Im Nachbarhaus, in der Wohnung, die direkt neben meiner liegt, wohnt ein Koloß, dem ich lieber aus dem Weg gehe. Er heißt Henning, mißt bestimmt an die zwei Meter, und sein massiger Schädel, die schwarzen Haare glatt nach hinten gekämmt, wirkt wie mit Hammer und Meißel aus einem Steinblock geprügelt. Wenn ich es nicht vermeiden kann und wir uns zufällig auf der Straße begegnen, weiche ich seinem Blick aus, denn ich fürchte, daß er nur auf eine Gelegenheit wartet, mir den Hals umzudrehen. Obwohl ich nicht wüßte weshalb. Was soll ich tun, so wirkt er eben auf mich.

Angeblich ist Henning verheiratet, manchmal sehe ich, wie er mit einer zierlichen Frau das Haus verläßt oder ihre Einkäufe schleppt. Daß er sie schlägt, glaube ich nicht, das würde ich mitkriegen. Von anderen höre ich jedoch, daß er sich jeden Abend ein Bier nach dem andern reinschraubt und vor der Glotze sitzt. Er frißt von früh bis spät und soll neulich irgendwem die Faust ins Gesicht gerammt haben, als der ihn im U-Bahn-Tunnel schräg anglotzte. Seit Jahren schon wirkt Henning auf mich wie eine Atombombe kurz vor der Explosion, aber sie explodiert nicht, er hält durch, funktioniert und macht weiter bis zum Ende aller Tage. Er mag am Arsch sein, keine Ahnung weshalb, aber er reißt sich zusammen und stampft jeden Morgen die Straße entlang zur U-Bahn und geht zur Arbeit.

Direkt unter Henning wohnt Tommy, ein echter Sonnenschein. Er lacht und scherzt bei jedem Wetter, ich habe ihn noch nicht ein einziges Mal schlechtgelaunt erlebt, obwohl er alle Gründe dafür hätte: Wechselschicht, seine Ex-Frau zieht ihn aus bis auf die Unterhosen, die Kinder darf er nicht sehen, sein Bruder sitzt wegen Vergewaltigung im Knast, die Mutter ist neulich an Darmkrebs gestorben. Das steckt er alles weg, geht dreimal die Woche ins Fitneßstudio und schmeißt jährlich ’ne dicke Hausparty. Alle lieben ihn, was man von Henning nicht gerade sagen kann.

Ich jedoch weiß nicht, wen ich mehr bedauern soll.

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