelang prügelte ich Codezeile um Codezeile in die Tastatur – so wie Jan-Hendrik, der in den 80ern Kiefer und Nasen im Akkord zertrümmert hatte.

Nach und nach wechselte ich vom Punk auf die andere Seite: Im Programmiertunnel brannte nur Licht für Datenbanken, mehrdimensionale Arrays und dynamische HTML-Erzeugung; meinen Lebensdurst stillte ich mit schnellen Klicks ins Internet. Ich wurde zum Posbi-Roboter. Dass wahres Leben nur außerhalb von Internet und Bunker existierten konnte, verdrängte ich. Als iRobot ergötzte ich mich an den technischen Spielzeugen der neuen Zeit, ein fleischgewordenes Maschinenwesen wie in Isaac Asimovs Science-Fiction-Klassiker.

Das iPhone eingeschaltet, eine Runde Tetris spielen, zur Entspannung. Bloß nicht nachdenken! Grübeln bringt dich keinen Schritt weiter. Nur Taten zählen!

Ich rief Joachim an, mit dem ich die Jobs bei plan9 development abwickelte, brauchte seine Hilfe, um durch die Projektdoku zu steigen. Besetzt, ich wartete ein paar Minuten. Besetzt, eine Runde Tetris. Besetzt.

Joachim war echt ’ne Labertasche. Wenn der einmal am Telefon hing, gab’s so schnell kein Ende. Das nervte, aber damit konnte ich leben. Immerhin hatte ich ihm den Job zu verdanken.

Wir waren eine alte Seilschaft, ich kannte ihn von den Chaostagen, bei denen er seinen Rausch auf dem Boden meiner Wohnung ausgeschlafen hatte. Als jobmäßig vor einigen Jahren bei mir nichts ging, bot er mir an, ihm per Home Office unter die Arme zu greifen – seine ungestüme Zeit war vorbei, er hatte nun Familie und arbeitete in der gleichen Branche wie ich. »Datenbanken, PHP-Entwicklung, Code Review und Kohle satt«, beschrieb er den Job – das hörte sich vielversprechend an! Seitdem war Joachim mein Ausputzer, wenn ich mit der Arbeit nicht an Land kam.

Joachim war mein Freund. Mein Schutzschild gegen die hässliche Welt der Arbeit.

 

Es klingelte – die Pizza, die ich vor einer Weile bestellt hatte, war endlich da! Ich ging zur Tür und öffnete dem Mann in den roten Smiley’s-Klamotten. Nahm den Fladen entgegen, der wie gewünscht vorgeschnitten war, bezahlte und gab zwei Euro Tip.

Während ich die Pizza Stück für Stück einschob und die Verdauung mit eiskalter Cola förderte, blubberte der ganze verdammte Scheiß in mir hoch. Der Job. Meine Mutter, die mich sorgenvoll anlächelt. Punk. Fliegen. Schwebebahnen im Wohnzimmer. Donald Trump, wie er Joachim die Wange tätschelt. Kichernde Aliens, die auf einem Schwarzen Loch Pogo tanzten.

Als der letzte Pizzarest vertilgt war, lehnte ich mich zurück. Tief durchatmen! Dem Chaos musste mit Logik beizukommen sein! Alles eine Frage der Systematik. Ab ins Textprogramm, konzentrieren: Was will ich? Wie mache ich das? Wie werde ich den Junk los? Wie kann ich die Psycho-Strahlen der Aliens blockieren? Kein Opfer sein, kein Jammerlappen, keine Heulsuse!

Am liebsten wäre ich ohne diesen Abgrund der Armseligkeit ausgekommen. Nicht nur Facebook in die Tonne – sondern Internet und Mac gleich hinterher! plan9 development in die Luft sprengen! Wenn Joachim in der Mittagspause war.

Aber wie? Als Profiteur des Schwachsinns verdiente ich mein Geld mit der Zersetzung der Gehirne. Ich war ein Alien-Kollaborateur wider Willen. Ein Heuchler, der so tat, als wollte er um jeden Preis die Welt verstehen. Und keinen Deut besser als ein Alkoholiker in seiner verkommenen, mit ausgelutschten Bierpullen zugemüllten Wohnung. Einer, der die gescheiterte Existenz mit Charles-Bukowski-Zitaten schönredete. Mit Sätzen wie »Das Leben ist eine Illusion, hervorgerufen durch Alkoholmangel.«

Ich hasste mich für das Leben, das ich führte. Die Mischung aus Tret- und Zwickmühle, die ich wie viele andere am liebsten weggesoffen hätte. Aber nicht konnte.

Ebenso wenig gelang es mir, in Jubel auszubrechen, wenn man mir Arbeit anbot. Warum sollte ich mich begeistern für meinen Beitrag zur Weltvernichtungsmaschine? Kein Sex mit dem Job, so hatte ich es immer gehalten, kein wir, keine Sinnstiftung durch das Verscherbeln unbezahlbarer Lebenszeit, die auf ewig verloren war. Lieber träumte ich mich durch den Tag oder folgte den Verlockungen des Internets. Prickelndes bekam ich dabei nicht gebacken.

Ich wurde müde. Die Pizza. Ich schlich ins Wohnzimmer und ließ mich aufs Sofa fallen. Aufs Hochbett zu steigen, wäre keine gute Idee gewesen. In meinem Zustand hätte ich mich in all die bequemen Decken und Kissen eingemümmelt, und danach wäre es schwer, den Arsch wieder in die Vertikale zu heben.

Mein Nachmittagsschlaf musste eine Spur unkomfortabel sein, ein strammes Sofakissen half dabei. Ich lag auf dem Rücken, vergrub mich in die Jacke, die Hände in den Taschen, die Kapuze über den Kopf gezogen.

Ich flog davon.

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