Nr. 402

Der Traum vom Fliesen

Ich war fertig für den Tag. Der Fliesenkleber hing noch an meinen Fingern, und der Ziegelstaub saß in meiner Lunge. Ich wollte nur noch ein Bier.

Als ich nach Hause kam, war das Haus leer. Lisa war nicht da. Nur eine Nachricht auf dem Küchentisch: »Es tut mir leid, Tim. Ich kann nicht mehr. Ich treffe mich heute mit Stefan. Es ist aus.«

Scheiße. Die Schlampe hatte mich betrogen. Einfach so. Mit irgendeinem Typen vom Fitneßstudio. Muskelprotz, durchtrainiert, Sixpack. Und ich? Einfach nur ein fetter Fliesenleger.

Da kam die Wut hoch in mir. Alles was wir gebaut hatten, unser Zuhause, unser Leben - vorbei. Den Arsch hatte ich mir abgearbeitet, jede freie Minute ins Haus gesteckt, das eigentlich meins sein sollte und nun ihr gehörte. Und das alles wegen der bescheuerten Idee meiner Mutter, Lisa das Haus zu vermachen, bevor sie abnippelte. Jaja, die Lisa, die wird dein Rettungsanker, hatte sie gesagt. Angeblich der perfekte Plan, meinen Gläubigern den Stinkefinker zu zeigen.

Und jetzt würde sie mich in die Wüste schicken und mit ihrem Stefan in meinem Haus Dschungelcamp glotzen.

Im Flur lag noch der Vorschlaghammer. Ich packte ihn, fest, entschlossen, und marschierte ins Wohnzimmer. Dann ging’s los. Ich schlug auf alles ein, was mir in die Quere kam. Zuerst zerlegte ich den Flachbild-Fernseher, Dschungelcamp adé. Dann die Fliesen an der Wand, dann die Scheiben des Wohnzimmerschranks, dann die Vitrinen. Splitter flogen durch die Luft. Ich brüllte, fluchte, schrie. Die ganze verdammte Scheiße sollte den Bach runtergehen! Die Möbel, für die ich Jahre geschuftet hatte - Späne! Die Bilder an der Wand, die sie so toll fand - Fetzen!

Dann machte ich ihr geliebtes Badezimmer platt, jede verlegte Kachel. Ich hatte die Fliesen selbst gelegt, teuer und schick. Jetzt schlug ich sie kaputt, eine nach der anderen. Das Geräusch der zerberstenden Fliesen war Musik in meinen Ohren. Die Votze sollte nix mehr davon haben. Kein Badewannen-Fick mit Stefan in diesem Haus.

Die Küche war als nächstes dran. Hatte ich natürlich auch in stundenlanger Plackerei durchgefliest, wer sonst? Ich Schwachkopf, ich Idiot, ich hätte es früher merken MÜSSEN! Egal. Die Mosaikkacheln mußten dran glauben, genauso wie der Herd, auch die Töpfe polterten nur so durch die Bude. Jeder Check gegen das Geschirr ein Schlag zurück für ihren Verrat.

Selbst vor meinem geliebten Gartenteich machte ich nicht Halt. Ich riß die Pumpen heraus, zerbrach die Skulpturen, trat die sorgfältig gepflegten Pflanzen nieder. Selbst die Karpfen fielen meinem Zorn zum Opfer, Pech für sie.

Zum krönenden Abschluß hämmerte ich mich durch den Keller. Bis die Öltanks leckten und Kartoffeln, Obst und all die anderen Lebensmittelvorräte in einer dicken Pfütze schwammen.

Acht Stunden tobte ich in meinem eigenen Haus und zerstörte jeden Raum, bis nichts mehr übrig war als Trümmer, Chaos, Scherben und Holzsplitter. Schließlich stand ich schwer atmend da, die Hände blutig, das Haus war hin.

Aber die Wut war noch nicht weg. Ich mußte weitermachen, irgendwie.

Da sah ich Lisas Auto vor der Tür. ihren verdammten Polo. Noch so ein Statussymbol, für das ich geschuftet hatte. »Du willst deine Klamotten holen«, dachte ich, »dann fix zurück zu deinem Stecher und mich von deinem Anwalt vor die Tür setzen lassen. Aber so einfach kommst du mir nicht davon.«

Ich griff erneut den Vorschlaghammer, rannte nach draußen, von Lisa keine Spur zu sehen. Egal, ich machte mich an die Arbeit, ich bearbeitete die Karre. Erst die Scheiben, dann die Kotflügel, die Motorhaube. Ich hämmerte und hämmerte, bis der Polo nur noch Schrott war, ein Wrack. Danach pinkelte ich noch auf die Reste.

»Tim, was machst du da? Hast du den Verstand verloren?« Plötzlich stand Lisa hinter mir. Kein Grund für mich, meinen Schwanz zurück in die Hose zu packen.

»Was ich mache? Ich zeige dir, was ich von der Nummer mit Stefan halte.«

»Bitte Tim, beruhig dich. Lass uns reden …« Sie versuchte meine Hand zu packen.

»Faß mich nicht an! Los, verschwinde hier. Hau bloß ab!«

Ich wartete ihre Antwort nicht ab, ließ den Hammer fallen und ging zurück ins Haus. Die Wut pulsierte immer noch in mir. Lisa hatte Recht - ich hatte den Verstand verloren, an diesem Tag, wegen ihr. Aber jetzt war nichts mehr zu retten. Nur Zerstörung konnte die Leere in mir füllen.

 

Ich stokelte eine Weile durch die Trümmerlandschaft, die Lisas Haus nun war, dachte nach und dachte nach. Die Olle mußte noch mehr büßen. Ich wußte, wo sie sich gerne rumtrieb - dieser beschissene Laden in der Fußgängerzone. Das »Blue«. Unser Stammlokal früher, mit all den Erinnerungen. Das mußte dran glauben.

Ich wartete bis vier Uhr in der Früh. Dann schlich ich mich ans Blue ran. Die Tür war abgeschlossen, aber ein Fenster stand offen. Ich kletterte rein, stand zwischen den Tischen. Hier hatten wir früher gelacht und getrunken. Und jetzt?

Ich griff mir einen der schweren Aschenbecher und warf ihn gegen die Theke. Klirr! Das fühlte sich gut an. Weitere Aschenbecher folgten, dann Gläser, Flaschen. Ich machte alles dem Erdboden gleich, den ganzen Laden. Zum Schluß noch ein Feuerzeug ans Tischtuch - die Flammen loderten auf. Ich warf ein paar Pullen Hochprozentiges mit Wucht obendrauf, sie zersplittern, und das Feuer kam nun richtig in die Gänge.

Dann machte ich mich aus dem Staub, irrte ein Weile durch die Nacht.

Als die ersten Sonnenstrahlen am Horizont auftauchten, stand ich an einer verlassenen Landstraße am Stadtrand. In der Ferne konnte ich die Rauchsäulen sehen, die aus dem Inneren der zerstörten Kneipe aufstiegen. Das Feuer mußte sich in der Zwischenzeit ausgebreitet haben.

 

Ich machte mich auf den Weg zu Stefans Wohnung, ich wußte ja, wo der Wichser wohnte, nur ein paar Minuten entfernt. Schließlich hatte ich ihm vor nem halben Jahr sein Scheiß Bad gefliest. Sein Fick-Bad oder »Sex-Schaumbad«, wie er es nannte. »Hier sollen sie mir alle einen blasen«, hatte er gesagt und gegrinst. Und jetzt war Lisa bei ihm und blies ihm einen. Hölle, in MEINEM Bad!

Stefans Domizil war so ein fancy Neubau, Turmglas und Chrom, so hoch, daß man gegen den Himmel spucken konnte.

Als ich die drei Etagen zu seiner Tür hinaufstieg, hämmerte mein Herz wie der Vorschlaghammer gestern. Ich klopfte nicht. Stattdessen brach ich mit einem Tritt die Tür auf.

Im Flur brannte kein Licht, es war ja erst sechs, die schliefen sicher noch. Ich hörte Schritte, dann ging das Licht an. Stefan stand vor mir, der braungebrannte Muskel-Kasper, die Augen aufgerissen. Ich verpaßte ihm gleich eins auf die Zwölf, bevor er einen Mucks von sich geben konnte. Fliesenleger gegen Schaumschläger eins zu null.

Ok, er stand wieder auf, die Sache war noch nicht vorbei.

»Was willst du?«, fragte er.

Ich schlug zu, hart. Sein Kinn wackelte wie eine lose Platte. Er reagierte mit einem Konter, einer geraden Rechten, aber es war nicht genug. Nicht gegen das Gewicht meiner Fäuste, nicht gegen das Gewicht von hunderttausend Fliesen. Er kassierte und kassierte, dann fiel er um.

Das reichte mir nicht, nun wollte ich ihm die finale Packung geben. Die letzte Ölung.

Dann stand Lisa plötzlich im Flur, zerzauste Haare, sie schrie und heulte und kreischte wie verrückt.

»HÖR AUF! HÖR AUF! HÖR AUF! Bis du verrückt geworden?«

»Hättest du dir vorher überlegen müssen.«

»Jetzt hau ab!«

»Wohin denn?«

»Ich hol die Bullen!«

»Bis die kommen, ist hier alles platt.«

»Du Verlierer.«

»Besser als Betrüger.«

»Du bist ein Monster.«

»Kleb dir 'n Herz.«

»Du bist leer.«

»Und du?«

»Stefan ist ganz anders.«

»Der liegt da wie 'ne Fliese.«

»Was willst du eigentlich? Mein Leben zerstören? Deins? Die ganz Welt in die Luft sprengen?«

»Ich will 'n Bier«, log ich.

Ihre Fragen hatten ins Schwarze getroffen. Was wollte ich hier?

 

Lisa heulte im Hintergrund wie ein kaputter Wasserhahn und Stefan schnaufte auf dem Boden wie eine verstopfte Abflußrinne. Und ich? Ich war nur ein Verrückter mit einem Herz aus Zement. Und ohne jedes Ziel.

Die Fliesen im Kopf begannen zu tanzen, ein Durcheinander voller Kratzer und Sprünge. Meine Gedanken verlegten sich wie Mosaiksteine auf einem endlosen, wüsten Grundriß. Auf der Suche nach dem Motor, der mich antrieb. WAS WOLLTE ICH?

Lisa zurück? Warum? Damit sie mir unter den Händen zerbrach wie B-Ware aus dem Sonderangebot? Mein Haus zurück? Ein Fundament, das Risse zeigt, ist zu nichts zu gebrauchen. Ihren Tod? Nein, ich war Fliesenleger, kein Henker.

Auf der anderen Seite - die ganze Welt in die Luft jagen, das hatte was. Ein Inferno entzünden, das alles verbrannte. Die Galaxis mit Trümmerteilen zupflastern, eine kosmische Silhouette aus Leid und Wut.

Und zuletzt mich selbst abschießen und auf den galaktischen Bauschutt werfen. Hm. Angesichts so vieler ungelegter Fliesen fühlte sich das falsch an.

Dann, ein Knistern im Gehirn, ein Funke hinter der Wut. Ich wollte lieber was erschaffen. Hauptsache, es hält – eine Welt, in der Fliesen nicht unter meinen Sohlen zerbrachen.

Als Fliesenleger hatte ich gelernt, mit zerbrochenem Material zu arbeiten. Vielleicht war’s Zeit, die Splitter aufzusammeln und was Neues anzufangen. Eine Fliese nach der anderen, bis die Muster wieder einen Sinn ergaben.

Es hatte keinen Sinn, darüber mit Lisa und Stefan zu sprechen. Sie konnten das nicht verstehen, sie waren nur Figuren im krummen Raum meines alten Lebens. Ich mußte woanders neu anfangen, eine neue Wand für mein Mosaik finden.

Ich verließ das Bad, dann die Wohnung. Ließ die Schreie und Flüche hinter mir, während meine Schritte im Treppenhaus widerhallten. In meinem Rucksack hatte ich immer ein bißchen Werkzeug. Draußen regnete es, und der Regen wusch das Blut aus meinem Gesicht.

Es waren die Fliesen, die Liebe meines Lebens, die mir den Ausweg gezeigt hatten. Wieder einmal.

Ich hatte Arbeit vor mir.

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