MIT CLAUDIA IM BETT, SOZUSAGEN: Ich sitze im Büro von Claudia Roth, der Kulturstaatsministerin. Ja, PUNKFOTO ist ein tolles, engagiertes, spannendes Projekt, sagt sie, und 30.000 Euro Förderung jährlich, das ist hinzukriegen. Sie zwinkert verschwörerisch mit dem linken Auge, bevor sie fortfährt: Aber natürlich müßten Sie PUNKFOTO dann noch mal auf einige Richtlinien abklopfen … keine sexuelle oder rassistische Diskriminierung etwa, das ist doch heutzutage wie ein ... (Weiterlesen ...)
Nr. 55

Mit dem Anwalt gegen Punk-Rosinenbrötchen

Manche Leute verschwenden ihre besten Jahre mit Ficken und Saufen. Dafür beneide ich sie. Sie haben was aus ihrem Leben gemacht. Während sie nun ihrem Ende entgegendämmern, wissen sie dennoch, daß sie nichts ausgelassen haben.

Ich jedoch muß ich mich mit Quälgeistern abplagen, die wegen Nichts mit dem Anwalt drohen. Ehemaligen »Punkern«, die wegen des PUNKFOTO-Outings ihres 30 Jahre zurückliegenden Lederjackentragens einen Schweißausbruch nach dem anderen kriegen. Sie wollen verhindern, daß Frau, Kinder, Arbeitgeber und der CDU-Ortsverband vom damaligen Treiben Kenntnis erhalten. Und schreiben mir hohle Grütze a la »SIE HÖREN VON MEINEM ANWALT!«

Mit PUNKFOTO ist eigentlich alles wie immer. Ich habe eine fixe Idee und mache sie wahr. Öfter auch nicht. Gerne wäre ich etwa Bundeskanzler geworden, um nach meiner Wahl gleich wieder zurückzutreten. Daraus wurde nichts. Als Schundcomicverleger sah ich mich erfolgreich in die Abendsonne reiten. Wurde leider ‘ne Pleite.

Es bleibt eine Band, diese Seite und ein Archiv Tausender Punkfotos im Internet. Mit Rauschebart sitze ich allein zwischen meinen Daten. Oder ich fahre in der Gegend herum, um verstaubte Punk-Fotoalben zu scannen. Was auf die Dauer langweilig ist. Immer geht es um Gestern.

Während ich davon träumte, mit den tollsten Punk-Bräuten von damals genau JETZT nach Las Vegas zu fahren, um die Sonne zu putzen, kam eine Mail.

»Hallo Karl … nimm doch bitte mein Foto raus. Gibt nur Ärger. Ansonsten weiterhin viel Erfolg mit Deinem Archiv - ich stöbere gerne darin rum! Grüße, Klaus.«

Schlanke Sache, ein paar Handgriffe. Wer nicht will, muß nicht. Klaus, der sich früher stolz »Monster« nannte, kam auf die Schwarze Liste. Kann jetzt sein Leben in Ruhe und Frieden und ohne lästige Rechtfertigungen ausklingen lassen.

Ich gönne es ihm. Und habe selbst überhaupt keinen Bock auf Lebensabend. Ich will immer noch etwas, von dem ich nicht weiß, was es ist. Punk wurde über die Jahre zu meinem Fundament und gleichzeitig zum Ballast. Denkt bei »Anarchy In The UK« mal den Gesang weg: lahmer Rock, braucht keiner! Aber obendrauf eine Stimme, die alles in Stücke schlägt. Ein Betonklotz, auf dem ein Irrer tanzt. Ich.

Selten wollen auch Leute wieder rein in PUNKFOTO, nachdem ich sie auf eigenen Wunsch rausgeworfen habe. Das mag ich. Über den eigenen Schatten springen und wissen, daß man ein Idiot ist. Wie bei gutem Sex.

 

Einige Leute machen sich Sorgen um mich.

»Hey, Alter, das ist heutzutage ganz schön gefährlich«, sagte Marcus, soff das zehnte Bier und qualmte mir die Hütte voll.

»Bilder und so, Copyright, ich weiß. Ist den meisten egal. Die freuen sich, wenigstens im Punk-Museum noch ein bisschen rumzugeistern. Ist besser als Punk-Friedhof.«

»Ja, den MEISTEN! Aber was ist mit den ARSCHLÖCHERN?«

Schon klar: Eines Tages wird es knallen und ein einziger dahergelaufener Schwachkopf wird es mir besorgen. Mit Anwalt und Gericht. So what? Da SCHEISS ich drauf. Dann schnorr‘ ich im Internet das bißchen Kohle zusammen, und weiter geht’s!

Ich weiß, daß es Leute gibt, die es einem auf jeden Fall besorgen wollen. Auch, weil sie angstgetriebene arme Würstchen sind. Da hilft kein beruhigendes Wort, kein Hinweis noch und nöcher, daß ich Bilder auf Wunsch umgehend rausnehme und jede Droherei mit Anwalt und Gericht komplett überflüssig ist. Die wollen einfach nicht lesen. Aber sie wollen, daß ich weiß, daß sie wissen, daß sie jetzt auf der besseren Seite des Lebens angelangt sind. So denken sie sich das jedenfalls, wenn sie ihre Show abziehen.

Wie etwa bei Philip aus Bottrop (alle Fehler im Original!):

 

»Sie haben ein Foto auf dem ich abgebildet unter folgender Adresse auf ihrer Webseite veroffentlicht:

/media/mxxx_gxxx

HIERMIT WIDERSPRECHE ICH DER VERÖFFENTLICHUNG !

Ich bitte Sie das Foto binnen einer Frist von 1 Woche (Ab dem 3.10.2014) zu löschen sowie die Nennung meines Namens zu unterlassen, da es sich um meinen »tatsächlichen« Vornamen handelt und nicht einen der üblichen »Punker-Spitznahmen«

Einer bloßen Unkenntlichmachung meines Gesichts stimme ich NICHT zu.

Anderenfalls sehe ich mich leider gezwungen meinen Anwalt zu kontaktieren.«

 

So formuliert man, wenn man mit Punk nichts mehr zu tun haben will. Wenn alles vorbei ist. Wenn man nicht mehr der Idiot sein will, der früher in »Punker-Kreisen« lederbejackt und bierflaschenschwenkend durch die Gegend getaumelt ist.

Jetzt aber ist Philip durchs Leben geläutert, die eigene Vergangenheit peinlich. Dabei sollte er sich lieber für seine zertrümmerte Gegenwart an den Kopf packen. Für seine neuen, besseren Umgangsformen, wenn er morgens beim Bäcker sagt:

»Ich bestelle hiermit 5 normale Brötchen und 1 Rosinenbrötchen. Einer geringen Anzahl Rosinen darin stimme ich nicht zu. Falls ich bei einer Zählung weniger als 25 Rosinen feststellen sollte, sehe ich mich leider gezwungen, meinen Anwalt zu kontaktieren.«

Als Bäcker würde ich so einen Spinner nur auslachen. Oder ihn achtkantig rauswerfen.

»The problem is YOU - what you’re gonna do?« - na, sich mal so richtig aufblähen, um eingebildete Konflikte zu lösen! Konflikte aus dem WAHREN Leben, das uns seit jeher terrorisiert: Den ganzen Schwachsinn nicht nur mitmachen, sondern auch noch abfeiern und anderen aufs Brot schmieren!

Wer auf Masochismus abfährt, soll ihn haben: Das oben beanstandete Foto habe ich natürlich NICHT gekillt. Aber Philip, den antragstellenden Rosinenzähler, mit einem schönen schwarzen Block abgedeckt! NUR ihn! Seine Drohung war mir nicht Befehl. Sind schließlich auch andere Leute auf dem Bild drauf. Und es gibt keinen Grund, die gleich mit in den Orkus zu schießen.

 

Wenn Philip eines Tages zufällig seinen alten Kumpels über den Weg laufen sollte, dann wird das ein unangenehmes Gespräch.

»Hey, Philip, alter Sack! Lange nicht gesehen!«, wird Schimmi sagen. »Laß uns einen trinken gehen, auf die alten Zeiten!«

»Nee, passt gerade nicht, muß zum Zahnarzt.«

»Sag, mal dieses Bild da von uns im Internet, warum ist da ein schwarzer Kasten über deiner Hackfresse? Haste dich da rausmachen lassen?«

»Quatsch! War doch ne geile Zeit! Nagel, der Arsch, war das. Keine Ahnung, warum …«

 

Ich weiß nicht, wie DU drauf bist. Weißt du noch, was dich damals angetrieben hat ...

Mich jedenfalls treibt gerade was ganz anderes. Muß unbedingt 'ne Currywurst essen gehen. Bestimmt treffe ich ja an der Bude ein paar Weiber von damals. Mit denen ich nie was hatte.

ANMERKUNG DES AUTORS: »Habe die eine oder andere Passage in REFLUX zweitverwurstet!!

Download "Mit dem Anwalt gegen Punk-Rosinenbrötchen" als PDF

Um spionierende ROBOTER draußenzuhalten, beantworte folgende FRAGE:
Gönnen Sie sich unbedingt weitere Veröffentlichungen unseres TOP-Autors KARL NAGEL! Es erwarten Sie wie gewohnt packende Unterhaltung, prickelnde Erotik und schockierende Enthüllungen! Lesen Sie AUF DER SUCHE NACH DEM WAHREN LEBEN - Nur einen Click entfernt!
VERZEICHNIS LIEFERBARER TITEL: An allen hat KARL NAGEL, der geniale und überaus beliebte Tausendsassa des Schundburg-Verlags, im Laufe der vergangenen Jahre mitgewirkt. Ab Bestellwert 20€ KEINE VERSANDKOSTEN, unter 20€ Bestellwert VERSANDKOSTENPAUSCHALE von 5€! Bestellung per E-Mail an verlag(-ät-)schundburg.de, Alternativ kann auch via EBAY bestellt werden. ACHTUNG: Von einzelnen Titeln ist nur eine geringe Anzahl vorhanden, so daß baldige Bestellung empfohlen wird.
ALPHATIER Comic
gezeichnet von Vincent Burmeister, produziert in der ALLIGATOR FARM
4,95€
APPD-PLAKAT Arbeit ist Scheiße
A1-Format, gefaltet auf A4. Nachdruck von 2019!
9,00€
APPD-PLAKAT Kanzlerkandidat
Wahlkampf/Bundestagswahl 1998, A1, gefaltet auf A4
14,00€
APPD-PLAKAT Ochsentour
294x841mm, gefaltet auf A4, Bundestagswahlkampf 1998,
14,00€
APPD-PROGRAMME
aus Bundestagswahlkampf 1998, Set aus Grundsatzprogramm, Kampfprogramm und Satzung
7,00€
DIE LETZTEN TAGE VON HANNOVER
PLASTIC-BOMB-Sonderausgabe zu den Chaostagen 2000, A3-Format
14,00€
DIE! ODER WIR #0-5 Comics
alles 6 Ausgaben des Trash-Magazins im Tabloid-Format
17,00€
ELBSCHOCK! #1 Comic
Das Comic-Schock-Magazin aus Hamburg
4,50€
HACKFLEISCH #4
Punk-Fanzine, 1986
4,00€
HACKFLEISCH #6
Punk-Fanzine von Karl Nagel, 1986
4,50€
HIRNTRAFO CD
BAD-BRAINS-Songs als deutsche Transformationen von KEIN HASS DA
7,00€
HIRNTRAFO-Buch
Comics und Illus von u.a. von Vincent Burmeister, OHNE CD/Vinyl-EP!
7,00€
HIRNTRAFO-Buch mit CD/EP
Comics und Illus von u.a. von Vincent Burmeister, dazu KEIN-HASS-DA-CD + EP mit BAD-BRAINS-Transformationen
14,00€
HYMNEN AUS DEM SCHLUND
17 Punk-Klassiker auf einer Vinyl-LP, eingesungen von Karl Nagel. Originalsongs von Hostages of Ayatollah, Blut + Eisen, KFC, S.Y.P.H., Cotzbrocken, Nichts, Oberste Heeresleitung, Fehlfarben, Middle Class Fantasie, Bärchen und die Milchbubis, Cotzbrocken, Beck’s Pistols, Daily Terror, Hans-A-Plast.
10,00€
Karl Nagel: REFLUX
Roman, Taschenbuch, 2018
9,00€
Karl Nagel: SCHLUND
Roman, Hardcover, 2018
25,00€
KARL NAGELS BUNKERBRIEFE
ZAP Sonderausgabe, 1995
14,00€
MILITANT MOTHERS Man-Made Mad Clones
CD 1991
9,00€
MORBID OUTBURST My Explosion
Vinyl LP 1987, Funhouse
17,00€
ZAP #98 Punkerterror
Punk-Fanzine, Sonderausgabe zu den Chaostagen 1994
14,00€