Schlußvorstellung

Mittwochabend gegen Sieben, ich sitze in der Küche und warte.

Dann klingelt das Telefon, Rudi ist dran.

»Ich muß hier raus«, brüllt er mir ins Ohr, bevor ich »Hallo« sagen kann. Klingt total aufgekratzt, wahrscheinlich hat er schon ein paar Biere intus. Eine Tür knallt, Rudis Stimme klingt nun nach Treppenhaus, so schepperig-verhallt eben. »Da ist ein Konzert, ich will mit ’nem Kollegen hin«, fährt er fort. Klackerdiklacker, es geht die Treppe runter.

»Wer spielt denn?«

»Kein Ahnung, irgendne Coverband, 35 Euro. Ich weiß überhaupt nicht, warum ich da hingehe.«

»Und tust dir das trotzdem an?«

»Die Arbeit ist grad total Scheiße. Mir fällt die Decke auf den Kopf, und frag lieber nicht nach Eva. Ich muß es mal wieder richtig krachen lassen, sonst drehe ich durch.«

»Hau deinem Chef in die Fresse!«, sage ich. »Oder geh mit Eva in die Kiste.«

»Ha-ha! Klasse Tipps! Dann lieber aufn Kiez. Kommste mit?«

»Nee. Zu teuer, ich schau lieber nen Film oder lese was.«

»Dann eben ohne dich, selber schuld, tschüs!«

Ich lege auf, werfe die Nudeln ins heiße Wasser und rühre mit dem Kochlöffel in der Soße herum. Nach dem Essen werde ich die Füße hochlegen, »Champion Jack Barron« von Norman Spinrad weiterlesen und gelegentlich einen Furz ablassen.

 

Gegen Zehn ruft Rudi noch mal an, er ist schon wieder zuhause.

»War aber ein kurzes Konzert«, sage ich. »Oder war die Band so mies, daß du gleich wieder abgehauen bist?«

»Ich war gar nicht drin. Irgendwann habe ich mir vorgestellt, wie ich morgen früh aus dem Bett krieche und zur Arbeit muß, und da habe ich’s mir eben anders überlegt. Zwei Bier, dann war Schluß für mich.«

Wir legen auf, ich vertiefe mich wieder in mein Buch und verspüre eine gewisse sadistische Befriedigung.

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