chaostage

Alles Punk – besonders im Chaostage-Theater!

Es ist gut, daß die Dinge, die unsere Jugend geprägt haben, jetzt nur noch im Museum oder im Theater zu bestaunen sind. Getreu dem Motto: ALLES KAPUTTMACHEN, das ist PUNK! Also muß auch Punk zum Teufel gehen, das ist seine allerheiligste Verpflichtung. Und ein fröhlicher Selbstgänger zugleich, ein Perpetuum Mobile der Realität.

Früher jagte uns (nicht nur) der Staat knüppelschwingend (nicht nur) bei Chaostagen (nicht nur) durch Hannovers Straßen, und der gemeine Punk fand zwangsläufig (nicht nur) Deutschland Scheiße – Jahrzehnte später finanziert der gleiche Staat im Staatstheater Hannover ein Chaostage-Theaterstück. Aber keineswegs, um die eigenen Treibjagden endlich mal aufzuarbeiten.

Gleichzeitig bietet der Deutschlandfunk dem ergrauten Chaostage-Strippenzieher von damals – mir! – ein strammes Honorar, damit er nach Hannover fährt und sich in Theaterkritik übt.

Hallo, geht’s absurder? NEIN! GENAU SO tickt der vielzitierte PUNK! Und jetzt alle mitsingen:

»Deutschland, Deutschlandfunk über alles, über alles in der Welt

Für Chaostage im Theater nehmen alte Punks gern dein Geld!«

So macht sich Karl Nagel, die Punk-Nutte, am 9. Dezember – seinem 57. Geburtstag – per ICE auf den Weg in die niedersächsische Landeshauptstadt.

Ich bin gut vorbereitet: als Nietenkaiser in meiner ollen Punk-Jacke. »Nie wieder Frieden« steht in Frakturschrift hinten drauf. Am Hannoveraner Hauptbahnhof angekommen, wandle ich durch die Weihnachtsmarkt-Hyänen wie ein wandelnder, glitzernder Christbaum Richtung Theater. Der Künstlerbande zeigen, wo der Hammer hängt. Null Toleranz. Respektlos und gemein, wie es sich für ein Punk-Arschloch vom Dienst gehört. Im Gepäck: ein perfekter Plan!

Die Beweisführung, daß irgendwas oder irgendwer KEIN Punk ist, gehört dazu. »Was hat das noch mit Punk zu tun?«, so lautet seit Ewigkeiten die unschlagbare Punk-Keule. Geschwungen besonders gerne von Nicht-Punks, um zu unterstreichen, daß die eigene irre Welt alternativlos ist. Punk im Mercedes – kann kein Punk sein! Punk mit Job? Wie unpunkig! Punk mit Kinderwagen? Total spießig!

In Wahrheit ist GENAU DAS Punk! Unter anderem. Schon 1980 fand es eine Handvoll Punks konsequent, als Kontrast zur bunthaarigen Lederjackenmeute im Anzug durch die Gegend zu laufen. Wie IRRE! Und alle Bürger haben geglotzt. Nicht? Andere rasierten sich die bunten Haare, zogen Bomberjacken über und wollten als Skinheads nun die »neue Rasse« darstellen. Als Super-Punks sozusagen. »Deutschland den Deutschen« mit Glatze – das war eindeutig viel häßlicher als jede Struwwelpeterfrisur. Ein Rohkrepierer?

Die Rest-Punks wußten, daß sie sich weiterentwickeln mußten: Im Laufe der Zeit wurde es total punk, sich vegan zu ernähren und Jugendzentren, Kneipen und Clubs mit ellenlangen Verbotslisten zu tapezieren. Damit jeder weiß, wo die Freiheit ein Ende hat und wer alles nicht reindarf: Faschisten, Sexisten, Homophobe und so weiter. Die Typen mit den zerstörten Frisuren und Klamotten wollen jetzt unzweideutig zu den Guten gehören und vielleicht nicht deutschen Rentnern, aber doch Flüchtlingen über die Straße helfen.

Die Zeiten, in den wir als eine Meute hemmungsloser Totalgestörter herausfordernd blinkende rote Knöpfe drückten, sind vorbei. Die Punks der frühen Achtziger hätten heute überall Hausverbot. Jetzt lautet die Parole: »Danke AfD! Mit euch als Kontrast stehen WIR auf der richtigen Seite der Geschichte!«. Punk ist erwachsen, im Gegensatz zu mir. Werde ich jemals die Kurve kriegen?

Den freigewordenen Job, die Ängste des braven Bürgers zu bedienen und die Welt in Angst und Schrecken zu versetzen, haben im gesellschaftlichen Biotop unterdessen andere übernommen. In Zeiten wie diesen, in denen Business Punks und Golf Punks die Macht übernehmen und unser Leben durchgoogeln und veräppeln, sind Donald Trump und Kim Yong Un echte Punks. Ihre Frisuren beseitigen alle Zweifel. Und DIE TOTEN HOSEN liefern zur Merkel-Politik den Soundtrack. Die Punk-Forschung ermittelt: WAR ADOLF HITLER DER ERSTE PUNK? Oder doch der Hunne Attila? Die römischen Kaiser Nero und Caligula? Al Kaida, die Taliban oder der Islamische Staat machen übrigens heutzutage auch einen guten Punk-Job! Gerade WEIL sie sich mit Hunden schwertun.

Dagegen kann ein CHAOSTAGE-Theaterstück nur verlieren. Langweiliges, jammervolles Opfergeschwätz, von dem ich mir kaum einen Satz gemerkt habe, Umweltzerstörung, die Eltern, Atomraketen, Nazis, das Scheiß-System, bla bla bla. Aus alten SPIEGEL-Artikeln oder Büchern zum Thema abgeschrieben. Abgesichert von überall herumliegenden riesigen Kissen, um sich beim wilden Rumgehopse nicht zu arg auf die Fresse zu legen. Ein rauchender Punk-Darsteller, der brav in den Aschenbecher ascht. So sind eben die Spielregeln, immer schön das Kleingedruckte beachten. Und bloß niemanden bei den Eiern packen.

Ich wäre fast eingeschlafen. Daß der Schlagzeuger ohn’ Unterlaß »Hängt die Bullen auf und röstet ihre Schwänze« und irgendwas von »Revolte« sang, machte es nicht besser. Schade, daß anscheinend kein Polizeibeamter da war, um den Kerl festzunehmen.

Bis mir nicht anderes übrig blieb, als selbst ein POLIZEI-Shirt überzustreifen, rumzukrakeelen und einem der Darsteller in die Eier zu greifen. Alles muß man selbst machen, echt, ej! Da fühlt man sich als alter Sack für einen Moment noch mal wie ein echter Punk. Leider war meine Blase nicht voll genug – ich hätte gerne einen fetten, gelben Strahl im Schlagzeug platziert. Ja, FRÜHER – da wäre das kein Problem gewesen, das waren noch Zeiten! Aber jetzt marschiert unsereiner auf ein debiles Rentnertum zu, das gerade mal eine Inkontinenz zustandebringt.

So oder so, ob es mir passt oder nicht: Wieder einmal war ich Teil des Chaostage-Theaters – was die Regisseurin wie auch die Schauspieler »gaaanz spannend« fanden. Alles Kunst, alles Punk! Und interessiert genau deshalb keinen Arsch. Legt euch wieder hin. Weil alles Punk ist, ist es NICHTS.

Ein Ausblick: Nach dem Ende des Islamischen Staats wäre es vielleicht wieder Zeit für ECHTE Chaostage. Und zwar solche ganz neuen Typs, im Jahr 2022. Bei der Gelegenheit könnten wir Hannover endgültig dem Boden gleichmachen. Zur Strafe für alles – auch für dieses Theaterstück! Und dann ist Deutschland dran. Die ganze Welt. Das Universum. Hauptsache KAPUTTMACHEN. Aber vorher noch ein bißchen ficken. Und hektoliterweise Bier und Sperma verspritzten. Wir könnten uns auch von Kopf bis Fuß mit Scheiße einschmieren. Da kommen die Bullen auf keinen Fall mit klar. Und endlich, endlich hat uns wieder keiner lieb.

Wer ist dabei?

Ich geh unterdessen irgendwas bei Netflix glotzen. Oder kauf mir für die Kohle vom Deutschlandfunk was Nettes zu Weihnachten. Die Welt hingegegen soll mit Punk machen, was sie will. Wo doch eh alles Punk ist. Sogar MEIN RTL.

Was ICH will?

Nächste Frage, bitte!

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