MIT CLAUDIA IM BETT, SOZUSAGEN: Ich sitze im Büro von Claudia Roth, der Kulturstaatsministerin. Ja, PUNKFOTO ist ein tolles, engagiertes, spannendes Projekt, sagt sie, und 30.000 Euro Förderung jährlich, das ist hinzukriegen. Sie zwinkert verschwörerisch mit dem linken Auge, bevor sie fortfährt: Aber natürlich müßten Sie PUNKFOTO dann noch mal auf einige Richtlinien abklopfen … keine sexuelle oder rassistische Diskriminierung etwa, das ist doch heutzutage wie ein ... (Weiterlesen ...)
Nr. 276

Mit Claudia im Bett, sozusagen

Ich sitze im Büro von Claudia Roth, der Kulturstaatsministerin. Ja, PUNKFOTO ist ein tolles, engagiertes, spannendes Projekt, sagt sie, und 30.000 Euro Förderung jährlich, das ist hinzukriegen. Sie zwinkert verschwörerisch mit dem linken Auge, bevor sie fortfährt: Aber natürlich müßten Sie PUNKFOTO dann noch mal auf einige Richtlinien abklopfen … keine sexuelle oder rassistische Diskriminierung etwa, das ist doch heutzutage wie ein ungeschriebenes Gesetz für erfolgreiche PR, macht man eben jetzt so, nicht wahr? Oder ist Gendern ist ein Problem für Sie? Geben Sie doch LGBT ein bißchen mehr Raum auf der Site, ja? Barrierefrei muß auch sein. Und es wäre schön, wenn es zu jedem Foto eine schriftliche Genehmigung gäbe. Sie wissen schon, Persönlichkeitsrechte, Copyright der Fotografen, die ganze Juristerei sozusagen, haha! Hätten wir früher auch nicht gedacht, daß wir uns mal mit Regeln und Paragraphen rumschlagen würden, was? Aber »Keine Macht für Niemand«, das geht eben nicht mehr. Und an die Gelder zu kommen, müßten Sie dann noch einen gemeinnützigen Verein gründen, aber das wissen sie ja sicher selbst. Weshalb tragen Sie eigentlich immer noch Lederjacke? Das ist doch so was von gestern, ohne Achtsamkeit kommen Sie nicht mehr weit, warum gehen Sie nicht mit gutem Beispiel voran, sozusagen? Und wo wir gerade dabei sind … damit aus der Förderung was wird, lieber Karl, sollten Sie Ihre Website noch mal gründlich checken. Also, ich meine damit ihre eigene als Künstler, die mit den skurrilen Geschichten. Das geht ja so was nach hinten los, wenn die Medien Wind von ihren Rundschlägen kriegen. Ich verstehe Sie ja, Provokation und so, alte Punk-Tradition sozusagen, jaja, ich kenne das, ich liebe das sogar. Aber der Zirkus rund um die documenta hängt mir immer noch am Arsch, öh, also nur sozusagen, aber da kann ich mir keinen weiteren Skandal leisten …

Nachdem Claudia durch ist mit ihrem Wortschwall, mit all den liebenswürdigen Bedingungen, Vorschlägen und Ultimaten, erkläre ich, daß ich akzeptiere, null problemo sozusagen. Ich kümmere mich um alles, das kriegen wir schon hin, ich bin ja flexibel. Und überhaupt - Geld stinkt nicht, versuche ich mich an einem Witz.

Da runzelt sie ein wenig die Stirn, ich fürchte schon, die 30 Mille soeben verspielt zu haben. Aber sie reicht mir nur die Hand, wünscht gutes Gelingen und eilt zur Tür hinaus. Sie hat viel zu tun als Ministerin.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, auch die eine oder andere kritische Frage zur Politik der Ampel-Regierung vorzubringen, oder zu ihrer eigenen. Warum sie etwa als Bundestagspräsidentin mal so einem AfD-Spacko wegen mangelnden Genderns eine Rüge verpaßt hat. Aber manchmal muß man eben Prioritäten setzen. Vielleicht ein anderes Mal. Oder gar nicht, scheiß drauf. Weil alle Fragen überflüssig sind, das hat sie ja unmißverständlich rübergebracht - »Keine Macht für Niemand« war gestern! Ach, VORGESTERN! Sie ist der Koch, ich nur Kellner, komm mal klar, Alter! Oh ... Claudia ist natürlich, sozusagen - »die Köchin«, sorry! Oder vielleicht doch die Kochende? Nicht einfach, die neuen Regeln, aber da muß ich jetzt eben durch!

Dann geht’s mit dem ICE zurück nach Hamburg. Dort werfe ich als erstes meine Juppe in den Müllcontainer, Claudia hat recht. Die Spielregeln des Zeitgeists von heute kann ich nicht ignorieren, wenn ich erfolgreich sein will, also nehme ich von nun an Rücksicht auf Tiere, Frauen und überhaupt alle, die keine alten weißen Männer sind.

Nachdem ich mir geschworen habe, meinem und auch anderem schändlichen Tun ein Ende zu machen, setze ich mich an das Konzept für den PUNKFOTO-Umbau. Die Modernisierung, sozusagen. Zwischen zwei vegetarischen Burgern fahre ich www.karlnagel.de runter - Schluß mit der elenden Schreiberei, wenn die doch nur Ärger einbringt und zudem Mitmenschen verletzt! Hauptsache, ich ziehe achtsam die Kohle an Land, denke ich. Ich sehe förmlich, wie ein Unsichtbarer vor meiner Nase mit den Scheinchen wedelt.

Dann durchfährt es mich siedendheiß: Vor 20 Jahren habe ich doch mal ein paar NAZIS getroffen … SCHEISSE! Was mache ich, wenn das RAUSKOMMT? Was wird dann aus der schönen Förderung? Alles vorbei? ALLES VORBEI? ALLES? ALLES? ALLES?

Schweißnaß erwache ich. Noch mal Schwein gehabt, alles nur geträumt! Ich erkenne: Meine jüngste Idee, PUNKFOTO aus öffentlichen Töpfen finanzieren zu lassen, von Firmen, der EU, dem Staat, hat mich bis in den Schlaf verfolgt. Weil sie völliger Schwachsinn ist. Ein Horror.

Ich will keinen Verein. Mit wem auch? Diejenigen, die in so was aufgehen, sind Zeitbomben. Die Ereignisse rund um die APPD vor etlichen Jahren sind tief in mein Stammhirn gebrannt - als ich dem damaligen Vorsitzenden auf die Füße trat, stand plötzlich der Gerichtsvollzieher mit einer Einstweiligen Erschießung vor meiner Tür.

Nie wieder - ich will mich nicht auf Sitzungen und anderen Versammlungen mit Vorstand, Vereinsmitgliedern und Rechenschaftsberichten herumschlagen müssen, nicht Erfüllungsgehilfe sein etwa der Sparkasse, der Punker-Polizei und auch nicht von Claudia Roth. Sondern einfach machen, so wie seit Jahrzehnten: Unabhängig und mit Spielfreude Grenzen überschreien, juristische und andere Grauzonen ausloten, rote Knöpfe drücken, etwas wagen, mich zum Affen machen - so war ich schon immer, und so möchte ich bleiben.

Ich will mit PUNKFOTO keinen »Erfolg«, nicht »groß« werden und auch keine Knete aus öffentlichen Töpfen abgreifen. Weil dann bald Schluß mit Lustig ist.

Also geht es nur so: Wir finanzieren PUNKFOTO zusammen, und die Monster bleiben draußen, basta!

Und wenn’s nicht reichen sollte, geht eben alles den Bach runter. Geht’s sowieso, und zwar überhaupt nicht sozusagen.

HOWGH.

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