Ute Wieners: „Zum Glück gab es Punk“

Bin immer noch ganz hin und weg von dem tollen Buch, das ich gerade gelesen habe. Es heißt „Zum Glück gab es Punk“, geschrieben von Ute Wieners, und meine Absicht, mich dem Buch jeweils eine Weile vor dem Einschlafen zu widmen, endete ausnahmslos damit, daß ich danach ein paar Stunden die Augen überhaupt nicht zubekommen konnte. Film im Kopf. Denkendenkendenken. Meine nie stillstehende Rumpsmurmel halt, wie Ute sagen würde. (Ist sie aber in diesem Fall selbst schuld – das muß ich zu meiner Entschuldigung sagen!)

Ute Wieners ist nämlich keine Unbekannte für mich – Vor 30 Jahren, so Ende Juli 1982, begann ich meinen Zivildienst im Hannoveraner Krankenhaus Siloah, und bald darauf lief mir Ute erstmals über den Weg. Nein, wir hatten nichts miteinander, aber wir führten durchaus so was wie eine „platonische Beziehung“, wie sie auch selbst schreibt. Ich mochte dieses etwas wirr-überdrehte Mädchen, das da mit einer tollen Mischung aus Intelligenz und Humor daherkam; und damals haben wir beide in der Hannoveraner Punkszene manches angeschoben und sogar mal ein Fanzine („Chaos-Tage 1983“) zusammen gemacht. Auch in der ’84er-APPD war Ute aktiv unterwegs.

Ich will euch hier nicht das ganze Buch nacherzählen, nur folgendes: Ute plaudert ordentlich aus dem Nähkästchen, und so erfahre ich endlich mal, was sie überhaupt zum Punk gebracht hat. Das geschah ja schon anderthalb Jahre vor meiner eigenen Punkwerdung – damals eine kleine Ewigkeit! Natürlich hatte sie eine genau so versemmelte Kindheit wie ich und war entsprechend gestört. Da bot sich Punk geradezu an, um der Kackwelt den Stinkefinger zu zeigen. Die Szene wimmelte ja deshalb von Leuten, die auf die eine oder andere Weise einen an der Waffel hatten; da fiel unsereiner gar nicht besonders auf.

Ute beschreibt die frühe Punkszene keineswegs idyllisch, sondern packt eine Peinlichkeit nach der anderen auf den Tisch. Sie läßt ganz schön die Hosen runter, auch jenseits der allseits beliebten Drogen-Thematik, denn sie erweckt ja nicht nur manche illustre Figur der frühen Hannoveraner Punk-Szene erneut zum Leben, sondern schildert detailliert Punk-Idiotien und Polit-Heucheleien en masse. Die eigenen inbegriffen.

Das ist natürlich ein schöner Sprengstoff – speziell für Leute, die auch 30 Jahre danach vielleicht nicht ertragen können, wenn ihnen ein Zacken aus der Krone bricht. Die tauchen im Buch zwar fast alle unter Pseudonym auf, aber jeder, der damals dabei war und erst recht die Beschriebenen selbst werden sich schon erkennen. Und vielleich auch mal Schaum vor dem Mund kriegen. Na, Ute wird’s nicht jucken. Sie war ja noch nie ein Herdentier, auf Beifall schielend.

Aber was spricht eigentlich dagegen, mal nach so langer Zeit zu erfahren, wie man damals wahrgenommen wurde? In meinem Fall beschreibt sie eine hyperaktive, kopfgesteuerte Nervensäge, die sich durch Ideen, Selbstdisziplin, Tabubrüche und miesen Gesang hervortat – und eben ein guter Freund war. Andere kommen schlechter weg … oder auch besser! Für mich auf jeden Fall sehr erhellend!

Leute, kauft euch das verdammte Buch! Im Gegensatz zu manch anderem Machwerk ist es persönlich, authentisch, offen, kein Musik-Lexikon und völlig ohne rosa Punk-Brille. Ich mag so was. Weil Ute hier als Mensch sichtbar wird, ohne Gnade gegenüber allen möglichen Ansprüchen, etwas NICHT schreiben zu dürfen.

Das ist MEIN Punk!

(Ihr könnt das Buch direkt portofrei beim Verlag bestellen … ggf. in Eurer Buchhandlung, ISBN 978-3-930726-18-9 oder auch bei Amazon)

 

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1 Kommentar zu „Ute Wieners: „Zum Glück gab es Punk““

  1. Michael Bröxkes

    Ich bin je erst ziemlich Spät , sprich 1993-94 zur Zene gestoßen und durch das Buch bin ich über ein paar Mythen mal ordentlich aufgeklärt worden. Von wegen früher war alles besser!!! Pflichtlektüre. und ich würde die Ute mal gerne selber gerne kennen lernen um mit ihr rumzuplaudern, weil mir durch das Buch doch ein paar Fragen in den Kopf gekommen sind die ich ihr gerne fragen würde!! absolute Kaufpflicht!!! MfG. Fraggel

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