Nr. 23

Provopoli

aus »Schlund«, 2018

Als ich Anfang 1982 das Gemütliche Eck betrat, sorgte die frische Bemalung meiner neuen Lederjacke für zahlreiche »Ohs« und »Ahs«: ein LP-großes, schwarzes Hakenkreuz auf weißem Kreis, ringsum Stacheldraht, von dem Blut tropfte. Dazu der Slogan »Nazi-Pisser, haut ab!«, eine Referenz an »Nazi Punks – Fuck Off« von den Dead Kennedys.

Mir war zwar noch kein Nazi-Punk oder -Skin begegnet, aber Berni hatte in Hamburg miterlebt, wie einem Konzertbesucher der Hakenkreuz-Badge von der Kappe gerissen wurde. Das fanden wir gut, Punk sollte unmissverständlich gegen Nazis sein. Kein Provozieren mit rechter Symbolik, da waren wir einer Meinung.

Berni, der Sohn eines Polizisten, kam genauso wie ich aus einem linken, antifaschistischen Umfeld, weshalb wir immer unter Verdacht standen, »Hippies« zu sein.

Umso mehr wog die Provo-Großtat, mit der ich mir den Respekt aller Fraktionen im Eck verdiente.

»Das ist noch echter Punk!«, begutachtete Riebe meine Jacke. Dass er Glatze, Bomberjacke und Doc Martens trug, tat seinem Urteil keinem Abbruch. Als Ex-Punk fühlte er sich berufen, Punks in »Hippies«, »Schickies« und »Echte« zu unterteilen.

Drei Tage zuvor war sein frischgebackener Skinheadfreund Nickel mit einem Sack Punk-Klamotten in unserer Stammkneipe aufgekreuzt, für einen Stapel Comic-Alben gehörte alles mir. Ich empfand so wenig Trennungsschmerz wie Nickel, denn in meiner Hitliste waren Schundhefte von der Spitze ins Mittelfeld gerutscht.

In meiner Birne drehte sich seit ein paar Monaten alles um Punk, und manchmal vergaß ich sogar, das neue Perry-Rhodan-Heft am Kiosk zu kaufen.

Die Mülltüte, die mir Nickel überreichte, war gut gefüllt mit Dingen, die der Punk von Welt benötigte: die Lederjacke, die nun ein Hakenkreuz zierte, dazu ein Nietengürtel, selbstbepinselte Discharge- und Crass-Shirts und eine Bondagehose. Als Krönung zog ich ein Mull-Shirt mit riesigem Hakenkreuz und DESTROY-Schriftzug aus dem Sack.

»Habe ich selbst ’79 im Seditionaries in London gekauft, der Laden, wo die Sex Pistols herkommen!«, versicherte Nickel. Weil er aber jetzt Cockney Rejects, 4 Skins und Skrewdriver hörte und Doc-Martens-Boots, Hosenträger und gebleichte Jeans trug, konnte er mit dem alten Fetzen nichts mehr anfangen. Er wollte kein Anarchist mehr sein, sondern Patriot, und skandierte bei jeder Gelegenheit mit anderen Glatzen »Oi!Oi!Oi!«.

»Mir laufen jetzt zu viele Ökos als Punks durch die Gegend«, erklärte Nickel den Sinneswandel. »Leute wie du. Die meisten Punks von früher sind jetzt Skinheads, das ist der wahre Punk. Wir machen uns nicht vom Acker, wenn es Mann gegen Mann geht. Immer nur Gewalt gegen Sachen, das ist doch feige!«

Weil sich die Wuppertaler Punks und Skins dennoch gut verstanden, nickte ich verständnisvoll und nahm die Tüte in Empfang. Endlich besaß ich richtige Punk-Klamotten, und das DESTROY-Shirt war eine klasse Inspiration fürs Bemalen der neuen Jacke. Obwohl sich kaum einer als Nazi verstand, hatte man es als Punk oder Skin mit Hakenkreuzen und Nazi-Symbolen – allerdings oft unter umgekehrten Vorzeichen!

Durch meine gewagte Jackenbemalung wurde ich für einen Abend Punk-König im Eck. »Wir sollten uns alle am Brunnen treffen und durch die City laufen!«, schlug ich vor. »Punks, Skins, Teds!«

Berni hatte mir neulich erzählt, dass vor einer Weile Hamburger Punks und Teds gemeinsam randalierend durch Pöseldorf spaziert waren, durchs Viertel der Wohlhabenden. Auch in Duisburg hatten sich bereits einige Male Punk-Horden in der Einkaufszone versammelt – zum Schrecken von Bürgern und Ladenbesitzern!

Meine Idee kam gut an. »Wird das geil, wenn wir mit 40 oder 50 Leuten durch die Stadt laufen!«, freute sich Trine. Die härteste Punk-Frau Wuppertals setzte mit Vorliebe ihre hochhackigen Schuhe als Waffe ein, wenn ihr Prolls und Rocker auf den Leib rückten.

Ihr Teddyboy-Freund nickte. »Das sorgt für Respekt. Dann wissen die Idioten, dass sie sich mit ’ner Menge von Leuten anlegen, wenn sie einen von uns anpacken.«

Die Skins waren ebenfalls Feuer und Flamme, zumal sie gerne von einer »Armee« fantasierten, mit der sie die Welt auf Abstand halten wollten.

Nickel besorgte sich von der Theke ein großes Blatt Papier. Darauf gestaltete er mit dem Edding ein Plakat. Unser Plakat!

Einige Tage später rückten Berni und Werwolf mit eigenen Entwürfen an. Wir träumten davon, die Stadt in ein Tollhaus zu verwandeln, und betrachteten dabei langhaarige »Chaoten« und Steineschmeißer als natürliche Verbündete.

So fing es an.

Weil ich die zwei Wochen bis zum großen Treffen nicht abwarten konnte, führte ich tags darauf meine Jacke in der Barmer City vor.

Zehn Minuten stolzierte ich durch die Fußgängerzone, dann hatten mich die Bullen am Wickel. Leider gab es da einen Paragrafen, der das »Zeigen verfassungswidriger Symbole« verbot, weshalb mir der Richter eine Geldbuße von 500 Mark verpasste.

Kein Problem. Ich hielt den Polit-Hippies das Gerichtsurteil vor die Nase, erzählte was von »Zensur einer antifaschistischen Meinung«, und schon öffneten sich die Geldbörsen wie von Zauberhand.

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