Nr. 47

Der Blick durch die Klobrille

aus »Schlund«, 2018

Ich klappte den Laptop zu, Zeit für einen Ortswechsel, für die Flucht ans rettende Ufer. Den einzigen Ort im Bunker ohne Internet, Lautsprecher, Monitore. Nicht mal Comics oder Zeitungen hatten sich auf das Scheißhaus eingeschlichen. Ein stilles Örtchen, wie es im Buche stand, wie geschaffen fürs Abtauchen.

Ich vermied den Blick in den Spiegel, ein glatzköpfiger, verquollener, langsam verrottender Kerl mit grauem Bart hätte mich angestarrt. Ein Anblick, der mich jedes Mal verstörte, ich sah doch ganz anders aus: straffes Gesicht, glatte Haut, wohlgeformte, prächtige Augen und dichtes, schwarz-rot gefärbtes Haar, das in alle Richtungen vom Kopf abstand.

Es sprach vieles dafür, dass mich der Spiegel verarschte; falls ich mich irrte, wäre das Monster, das mich daraus anglotzte, gut beraten, die Öffentlichkeit zu meiden. Keine Liebe für Zombies!

Ich gehörte nicht in diese Zeit. Meine Heimat waren die 80er. Kein Internet verschlang unsere Aufmerksamkeit, wir schrieben Briefe und telefonierten mit Geräten so schwer, dass sie zur Selbstverteidigung taugten. Wir onanierten in Sexheftchen aus Papier, nicht auf Monitore.

Helmut Kohl und Ronald Reagan? Atomraketen? Scheiß drauf! Scheiß auf alles! Besonders, wenn es um die unbewiesenen Langzeitfolgen von Bier, Schnaps und Zigaretten ging. Es würde nie Zukunft werden, sondern immer Gegenwart bleiben!

Ich will zurück! Jetzt! Auf der Stelle!

Ein eher armseliger, debiler Wunsch. Ich wurde nicht postwendend in die Vergangenheit zurückbefördert, wie auch? Diese paradiesischen Zeiten waren vorbei.

Beim nächsten Mal wird dir das nicht passieren, flüsterte es in meinem Kopf. Alles nur ein Spiel, bei dem du eine Runde verkackt hast. Eines Tages würde ich als knackiger Frischling einen neuen Anlauf starten. Nur Geduld!

Aber vielleicht musste ich gar nicht so lange durchhalten. Ich hatte da eine Idee. Bloße Spinnerei, klar, aber ich wollte es versuchen. Bei einem Schlag ins Wasser bliebe noch Plan B. Die harte Variante. Die ging immer – Bomben, Granaten, Element, Potzblitz, Donnerwetter Sapperment noch mal!

 

Ich setzte mich also aufs Klo, die Dinge nahmen ihren Lauf und rauschten abwärts. Das ging auf dem Hintern besser als stehend, denn die Wampe hätte mich sonst in eine eher krumme Haltung gezwungen, der gelbe Strahl wäre nicht sicher in der Schüssel gelandet. Jeder danebengegangene Spritzer hätte die nächste Kloreinigung vorgezogen – eine Aufgabe, die ich eh ständig auf morgen verschob. Arbeit ist scheiße war seit jeher mein Credo, und das galt besonders, wenn Arbeit bedeutete, übergewichtig auf dem Boden herumzurutschen und Exkremente aus der Schüssel zu schrubben. Tja. Früher hatte ich überschüssige Energie, heute nur überflüssiges Gewicht.

Ich werde abnehmen, redete ich mir ein. Dann wäre ich wieder fit und spränge wie ein Reh über Stock und Stein! Ich musste es nur wollen!

Dass ich mir den Kopf über solchen Mist zerbrach, darüber kann ich heute nur lachen. Ich weiß nicht einmal mehr, wo die Waage geblieben ist, auf die ich mich früher mehrmals täglich stellte.

In diesem Moment jedoch standen andere Dinge auf dem Zettel. Ich schloss die Augen, öffnete den Mund und ließ meinen Kopf in den Nacken fallen. Brauchte ein Totalegal-Gefühl, wie kurz vor dem Einschlafen. Damit mich die Zeitreisekraft packen und aus der Gegenwart herausreißen konnte. Um mich zum Anfang zurückzuschleudern, nach Wuppertal, in mein Leben als Peter Altenburg.

Ich fiel in einen Abgrund, vermochte mich nirgendwo festhalten, nicht einmal an Gedanken – das war der Sinn der Sache!

Unvermittelt sitze ich nicht mehr auf der Brille, sondern in einem Sessel. Ertaste rauen, gemusterten Stoff. Links und rechts Holzlehnen mit einem Geflecht, an dem meine Finger entlangrattern. Übergangslos verwandelt sich der Sessel in eine Blechwanne. Ich werde gewaschen, von meiner Mama. Das ist schön, besonders am Pillermann. In der Hand Henne Berta. Viele Schnitte und Überblendungen. Auf der Straße ein Mix aus Schnee und Dreck. Autos mit wuchtigen, geschwungenen Formen. Der Fernseher und seine flimmernden Bilder, toll!

Jemand schiebt mich im Kinderwagen durch die Stadt. Alles wirbelt durcheinander, bis die Schwebebahn oben auf den Schienen fährt, nicht darunter, wie es sich gehört.

Die Achterbahnfahrt will nicht enden, ich juble, fürchte mich, habe keine Worte für die Zilliarden Dinge, die atmend und singend ineinanderfließen.

Ein Cut. Massig Schwarz, geht wohl über ein paar Monate.

Als es wieder hell wird, hocke ich mit meinem Vater auf dem Boden des Wohnzimmers. Mit der Hand führe ich die Hülle einer Streichholzschachtel an einem Bindfaden entlang. Der ist zwischen zwei Stühle gespannt und dient als Schiene einer imaginären Schwebebahn. Ich bewege die Schachtel – die Schwebebahn! – vorsichtig hin und her, genieße den Zauber meiner eigenen Welt. Beginne zu begreifen. Ich und mein Papa lachen. Er nimmt einen Schluck aus der Bierflasche.

Das Wohnzimmer weicht ernsten Gesichtern, die auf mich einreden. Ich sitze zusammen mit anderen Kindern im Speisesaal des Ferienheims Gachau. Nonnen schieben gigantische Töpfe auf Rädern die Tischreihen entlang und füllen unsere Teller.

Ich will nicht essen. Eine Frau und ein Mann greifen meine Hände, links und rechts. Sie führen mich in ein anderes Zimmer, ich muss mich auf einen Stuhl Platz nehmen.

Der Mann schüttet mein Essen in eine Maschine. Kartoffeln, Salat und Fleisch sausen hinein, heraus fließt ein gelblicher Brei mit grünen Fetzen.

Die Frau hält einen vollen Löffel vor meinen Mund, ich presse die Lippen zusammen, obwohl ich lieber schreien möchte. Dafür brüllt der Mann umso lauter, schlägt mir ins Gesicht, einige Male. Solange, bis ich den Mund öffne und die Frau Löffel für Löffel des Breis in mich hineinschaufeln kann. In meinem Rücken der Mann, der mich mit beiden Händen festhält, bis der Teller leer ist.

Ich versinke in einem Nebel aus Tränen, Ekel, Schmerz und Hilflosigkeit und drücke vor Wut eine Kackwurst in die Unterhose. Es stinkt, der Mann wird noch wütender.

Während ich versuche, die Welt zu sortieren, in die mich die Zeitreise verfrachtet hat, beginnt das Holodeck zu flackern. Angriff der Borg oder so. Captain Picard muss auf die Brücke, zurück in die Gegenwart. Der Blick in die 60er weicht einem winzigen Kinosaal, ohne Abspann werden im Eiltempo die Lichter aufgeblendet, der Vorhang schließt sich. Ein Platzanweiser, der wie Udo Lindenberg aussieht, schnauzt mich an: »Hau ab, aber schnell! Das is hier ’n Kino und kein Pennerhotel!«

In der Ferne klingelt ein Telefon.

Als ich die Augen öffnete, saß ich nicht auf einem Kinostuhl, sondern der Klobrille. Der Wachtraum zerplatzte. Ich hatte nur Löcher in die Luft geglotzt, war dem Ausbruch keinen Schritt nähergekommen. Kein Neustart, gar nichts.

Das Telefon hörte nicht auf zu klingeln; ich schüttelte mich ab, zog die Hose hoch und stolperte benommen ins Büro.

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