40 JAHRE SCHEISS'N'DRECK: Am 22. September 2021 feiere ich Punk-Geburtstag - dann ist es 40 Jahre her, daß ich mein bisheriges Leben in die Tonne trat und alles auf PUNK setzte. Und nein, ich werde keine alten Platten hören und mich auch sonst nicht der Debilität hingeben. Die Vergangenheit kriegt nen Arschtritt, sie ist weg, für immer, das war nie anders. Es zählt der Film, der heute abgeht, und dann noch die Ungewißheit darüber, was kommt. Könnte nicht ... (Weiterlesen)

Hände weg!

Manchmal passieren ganz normalen Leuten Dinge wie aus Albträumen entsprungen - ein von Hinz und Kunz gerne überstrapazierter Vergleich, schon klar. Einmal mit dem Gemüsemesser in den Daumen, zack, Lebensgefahr! Selbst winzigste Blutstropfen werden gleich zur Katastrophe aufgeblasen, jeder Blechschaden am nagelneuen Toyota als Untergang des Abendlandes beschrien.

Darüber kannst du nur lachen. Die Realität fährt ganz andere Kaliber auf, denkst du, als du hilflos auf dem Boden liegst. Da sollten Mini-Messer und Toyota einfach mal die Fresse halten.

Aber ich will nicht vorgreifen, lieber schön der Reihe nach!

 

Sonntagnachmittag. Du hängst auf dem Sofa rum, dein Vater hätte gesagt, wie ein dahingeschissenes Fragezeichen. Total alle, eine Dampfwalze fährt dreimal die Minute über deinen Schädel, und da hilft es auch nicht, daß du dir ununterbrochen die Schläfen massierst.

Komm’ jetzt bloß nicht mit Phrasen wie Hände weg vom Alkohol, nie wieder! Sag nicht, du hättest es nicht vorher gewußt - daß du einen ausgelassenen Abend mit massig Bier, Schnaps und Zigaretten nicht mehr ohne Blessuren überstehst, das war doch klar, oder? Hast du vergessen, daß du keine Zwanzig mehr bist? Sondern Sie-ben-und-vier-zig! Deine besten Zeiten sind vorbei, du bist nicht mehr unbesiegbar, nicht länger ein Titan, dem die Welt gehört!

Und heute ist der Tag deiner endgültigen Niederlage, du kriegst die finale Quittung. Aber bis dahin sind es noch ein paar Stunden hin, also freu’ dich des Lebens!

Wenn man das Leben nennen kann: ein fettes Schwein auf Selbstmordkurs, mit gepeinigter Leber, verteerter Lunge und rosaroter Haut. Nicht nur dein Blutdruck würde jeden Arzt entsetzen. Ja, wenn du einen hättest!

Damit hängt dir auch Irina ständig in den Ohren. Du siehst nicht gesund aus, Ingo, geh doch mal zu Dr. Schlüter, hat sie erst heute mittag genervt.

Der Schlüter ist ein korrupter und inkompetenter Verbrecher, so wie alle Weißkittel, hast du geantwortet. Die hängen alle am Tropf der Pharmaindustrie, da kriegen mich keine zehn Pferde hin. Stopfen die Leute mit Pillen und Präparaten bis zur Halskrause voll, nur um ihnen zum Schluß überflüssige Operationen aufzuschwatzen, an denen sie sich eine goldene Nase verdienen. Hände weg von Ärzten!

Hände weg, Hände weg, hat sie dich nachgeäfft, das ist dein Lieblingsspruch, was? Dann ist sie aus dem Haus gestürmt, hat die Tür hinter sich zugeknallt. Scheiß auf die Ärzte, hast du ihr nachgebrüllt, und scheiß auf dich!

Jetzt bist du endlich allein in der Bude, stellst dir vor, wie die häßliche, aufgequollene Alte im Café Royal sitzt, drei Stück Sahnetorte reinschaufelt (Marzipan-Nuß, Schoko, Schwarzwälder Kirsch, hundertpro!) und einen Milchkaffee nach dem anderen kippt. Heult garantiert ihre beste Freundin Mina voll, per Handy oder vielleicht sitzt sie auch mit am Tisch, das macht keinen Unterschied. So oder so, Mina wird das Gejammer genüßlich mit schlauen Ratschlägen kommentieren, ja, da steht sie drauf! Zur Hölle mit den beiden, Hände weg von denen! Genau, das gilt nicht nur für Ärzte, auch von den Frauen sollte man lieber die Finger lassen. Oder wenigstens von alten Schabracken.

Die Küche sieht auch wieder aus wie Sau. Irina ist ‘ne Bilderbuch-Schlampe, sie bewegt den Arsch für nichts, verläßt sich darauf, daß der liebe Ingo die Dinge schon irgendwie richtet. Daß alles blitzblank und aufgeräumt ist, wenn sie von ihrer Freßtour heimkommt. Nee, da hat sie sich geschnitten, diesmal wischt du ihr nicht den Arsch ab. Du machst gar nichts! Es ist Sonntag!

Die Alte ändert sich in diesem Leben nicht mehr, und du bist an sie gekettet, was für’n Jammer! Kannst ja nicht einfach die Fliege machen und 18 Jahre in die Tonne schmeißen, wo sollst du denn hin? Das hier ist die Realität, Ingo! Dieser Platz, den dir das Schicksal zugewiesen hat: Haus, Job, Irina.

Schöner Platz - nicht mal was zu futtern steht auf dem Herd, obwohl es Gulasch mit Kartoffeln und Rotkohl geben sollte. Aber Irina ist nicht nur siffig, sie ist auch faul und unzuverlässig und unfähig und dumm wie Schifferscheiße.

Irgendwann greifst du zum Handy, um Pizza Extra mit der Beendigung dieses unhaltbaren Zustands zu beauftragen. Deines Hungers. Die Wartezeit überbrückst du mit einem leckeren Bitburger, das hilft gegen den Nachdurst. Dazu eine Marlboro. Schöne Geschmackskombi, du wärmst dich am Flashback des gestrigen Abends.

Nach einer halben Stunde klingelt es, der Pizzabote übergibt den leckeren Fladen und eine Literflasche Cola; 20 Euro, Trinkgeld inbegriffen. Tür zu, abschließen nicht vergessen, den Schlüssel in den Kasten, Ordnung muß sein. DU stellst die Dinge IMMER an ihren Platz zurück, ganz im Gegensatz zur Schlampe.

Jetzt die Pizza vorknöpfen, ab aufs Sofa. Die Verpackung aufklappen, sehr schön, die XXL-Pizza ist vorgeschnitten wie bestellt. Und dann rein das Ding, Stück für Stück, Finger ablecken, dazwischen die Colaflasche an den Hals. Verdammt, ist das GEIL!

Der Brei aus einer Höllenmenge Pizza und Cola, der jetzt durch deine Eingeweide schwappt, treibt dich in die Horizontale. Du fühlst dich wohl, zunächst. Liegst auf dem Sofa, beide Hände auf dem Bauch, die ganze Welt ist rund und zufrieden, was will man mehr?

Wenn da nicht dieses Bleigewicht auf der Brust wäre. Das Atmen fällt dir zunehmend schwerer, du saugst die Luft in winzigen Zügen ein und bläst sie in ebenso kleinen Portionen wieder hinaus. Eine Kombination aus Erstarrung, Druck und Schmerz verhindert jedes tiefe Luftholen, du hechelst wie ein Bernhardiner bei vierzig Grad.

Nach einer Weile sind Jeans und Hemd vollends schweißdurchnäßt und kleben auf der Haut. Der bislang eher indifferente Schmerz irgendwo zwischen Hals und Magen wandert langsam Richtung Herz, das wie wild zu schlagen beginnt.

Ein Verdacht keimt in dir, er liegt ja nahe: Das isser, der Infarkt! Scheiße, du willst nicht sterben!

Sollst du vielleicht doch einen Arzt anrufen? Aber hey, Ingo Schröder ist kein Jammerlappen, du fühlst dich eben mal beschissen, das kann ab und an vorkommen, ok? Und überhaupt, ohne Hausarzt keine Telefonnummer, erledigt. Vielleicht den Notruf wählen? Wie lautet eigentlich die Notrufnummer? Und so die ganze Bande selbst ins Haus holen? Verfickt, NEIN! Es bleibt dabei: Hände weg von Ärzten!

Hm. Du könntest Irina anrufen. Ziehst das iPhone aus der Tasche, aktivierst es, hältst inne und pfefferst es auf den Tisch. PAH! Um nichts in der Welt gönnst du Irina diesen Triumph! Die würde dich nur übers Telefon zutexten, mit einem Gekreische, das kein normaler Mensch fünf Minuten aushält. Selber schuld, wenn du dich überfrißt, so was kommt von so was, ich hab’s dir doch gesagt, wird sie quäken. Dir schlaue Ratschläge an die Backe heften, die sie irgendwo im Internet gelesen hat. Und wenn du dann genervt abrupt auflegst, wird sie es sein, die dir den Notarzt auf den Hals hetzt. Eine schöne Hilfe wäre das!

So kommst du also nicht weiter. Da bleibst du lieber allein mit dir und deiner Angst vorm Abkacken. Mußt du jetzt durch, wie immer.

Inmitten all der Panik beschließt die Pumpe, dich nicht länger zu ängstigen und kehrt zum Normalbetrieb zurück. Auch Schmerz und Druck nehmen den Fuß vom Gaspedal und verwandeln sich wieder in das Unwohlsein, das dir zuvor Pizza und Cola madig gemacht hat.

Du beschließt, noch eine Weile auf dem Sofa liegen zu bleiben - bloß kein Streß jetzt! - und studierst die Spinnweben an der Decke. Dein Blick wandert zum Fenster, du erspähst ein Flugzeug in weiter Ferne. Möglicherweise fliegt da irgendwer in Urlaub, während du mit Junkfood, Alk, Kippen und Irina scheibchenweise Selbstmord begehst.

Das pralle Leben draußen, zuhause Todesangst, das sind die Alternativen, erkennst du. Keine Frage, wofür du dich entscheidest, oder?

Irgendwann nickst du ein.

Als du nach anderthalb Stunden die Augen aufschlägst, fühlst du dich deutlich besser, und dir dämmert, daß gerade noch mal davongekommen bist. Nur wenn du das Ruder herumreißt und etwas tust, kannst du ein schlimmes Ende verhindern, soviel ist sicher.

Du stehst auf, marschierst ins Bad, stellst dich auf die Waage. 120,7 Kilo! - absolutes Allzeithoch! Dein Kampfeswillen zerbröselt, der Tod starrt dich im Spiegel aus leeren Augen an. Das Ende scheint absehbar, und plötzlich steigt Wut in dir empor.

Paß bloß auf, Schröder, schreist du und kannst dich nur mit Mühe zurückhalten, die Faust im Spiegel zu versenken. Wollen wir doch mal sehen, wer den längeren hat!

Du stapfst in die Küche und zerrst einen Müllbeutel aus dem Schrank. Jetzt wird dem Kühlschrank der totale Krieg erklärt, ebenso der Gefriertruhe und der Vorratskammer. Erschießen, eliminieren, keine Gnade, der Feind wird vernichtet!

Schnitzel, Gummibärchen, Chips, Schokolade, Burger-Pattis, ja, sogar die Müsliriegel müssen dran glauben. Die Speisekarten und Werbezettel der diversen Bringdienste ebenso. Alles rein in den Sack, fahrt zur Hölle, ihr werdet mich nicht länger umbringen!

Stolz wie Oskar mit Sack in der Hand marschierst du aus dem Haus, alles rein in den Müllcontainer. SIEG für Schröder, As im ersten Satz!

Du schaust dich um. Und jetzt? Das kann es ja nicht gewesen sein, nee! Du erspähst einen Fahrradboten, der im Affentempo durch die Straße braust. Sieht irgendwie cool aus. Ein sportlicher junger Kerl, im flotten Dress, dem laufen bestimmt die Weiber in Scharen nach. Okay, an deinem Alter kannst du nichts ändern, am Rest schon. Außerdem ist Radfahren die perfekte Alternative zum Joggen. Das ruiniert bei deinem Gewicht eh nur die Kniegelenke, und überhaupt, sportliche Betätigungen im Sitzen sind dir grundsätzlich sympathischer.

Zurück ins Haus und dort gleich in den Keller, dein altes Rennrad inspizieren. Das Ergebnis ist ernüchternd, aber nicht deprimierend. Das Rad ist verdreckt, angestaubt natürlich, die Reifen nach all den Jahren platt. Aber das läßt sich alles wieder in Form bringen, genauso wie dich. Die Luftpumpe liegt im Regal, ein Versuch kann nicht schaden. Den Schwung nutzen!

Wider Erwarten gelingt es dir, die Reifen aufzupumpen. Eine anstrengende Angelegenheit zwar, der Schweiß fließt in Strömen, aber die nun prallen Reifen machen einen guten Eindruck. Du wuppst das Rad die Kellertreppe hinauf, und draußen setzt du dich auf den Sattel. Dann eine Runde um den Block. Geht doch, denkst du zufrieden. Okay und jetzt Gas geben!

Eine Viertelstunde hältst du durch, dann reicht’s. Bloß nicht übertreiben, auf keinen Fall, immer hübsch langsam anfangen, das sagten ja auch die Ärzte. Diese Wichser. Aber wo sie recht haben, haben sie recht. Wenn ein Arzt sagt, die Erde ist eine Kugel, würdest du auch nicht widersprechen. Bist ja kein Idiot.

Nachdem du nun schon zum dritten Mal an diesem Tag von Kopf bis Fuß durchgeschwitzt bist, ist es Zeit, einen Gang zurückzuschalten. Allerdings spukt immer noch der Fahrradbote in deinem Kopf herum. Da muß doch was gehen, du willst auch rank, schlank und fit durch die Gegend brausen. Wird ein harter Kampf. Ein Krieg. KRIEG! KRIEG! KRIEG!

Jawohl, du hast verstanden, du schwörst es bei allen Lebenden und Toten: Du ziehst nun in die Schlacht und bringst deinen Körper auf Vordermann, startest ein neues Leben, genau, radikale Entscheidungen müssen her!

Sobald der Bauch weg ist, haust du ab! Deinetwegen kann die Alte das Haus haben und im Müll ersticken, als Top-Informatiker verdienst du Geld wie Heu. Ist überhaupt kein Problem, neues ranzuschaufeln - sie bekommt die Vergangenheit, dir gehört die Zukunft!

Oder noch besser, noch radikaler - du schmeißt Irina einfach raus! Muß sie eben sehen, wie sie klarkommt, soll sie doch in der Gosse enden! Wie gut, daß ihr nie geheiratet habt, sie kann KACKEN gehen und sich ihre Ansprüche in die fettigen Haare schmieren!

Aber auch in einem Krieg wie diesem geht nichts ohne Kampfausrüstung, welcher Krieger zieht denn ohne Uniform, Gewehr und Helm in die Schlacht? Heute jedoch wird nichts mehr aus dem Kriegerleben, so viel ist klar. Es ist Sonntag, die Geschäfte sind zu. Verfickte Scheiße!

Aber halt, stand da nicht neulich im Wochen-Anzeiger was von einem Sonderverkaufstag im Einkaufszentrum? Dann hätten die Geschäfte dort geöffnet. Oder war das schon letzten Sonntag - oder erst kommenden?

Versuch macht kluch, im Affentempo zum EKZ, wo die Türen einladend geöffnet sind und jede Menge Volk rein- und rausströmt. Wie viel Glück kann man eigentlich haben? Wenn das kein Wink des Schicksals ist, was dann?

Los geht’s! Schnurstracks zu Sport-Meyer, wo du dich mit einem Satz bunter Klamotten eindeckst: Radlerhose, Jacke, fesches Käppi. Weil eine Klimmzugstange im Sonderangebot ist, packst du die gleich mit ein, zwei Terabänder ebenfalls. Am liebsten würdest bei der Gelegenheit auch noch ein Paar Kurzhanteln mit verschiedenen Gewichten kaufen, aber Stange, Hanteln, Gewichte und 40 Kilo Bauch schiebst du zusammen mit dem Fahrrad nicht mal eben so nach Hause. Nächstes Mal!

Aber schnell noch beim Türken eine Tüte Bananen, Äpfel und Nüsse einpacken lassen - Sport und Bewegung sind nur die eine Hälfte eines fitten Körpers, die andere besteht aus gesunder Ernährung. Ab heute und für immer, Ehrenwort!

Der Rückweg zieht sich elend in die Länge, zuhause fällst du erschöpft in den Sessel, erst mal Pause machen. Du nimmst ein Pils aus dem Kasten, die Kippe aus der Schachtel - STOPP! Die Hinrichtung dieser beiden Obermordgesellen hast du vorhin glatt übersehen, aber so leicht läßt du dich nicht verarschen. Ab mit dem Kasten ins Bad, wo du alle Flaschen öffnest und das Bier ins Klo kippst. Die Zigaretten landen zerfetzt im Mülleimer. Alter, bist du konsequent, wer hätte das gedacht?

Du füllst ein Glas mit Wasser und kehrst ins Wohnzimmer zurück, wo du dich eine Viertelstunde am kühlen Naß erquickst. Schlückchen für Schlückchen nippen, das Wasser im Munde kreisen lassen, was für ein Genuß! Dann ein Apfel und eine Banane, welch göttliche Früchte, da kommt kein Gummibärchen und keine Schokolade mit. Wie konntest du das bloß jemals vergessen?

Pausen müssen sein, aber damit aus dem neuen Leben was wird, steht nun die nächste Schlacht auf dem Zettel. Liegestütze als Lackmustest. Was hast du noch drauf, Alter? Mit zwanzig warst du top in Form, eine Sportskanone, die locker 100 Liegestütze schaffte. Und jetzt? Was ist davon geblieben?

Bevor es losgehen kann, streifst du den Dreß über. Rote Hose, schwarz-gelbes Shirt, Nike-Turnschuhe, sieht klasse aus. Wenn man die Wampe wegdenkt.

Dann runter auf den Teppich, in Position. Bauch und Rücken strecken und spannen, den ganzen Körper mit Armen und Beinen hochdrücken. Das funktioniert schon mal super, der erste Schritt ist geschafft!

Es folgt der härtere Teil: 120 Kilo Richtung Boden bewegen. Laaaangsam, bloß nicht zusammenbrechen! Die Nase sollte den Teppich gerade so berühren, ein Höllenakt. Es will nicht gelingen, aber immerhin hat der Bauch Bodenkontakt.

Gut, dann eben Arsch in die Höhe, Zunge rausstrecken, vielleicht langt’s ja so. Tut es - JA! JA! JA! Es gibt keinen Zweifel, Teppich und Zunge haben sich soeben einen winzigen Augenblick Kontakt gehabt, DU HAST ES GESCHAFFT! Kannst deine 120 Kilo wieder aufwärts stemmen, der Test ist bestanden! Steh auf und reiß die Arme in die Höhe! Du bist ein SIEGER! SCHRÖDER IST DER KING!

Denn du weißt: Der erste Liegestütz ist das A und O. Wenn man den nicht packt, wird es eine langwierige Angelegenheit. Aber aus einem einzigen Liegestütz wird schnell ein zweiter, dann ein dritter, vierter und so weiter. Bis es nach einer Weile wieder hundert sind, so wie früher. In einem Monat? In zweien? Egal, Hauptsache, du bleibst an der Front und KÄMPFST. Hauptsache, es geht voran, dann wird dein Lohn fürstlich sein!

Nun zu Teil zwo des Parcours, wolln mal sehen, wie’s mit Klimmzügen aussieht! Die frisch erworbene Stange ist schnell im Türrahmen montiert, und jetzt nicht lange fackeln, sondern loslegen!

Aber nichts da. 10 Sekunden später hängst du wie ein nasser Sack am Haken, es tut sich nichts, im Kampf Muskeln gegen Schwerkraft gibt es einen eindeutigen Verlierer. Dich.

Diese Schmach läßt du nicht auf dir sitzen. Eine Runde mag verloren sein, aber das muß nichts heißen. Du mußt eben deine Strategie und Technik ändern, um den Kampf zu gewinnen. Was funktionieren könnte: Hochspringen, dann eine Weile an die Stange klammern und schließlich den Körper langsam und kontrolliert nach unten sinken lassen. Wie aus dem Lehrbuch »Klimmzüge für Anfänger«.

Geplant, getan: Spring in die Höh, Ingo, jawoll, du braver Hund! FASS!

Nützt aber nichts. Der Sprung ist ein Sprüngchen, schon mal versucht, 120 Kilo 20 Zentimeter nach oben zu bewegen? Vergiß es! Das kann ja nicht klappen!

Kapitulieren? Aufgeben? Zurück zu Bitburger, Marlboro, Pizza Extra und Irina? NIEMALS, kommt nicht in die Tüte! Du kochst vor Wut, ein tobendes Rhinozeros ist nichts dagegen.

Schweres Geschütz muß her, verdammt, eine Wunderwaffe, so wie die Dicke Bertha im Ersten und die V2 im Zweiten Weltkrieg. Hat damals zwar nichts genützt, beide Weltkriege gingen verloren, aber Schröder wird den dritten gewinnen, um jeden Preis. Mit einem Küchenstuhl.

Den stellst du vor den Türrahmen der Entscheidung, steigst drauf und ballst die Fäuste. Schwerkraft, ich mach dich ALLE, schreist du, fletscht die Zähne, öffnest die Fäuste und hechtest zur Klimmzugstange. Die Hände öffnen sich, greifen das kalte Metall, du legst deine gesamte Kraft in diesen finalen Griff, dein Leben hängt davon ab. Der Tritt, den du Irina verpassen willst, die jungen Dinger, die nur darauf warten, von deinem dann gestählten Körper gefickt zu werden. ALLES.

120 Kilo sausen nach unten, mit aller Macht. Dein erbarmungsloser Griff, gestählt durch eisernen Willen, gestattet den Händen nicht, sich von der Stange zu lösen. GEIST BESIEGT MATERIE, das ist die Zauberformel, und kein Schmerz kann stark genug sein, diesen Glaubenssatz zu sprengen.

Und dann macht es RUCK, du knallst auf dem Boden, zack, schlägst mit dem Hinterkopf auf dem Boden, Licht aus.

Licht wieder an. Was ist passiert? Du bist verwirrt, dein Blick wandert nach oben, wo dein Geist und dein Wille immer noch die Stange umklammern. Deine Hände. Blut tropft herab aufs neue Shirt, das schwarzgelbe, das bereits von roten Flecken übersät ist.

Bis du es endlich begreifst: Kein Ding kann an zwei Orten gleichzeitig sein, eine unumstößliche Regel der Physik. Wenn die Hände da an der Stange oben deine sind, müssen sie woanders fehlen. Du hebst die Arme, die nur noch Stümpfe sind, aus deren Enden in einem pumpenden Rhythmus Blut sprudelt.

Jeder normale Mensch würde jetzt schreien, aber Schröder ist kein Idiot, sondern ein Mann der Vernunft. DAS DA, das mit den abgerissenen, unbeugsamen Händen an der Stange, das KANN einfach nicht wahr sein, es ist UNMÖGLICH! Wer hat je von durch Überlastung abgerissenen Händen gehört? Niemand! Wenn man von einer Vierteilung durch Pferde, absieht, aber das ist ewig her, und Pferde gibt's in deiner Wohnung nicht.

Das hier ist was eine ganz andere Baustelle, du mußt das wissen, du bist gebildet und kennst das Internet rauf und runter. Hände reißen normalerweise nicht ab, mag die Belastung auch noch so groß sein. Im schlimmsten Fall gibt’s ‘nen Muskel- oder Bänderriß, gefolgt von einem Krankenhausaufenthalt, aber die Hände bleiben auf jeden Fall dran. Denn wenn’s zu arg wird, sorgt der Schmerz dafür, daß man losläßt

Aber läßt auch jemand wie DER MÄCHTIGE SCHRÖDER los, der Mann mit dem eisernen Willen? Anscheinend nicht. Die Hände sind nämlich nicht dran, sondern weg, was als Beweis genügen sollte und jedes weitere Theoretisieren akademisch erscheinen läßt.

Nicht daß das ein völlig neuer Gedanke wäre. Wie oft hast du dich schon gefragt, beim Schleppen von schweren Einkaufstaschen, Möbeln und Umzugskartons etwa, wie der schmalste Teil des Körpers, die Handgelenke, all die enormen Belastungen aushält, ohne abzureißen. Du hast sogar davon geträumt, so grausig der Gedanke!

Ist das nicht bereits die Antwort auf diesen unvorstellbaren Irrsinn? Liegst du immer noch schlafend auf dem Sofa, und die überfressene Wampe quält dich mit einem bösen Albtraum?

Oder hat dich etwa der Herzkasper erwischt, und jetzt schmorst du in der Hände-weg-Hölle? Kann sein, aber wie kriegt man das raus? Auf jeden Fall fühlt sich das hier verdammt echt an, und diese Nur-ein-Traum-Scheiße hast du schon in zu vielen schlechten Romanen, Serien und Filmen gesehen, das wäre zu billig.

Auf das Wesentliche und Greifbare - HA! - konzentrieren! Ich muß die Blutungen stoppen, denkst du, und das stimmt. Wenn du nichts unternimmst, gehen bald erneut die Lichter aus, und diesmal endgültig. Verbluten ist äußerst unsexy.

Vielleicht geht ja was mit den Tüten. Der leeren von Sport Müller und der vollen vom Türken. Zuerst die leere - die packst du mit den Zähnen und schiebst sie vorsichtig über den rechten Armstumpf, so weit es eben geht. Merkwürdig, tut gar nicht weh - muß wohl der Schock sein, oder?

Dann die Verpackung eines Terabandes zerfetzen, wieder mit den Zähnen, womit auch sonst, deine Beißer sind jetzt dein wichtigstes Werkzeug. Wie gut, daß wenigstens die in Topform sind! Nun das Band um Arm und Tüte schlingen und spannen, so gut es eben geht. Das ganze mit einer Art Knoten zu versehen, ist ein echter Akt, aber du kriegst es hin. Allerdings viel zu locker, das reicht nicht zum Abbinden. Kein Meisterwerk also, aufhalten wirst du die Blutung so nicht. Aber es verschafft Zeit. Die du jetzt dringend brauchst.

Mit dem anderen Arm verfährst du genauso, nur daß du hier zunächst Äpfel und Bananen aus der Tüte befördern mußt. Was sich als vergleichsweise unkomplizierte Operation erweist, weg mit dem Scheiß!

Das Dringendste ist geschafft, jetzt heißt es Hilfe besorgen. Aber wie? Mit dem Handy? Und wo befindet sich das Ding eigentlich? Eine Idee - du schleppst dich zum Tisch, und ja, das iPhone befindet sich immer noch genau dort, wo du es vor einigen Stunden abgelegt hast, als du auf keinen Fall Irina um Hilfe bitten wolltest. Es geht eben doch nichts über ein gutes Gedächtnis, das hat dir auch im Job schon oft aus der Patsche geholfen.

Und scheiß auf deine Schwüre von heute nachmittag! Jetzt würdest du Irina anrufen und anbetteln, ihr alles sagen, was sie um Gottes Willen hören will! Solange nur dieser Albtraum endet. Verdammt, du brauchst einen Arzt, und zwar einen, der die Hände wieder dranflicken kann! Du schaust zur Stange hoch, und da hängt sie immer noch, die fleischgewordene Manifestation deiner Willenskraft. Unfaßbar!

Nun mußt du das iPhone einschalten. Per KI-Sprachassistenten geht’s schon mal nicht, sonst bräuchtest du einfach nur sagen: Hey Siri, ruf Irina an! Aber du hast die verdammte digitale Schnüfflerin gleich stillgelegt, als dir die Firma das iPhone verpaßt hat.

Weiß ich denn, wann Siri mithört und wann nicht?, hast du Irina das erklärt und das iPhone vor ihrer Nase geschwenkt. Das perfekte Einfallstor für Geheimdienste, Hacker und Diebe, ein wichtiger Schritt zur totalen Überwachung! Hände weg von Siri!

Irina hat nur den Kopf geschüttelt und sich zu Weihnachten ein eigenes iPhone gewünscht.

Zurück ins Hier und Jetzt: Du beugst dich über den Tisch, erneut soll es die Zunge richten. Aber das iPhone weigert sich beharrlich zu reagieren, es tut sich nichts, das Display bleibt schwarz. Gut, dann eben mit den Zehen. Schuhe und Strümpfe abstreifen, das Handy auf den Boden befördern. Muß doch hinzukriegen sein. Contergan-Opfer, die ohne Arme geboren wurden, können mit ihren Zehen schreiben, zeichnen und andere komplizierte Dinge verrichten, warum nicht du?

Endet aber nur in der nächsten Pleite, du tappst tumb mit Zehen und Fußballen auf dem Display herum, mehr is' nich'. Es würde Jahre intensiven Trainings benötigen, ein iPhone mit den Füßen bedienen zu können, und diese Zeit hast du nicht.

Jetzt bleibt nicht mehr viel, bleibt überhaupt noch was? Du bist in dieses schmucke Haus in der Vorstadt gezogen, weil dir der Ärger mit Vermietern und Nachbarn auf den Sack ging und du endlich Ruhe vor allen Arschlöchern und Nervensägen da draußen haben wolltest. Jetzt hast du deine Ruhe. Das Haus ist bestens isoliert, das nächste zu weit entfernt, von Hecken getrennt. Keiner würde dein Schreien hören, und wenn du dir noch so sehr die Lunge aus dem Hals brüllst. Also schreist du nicht.

Die Tür ist verschlossen, sicher ist sicher, der Schlüssel hängt im Schlüsselkasten, keine Chance, dem selbstgewählten Knast zu entkommen. Nicht mal durch die Fenster ist ein Ausbruch möglich. Weil kein Einbruch möglich ist. Erst neulich hast du für teuer Geld jedes Fenster, und sei es noch so klein, mit Verbundsicherheitsglas panzern lassen, sei schlauer als der Klauer. Kannst du vergessen, dagegenzutreten, dich per Bodycheck dagegenzuwerfen, oder den steinernen Wohnzimmertisch. Wenn du ihn denn werfen könntest!

Du kriechst zum Flur, Zentimeter für Zentimer, die Batterie ist bald alle, die Welt um dich herum mit unsichtbarer Watte vollgestopft, du selbst zerfließt zu einem blutigen Wackelpeter.

Es vergeht ein wenig Zeit, in der du still daliegst. Deine Gedanken verlieren jegliche Struktur, die Welt um dich herum gleicht einer Kreuzung aus Dali- und Picasso-Gemälden. Dann schreckt du aus dem fiebrigen Wachkoma hoch, weil du Geräusche an der Tür hörst. Ist das Irina? Ist das VERDAMMT NOCH MAL ENDLICH IRINA?

Du hörst das vertraute Geräusch ihres Schlüsselbundes, die Tür öffnet sich. Zwei Schritte später ist sie im Haus und sieht die Bescherung. Das Blut. Die Hände an der Klimmzugstange, die vorher nicht da war. Auf dem Flurboden den dicken Schröder im Sportdress, statt Armen Stümpfe, abgeschnürt mit Plastiktüten, in denen die rote Suppe schwappt.

Ingo, Ingo, kreischt sie. Was ist denn hier passiert?

Du raffst dein letztes Bißchen Kraft zusammen, sie reicht für gerade mal zwei Worte, aber die brüllst du: HÄNDE … WEG!

Was danach passiert? Wer weiß das schon - bei dir jedenfalls schaltet ein Dimmer die Lampe in sanften Schüben aus, vielleicht diesmal endgültig. Vielleicht ruft Irina den Notarzt, vielleicht läßt sie dich aber auch einfach verrecken.

Weil sie schon lange die Schnauze voll hat von Ingo Schröder, es reicht ihr mit dem König der Welt. Und das ist eine prima Gelegenheit, ihn loszuwerden. Mina und drei Stück Sahnetorte werden ihr da sicher beipflichten.

Rülps!

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