Nr. 24

Im Tal des Todes

aus »Schlund«, 2018

»In Wuppertal gibt's Chaostage!«, schrieb mir irgendwer per E-Mail - obwohl strenggenommen nur der 30. Jahrestag des größten Wuppertaler Punk-Treffens von 1982 anstand. Aber CHAOSTAGE klang fetter und gigantischer. Die Kids wollten zeigen, dass sie es genauso draufhatten wie die Alten. Gut, sollten sie. Ich würde die Gelegenheit nutzen, in der Vergangenheit zu buddeln. Um herauszufinden, wie die Punk-Meute des Jahres 2012 von innen tickte. Ihr auf die Pelle rücken, bis ich das Weiße in den Augen der Kiddies sehen konnte. Ich wollte Rohmaterial sammeln für die Buchidee, die mir in jenen Tagen das erste Mal im Kopf herumzuspuken begann.

Zwei Wochen später saßen Alex und ich im Auto. Auf dem Weg nach Wupper Valley, dem Tal des Todes. Der tödlichen Langeweile, des mörderischen Stumpfsinns. Vor 30 Jahren hatte mich all das aus der Heimat von Wicküler Bier vertrieben.

 

Am frühen Freitagabend erreichten wir Wuppertal-Elberfeld und luden unsere Klamotten im Hotel ab. Das »Astor« versprach eine rückenfreundliche Übernachtung, ganz im Gegensatz zu meinen Reisegewohnheiten der 80er. Damals war ich oft per Anhalter unterwegs und verbrachte mehr als eine Nacht unter Brücken, auf Wiesen und Abluftschächten oder in Telefonzellen.

Mit der Schwebebahn fuhren wir nach Barmen, wo ich mich mit ein paar Leuten verabredet hatte. Im »Gemütlichen Eck«, das damals für ein paar Monate eine Punk-Kneipe und damit unser Treffpunkt war.

Schöne Idee, leider eine Pleite. Das Eck war längst Geschichte, das Haus mit Kneipe nicht wiederzuerkennen. Zu guter Letzt hockten wir mit ein paar Leuten in einer Sky-Sportsbar. Die anderen tranken Bier, ich Cola. Alles wie früher.

Wir laberten eine Weile über das Wetter und alte Bekannte, die wir aus den Augen verloren hatten. Dann ging es endlich zur Sache.

»Das Punktreffen morgen … das wird dreifach gequirlte Scheiße!«, begann Michael. Der früher Kellergeister hieß. »Das sind doch keine Punks mehr! Nur Penner mit bunten Haaren!«

Nickel sah das genauso: »Alles Abziehbilder. Wir haben unsere Klamotten noch selbst zusammengestückelt.« Und suchte mit der Hand einen Hals, den er nie mehr finden würde. Ich erinnerte ihn lieber nicht daran, dass er Anfang der 80er zweimal im Jahr nach London fuhr, um sich mit Shirts, Hosen und Platten einzudecken. »Frisch aus England«, wie es in einem Song von Blitzkrieg hieß.

»Ich habe neulich mit so ’nem Kiddie gesprochen«, fuhr Nickel fort. »Der meinte, er würde gerne ein Fanzine herausgeben, so wie wir damals. Aber er hätte keinen Computer.«

Alle lachten, ich auch. »Als wenn wir ’nen Computer gebraucht hätten!«, kommentierte Trine die Anekdote. Jetzt hast du einen, jede Wette, dachte ich. Mit einem kleinen, feinen Internet drin.

»Den Kindergarten morgen tu’ ich mir nicht an«, war Kellergeister wieder am Zug. Wie die beiden anderen Muppets-Opis ließ er keine Gelegenheit aus, dem Nachwuchs auf den Iro zu rotzen. »Da geh ich doch lieber zum Fußball, Prost!«

Wir hoben die Gläser und nahmen einen tiefen Schluck.

Da war er wieder, der »Blaue Bock«! Ich fühlte mich in die Kneipe meiner Eltern zurückversetzt, ins Jahr 1972. Ich sah die hässliche Bande Berufstrinker der Bauernstube vor mir. Die mit den großen Köpfen, mit Bauch, Glatze, Orangenhaut und Tränensäcken. Wie sie ihr »Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder!« grölten und die Gläser schwenkten.

Es hatte sich nichts geändert, nur waren die Rollen jetzt mit meinen Freunden besetzt. Nun besangen Kellergeister, Nickel und Trine die alten Zeiten.

 

Gegen elf hatte sich’s auslamentiert, wir fuhren zurück ins Hotel. Bald darauf lagen wir im Bett.

»Und, wie fandest du’s?«, fragte ich.

»Na ja, alte Punks. Die sind halt so«, antwortete Alex wortkarg.

»Muss man als alter Punk so eine Stammtischnummer abziehen? Ich bin Punk-Spätlese 81 und habe erlebt, wie seitdem wahre Armeen die Fresse aufgerissen haben. Ich inbegriffen. Und ein paar Jahre später waren die meisten wieder weg. Oder tot. Kellergeister hat mich damals ›Hippie mit bunten Haaren‹ genannt, weil ich zu Demos ging. Und jetzt sind alle Punk-Generationen nach ihm ›Penner mit bunten Haaren‹. War schon immer Scheiße, was die Alten über die Jungen sagen, echt! Die meisten haben doch in ihrer eigenen Jugend keine Peinlichkeit, keine Dummheit und kein Klischee ausgelassen! Die erste Punk-Generation hatte aber einen Vorteil: Sie wurde nicht von irgendwelchen Altpunks zugeschwallt. Weil es die ja noch nicht gab!«

Ich nahm ihre Hand.

»Sag mir bitte, wenn ich dich jemals so vollabere, ja?«

Aber Alex war längst eingeschlafen.

Ich tippte noch ein paar Gedanken und Einfälle ins Handy und legte mich zu ihr.

 

Am nächsten Morgen frästen wir uns durch Brötchen und Rührei mit Speck und verbrachten den Rest des Vormittags im Bett. Wir redeten wenig miteinander, irgendwie war der Wurm drin. Alex’ dunkle Seite hatte die Herrschaft an sich gerissen und musste beweisen, dass sie zum Weglaufen war, während ich mich in meinen mentalen Bunker verkroch.

Obwohl ich ahnte, wohin sich unser Zauber verflüchtigt hatte, wollte ich die Dinge nicht beschleunigen. Es erschien mir besser, die Initiative zu übernehmen und ein kleines Aktionsprogramm zu starten.

»Hast du Bock auf einen Kurztrip nach Oberbarmen? Wo ich aufgewachsen bin?«, fragte ich.

Im Nachhinein glaube ich, dass Alex zu allem Ja und Amen gesagt hätte. Hauptsache, wir hockten nicht länger schweigend im Hotelzimmer.

So saßen wir bald darauf wieder in der Schwebebahn. Die schaukelte und schwebte wie in meiner Jugend, wir glotzten aus dem Fenster auf die unter uns vorbeiziehende Stadt.

»Vier Jahre bin ich diese Strecke fünfmal die Woche rauf und runter. Erst Höhere Handelsschule, dann Lehre. Manchmal ohne Fahrkarte, weil ich dachte, ich sehe die Kontrolleure. Dreimal haben sie mich erwischt. 1500 Mark Geldstrafe.«

An der Haltestelle Wupperfeld stiegen wir aus, unser Rundgang durch meine Vergangenheit konnte beginnen. Ich wurde zum Fremdenführer.

»Das Kino hier hieß früher ›Modernes Theater‹. Da habe ich massig Godzilla-Filme gesehen. Und da hinten, auf der anderen Straßenseite, war die Lieblingskneipe von meinem Vater. Die hieß ›Beim Schwatten‹.«

Wir erreichten den Klotz. Sieben Stockwerke, ein schwarz-weißer Klinkerbau mit drei Hauseingängen. »In dem Ding hier bin ich aufgewachsen.«

»Wollen wir zu deinen Eltern gehen?«, fragte Alex.

»Lieber nicht. Die essen jetzt zu Mittag.« Das stimmte. Meine Mutter wie auch Siggi, der Nachfolger meines Vaters, waren lebende Uhrwerke. Jeden Tag stand um Punkt Zwölf das Essen auf dem Tisch. Danach Abwasch und Mittagsschlaf. Da waren sie deutsch und deutscher. Was ich Alex nicht sagte: Ich wollte ihnen nicht meine junge Freundin vorstellen. Das hätte nur Fragen provoziert, die ich lieber vermied.

»Hier war früher ein Möbelhaus drin, und daneben ein Radiogeschäft«, lenkte ich ab. »Und jetzt Läden von Türken, Griechen und Asiaten. Mutti sagt immer, Oberbarmen ist nicht mehr, was es mal war. So mit 50 Prozent Ausländeranteil.« Ich kratzte mich an der Nase. »Die hängt an der guten alten Zeit, so wie meine Kumpels gestern.«

Dreißig Meter weiter blieben wir stehen.

»Aber das hier gibt’s noch: Hähnchen Helmig! Ich brauche ’ne Currywurst. Kommst du mit?«

»Ich habe keinen Hunger.«

»Musst ja nichts essen.«

Wir gingen hinein. Drinnen ein bisschen wohlige Nostalgie, auch wenn der Imbiss vor einigen Jahren für viel Geld den Besitzer gewechselt hatte. Da war der Flipper, an dem ich als Kind gespielt hatte, schon lange weg. Ansonsten bemühten sich die Neuen redlich, alles beim Alten zu lassen. Der Laden war ja eine Goldgrube.

»Ne doppelte Curry mit Pommes und Mayo«, gab ich meine Bestellung auf. »Zum Hieressen.« Bald darauf wurde mein Futter auf einem Teller an unseren Tisch gebracht.

Während ich die Delikatesse in mich hineinstopfte, zeigte ich auf den Klotz. »Da hinten, der Vorsprung, dritte Etage, da war mein Kinderzimmer. Und gleich um die Ecke die Bauernstube, die Kneipe meiner Eltern. Noch mal 50 Meter weiter der Supermarkt, in dem ich fast jeden Tag Zigaretten geklaut habe. Gibt’s alles nicht mehr. Genauso wie das ›Odin‹. Da habe ich Das Dschungelbuch gesehen. Mein erster Kinofilm, mit acht. Hamse gesprengt. Der Wienerwald ist auch weg. Der ist ja …«

»Kannst du mal deinen Vortrag stoppen? Mir wird das zuviel.«

»Worüber willst du reden?«

»Weiß nicht. Jedenfalls nicht über alte Zeiten.«

Scheiße.

 

Gegen Mittag waren wir zurück in Elberfeld und enterten die Fußgängerzone. Die Welt der Schaufenster, Tüten, Taschen, Einkaufszettel und Deals. Aber kein Buntschopf weit und breit. Am Brunnen in der Nähe des Schwebebahnhofs am Döppersberg tat sich nichts. Nur ein paar Junkies versorgten sich gegenseitig mit Stoff.

»Na, wo ist denn hier dein Chaostag?«, fragte Alex und machte eine ausladende Geste. Ich war nicht so dumm, ihr in die Falle zu laufen, und erzählte nicht, dass der Brunnen vor 30 Jahren ein Treffpunkt für Punks, Skins, Langhaarige und andere Störenfriede war. Genau hier hatte mir Franzi das Pizzaessen beigebracht. Bis dahin kannte ich nur ungenießbare Tiefkühl-Pizza von Dr. Oetker. Als Franzi mir eine Mini-Pizza vom Italiener mitbrachte, weigerte ich mich, den Ekelfladen anzurühren. Aber wie es so ist, wenn man verliebt ist – zuletzt aß ich ihn doch! Und zwar mit wachsender Begeisterung. Seitdem kann ich keine Pizza essen, ohne ein stilles Danke an Franzi zu senden.

Irgendwann ließ die Stadtverwaltung den Tempel der Unbequemen abreißen und ersetzte ihn durch einen ohne Sitzmöglichkeiten. Damit war Ruhe am Döppersberg.

Mein altes Leben in Wuppertal gerät jedes Jahr mehr unter die Abrissbirne. Irgendwann werde ich es nicht mehr wiedererkennen. Wie schlimm muss es erst meiner Mutter gehen? Mit 75!

Der Film, der sich in mir abzuspulen begann, riss mich tiefer in die Vergangenheit. »Da hinten stehen die Akalatzen!«, ruft Kellergeister, und dann sehe ich auch schon das Türken-Trüppchen beim Café Kremer, ein Dutzend Leute stark. Einige schwingen Knüppel, einer trägt einen Motorradhelm. »Los, drauf!«, brüllt Trine, und sofort setzt sich die Meute aus Punks, Skins und ein paar Teds in Bewegung: »EXPLOITED – BARMY ARMY!« Unser Schlachtruf lässt die braven Bürger zur Seite springen. Wie die Gallier stürmen wir voran.

Dann bekommen es die Türkenprolls mit der Angst zu tun und nehmen die Beine in die Hand. Wir bleiben stehen. Hat ja keiner Lust, sich mit denen zu prügeln. Aber nichts gefallen lassen!

»Hey, Nagel, bisse auch mal wieder im Tal? Geil!«

Ich brauchte einen Moment, um auf Gegenwart umzuschalten. Dann erkannte ich Werwolf. Hatte ihn zwar seit Ewigkeiten nicht gesehen, aber sein Spitzname kam nicht von irgendwoher. Dichtes, nach hinten wucherndes Haar, dazu ein markantes Gesicht mit wuchtiger Nase und Backenbart – direkt aus der Werwolf-Schublade!

»Mann – ich dachte, du wohnst nicht mehr in Wuppertal!«, wunderte ich mich.

»Tu ich auch nicht. Habe die Nacht durchgesoffen und bin dann heute früh in Frankfurt in irgendeinen Zug Richtung Wuppertal rein. Und jetzt habe ich einen Bärenhunger.«

Ich stellte ihm kurz Alex vor, vermied es aber, irgendwelche Geschichten über meinen alten Weggefährten aus der Kiste zu holen.

Dabei hätte ich eine Menge zu erzählen gehabt: Werwolf war mit von der Partie, als die ersten Wuppertaler Punktreffs ins Rollen kamen – spektakuläre, bunte Zusammenrottungen, die später in Hannover als »Chaostage« für Schlagzeilen gesorgt hatten!.

 

Wir durchquerten den Passantenstrom, und Werwolf bestellte an einer Imbissbude eine Portion Döner.

»Wollt ihr auch was?« Alex hatte immer noch keinen Hunger, aber mein innerer Junkteufel überzeugte mich, Werwolfs Vorschlag anzunehmen. Platz für ’ne Pommes mit Ketchup ist immer, oder?

Futternd schlenderten wir zurück zum Brunnen, wo sich die nächste Viertelstunde nichts tat.

»Wo sind die Kiddies, verdammte Scheiße?«, fragte ich.

»Vielleicht am Neumarkt. Da ist auch ein Brunnen. Und man kann sich hinsetzen.«

Dort fanden wir unsere Punks. Oder besser: eine betrunkene Horde von 30 schwankenden Brüllaffen. Dazwischen einige Hunde, die ihre Begeisterung durch gelegentliches Kläffen kundtaten.

Die Insassen zweier Polizeifahrzeuge beäugten das Getier misstrauisch in gebührendem Abstand und bei laufendem Motor.

Interessiert verfolgte auch ich die allmähliche Rückentwicklung des Pöbels ins Primatentum. Den eindrucksvollsten Job machten hier die Alten und Verwitterten, denen der Punk Markierungen ins Gesicht geschrieben hatte. Grölgesang, verblassende Tätowierungen, speckige, zerschlissene Klamotten irgendwo zwischen Dunkelgrau und Mattolive – der »bunte Punk« existierte bei ihnen nur als staubige Schattengestalt.

Tja. In jungen Jahren sah unsereiner mit wuschigen Haaren, zerfetzter Hose und Stoppelbart wie ein verwegener Held aus – ab dreißig wie ein Penner! Aber Punks derart biblischem Alters gab es zunächst kaum.

Als sich im Juni 1982 rund 300 Punks in der Wuppertaler City versammelten, hatte exakt ein einziger die Dreißig überschritten. Und jetzt bestimmt ein Viertel der Teilnehmer. Das würde in den nächsten Jahren nicht besser werden, die Pennerquote wuchs wie Unkraut.

Wir setzten uns an den Brunnen. Ein Mädchen mit dunkelgrün geschminkten Augen, die Haare zu einem schwarzen Pferdeschwanz zusammengebunden, war soeben angekommen.

»Ich bin gestern von zuhause abgehauen«, erzählte sie aufgeregt ihrem Gegenüber. »Mein Vater wirft mich die Treppe runter, wenn er mich hier findet!« Und blickte wichtig aus der Wäsche.

Werwolf stieß mich an. »Haste gesehen?«, flüsterte er. »Die hat sich die Arme aufgeschnippelt!« Das stimmte. Die frischen Schnittspuren waren nicht zu übersehen.

Es war nicht das erste Mal, dass ich derartige Verletzungen sah. Ein zierliches Punk-Mädchen hatte mich einst in Angst und Schrecken versetzt. »Ich sag nur Schneewittchen!« Da Werwolf nickte, fuhr ich fort: »Die hat mal bei mir übernachtet. Als ich nächsten Morgen aufwachte, ritzte sie gerade mit einer aufgerissenen Coladose an ihrem Arm herum. Der Anblick, wie sie ihrer Ratte mit dem Mund Spucke zu trinken gab, war dagegen geradezu liebreizend.«

»Die Kralle war noch härter drauf, erinnerst du dich, Karl? Komasuff, dumm wie Brot, Total-Asi. Die hatte aber ’n Einser-Abi. Die Stumpfnummer war ihr Trick, es ihren Alten richtig zu besorgen.«

»Wie könnte ich die vergessen? Kralle hat später in Hannover locker von meinem Balkon runtergekotzt und vorher noch ›Eisgekühlter Bommerlunder‹ von den Hosen in die Nachbarschaft gegrölt. Unglaublich, wie viele Leute damals bei mir gepennt haben!«

»Wir waren alle bekloppt, echt!«, ereiferte sich Werwolf und fuchtelte mit den Armen. »Die ganze Szene. Hauptsache, Sau rauslassen. Wer was anderes behauptet, hat sich immer nur zwischen Plattenladen und Kinderzimmer bewegt.«

Und jetzt saßen wir 30 Jahre später wieder mit blutjungen Iroträgern an einem Brunnen in Wuppertal. Zusammen mit alten Schmuddelpunks. Ich sah die Leichen, als die einige der Zombies in absehbarer Zeit enden mussten. Und die Zombies, in die sich manche der Jüngeren in ein paar Jahren verwandeln würden.

»Soll ich aufspringen und eine flammende Rede auf das Leben halten?«, fragte ich. »Gegen Suff und Drogen?«

»Bleib bloß sitzen!« Werwolf griff mir an die Schulter. »Die wollen auch ihren Spaß haben. Und zwar mit denen da.« Er zeigte auf den fehlenden Teil der Theatertruppe. Der Polizeisportverein kam soeben anmarschiert, um die höchstgefährlichen Chaostage in einen Kessel zu bannen. Ohne Helm und Tonnenbrust, sondern im lockeren Dress mit feschem Käppi. Die Ausweiskontrolle begann.

Ich versuchte, die Punk-Ansammlung mit den Augen dieser Cops zu sehen. Wollte in ihren Gesichtern lesen, was sie dachten angesichts des volltrunkenen, teilweise verdreckten Mobs, der alle Zeichen der menschlichen Apokalypse zeigte. Und ich sah … Mitleid!

Das irritierte mich, das kannte ich nicht von früher. Hatte sich die Polizei geändert – oder das Auftreten der Punks?

Irgendwann war ich an der Reihe. Opa Nagels Ausweis wurde kontrolliert, die Daten aufgeschrieben, zurück das Ding. Mehr nicht. Ich war ja nicht die Klientel, die die Uniformierten auf dem Kieker hatte. Angebliche Ruhmestaten in der Punk-Steinzeit gingen den Hütern von Sicherheit und Ordnung am Arsch vorbei. Wenn sie denn überhaupt im Polizeicomputer noch verzeichnet waren. Wie schade – keine Gelegenheit, mich ein bisschen künstlich aufzuregen!

 

Die Bullen verpissten sich, die Koma-Party konnte weitergehen. Es blieben die beiden Bullenwagen. Die Chaostage schienen in Langeweile und Untätigkeit auszuarten. Schönes Chaos!

Nach einer Weile erhob sich Alex von der Stufe am Brunnen. Sie hatte die ganze Zeit geschwiegen. »Ich geh zu SATURN. Meine Digitalkamera ist kaputt. Mal sehen, was es Neues gibt.«

Sie war keine drei Minuten fort, als urplötzlich die Post abging. Bald hundert Neuankömmlinge zogen grölend und flaschenschwenkend zum Neumarkt. Die Gruppe von 50 halbgelähmten Partygästen verdreifachte sich innerhalb von 60 Sekunden, wurde zu einer abenteuerlustigen Meute, die dem Tag ihren Stempel aufdrücken wollte. Ich sah, wie die Neuen Schnaps und Bier kistenweise anschleppten, es wurde gemütlich.

Die 150 Jubiläumsgäste wirkten in der Fußgängerzone wie ein Pfropfen in der Hauptschlagader. Die Hälfte des Mobs saß auf dem Boden und störte den Konsumentenfluss. Darunter einige Schwarzgekleidete, der Älteste höchstens siebzehn. Das Schwarze Blöckchen buddelte eine Handvoll Steine aus und hoffte auf die restlichen 1300 Chaoten.

Ein Typ mit nacktem Oberkörper wankte mit einem Bauschild an uns vorbei. Irgendjemand hatte mit einem dicken Marker CHAOS draufgeschrieben. Immer mehr Flaschen zerdepperten auf dem Boden. Ob gezielt oder unabsichtlich im Suff – wer wollte das wissen?

»Kann nicht mehr lange dauern, bis es lustig wird«, sagte Werwolf und grinste.

Keine drei Minuten später wurde die Revolution im Keim erstickt. Von zwei Seiten stürmten Bullen mit Helm, Schild und Knüppel heran. Ein paar Gegenstände flogen, dann war ziellose Flucht angesagt, die Polizei hinterher. Zwei Uniformierte nahmen sich die Zeit, diverse Kästen Bier zu zerschlagen. Dann startete die Hasenjagd, die Cops griffen sich alles, was verdächtig aussah und weglief.

Werwolf und ich, wir schlugen uns in die Büsche, langsam schlendernd. Wir wurden zu älteren Herren. Zu Passanten. Gleichzeitig filmte ich die Szenerie. Wozu hatte ich ein teures Handy? Als alter Sack machte ich mir wenig Sorgen, auf den Pelz zu bekommen.

Überall waren Einsatzgrüppchen der Polizei unterwegs, auf der Suche nach Punks. Einer, der wohl das Sagen hatte, wies seine Untergebenen an.

»Wir müssen die Stadt unter Kontrolle bringen!«

Der Bullenhäuptling sah mich und mein iPhone.

»Kamera aus!«

»Ich filme lediglich das allgemeine Geschehen.«

»Haben Sie einen Presseausweis?«

»Den brauche ich nicht. Ich darf das.«

»Wenn Sie nicht aufhören zu filmen, werde ich Sie in Gewahrsam nehmen.«

»Nur zu.«

»Geben Sie mir Ihren Ausweis!«

Den bekam er. Und verschwand damit, während ich bei seinen Kollegen geparkt wurde. Bald darauf kehrte der Filmverhinderer zurück.

»Wir haben Zeugenaussagen, dass Sie aufwiegelnd auf die Menge eingewirkt haben. Sie sollen gesagt haben ›Warum seid ihr nicht mehr?‹«

Und verschwand gleich wieder.

So ein Quatsch! Der Satz mochte von irgendwem stammen, aber nicht von mir! Abgesehen davon hätte ihn auch meine Mutter sagen können, ohne in den Verdacht der Aufwiegelung zu kommen.

Mit einem Male setzte sich der ganze Polizeitrupp in Marsch. Ich rannte hinterher: »So geht das aber nicht … mich einfach stehenlassen! Was ist mit meinem Ausweis?«

»Ach ja … Entschuldigung. Sie sind dann festgenommen. Bitte begeben Sie sich zur Gefangenensammelstelle dort!«

Das gefiel mir. Mein letzter Zellenaufenthalt war Ewigkeiten her, im Wuppertaler Polizeipräsidium saß ich zuletzt vor 30 Jahren ein. Den Spaß wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Das sahen die Uniformierten anders. Sie weigerten sich, die Festnahme zu vollziehen und mich zu den restlichen Gefangenen zu führen. Der Cop, der mich einkassiert hatte, war verschwunden. Ich wurde sauer.

»Ich bin festgenommen, Mann! Behindern Sie das nicht! Ich bestehe auf dieses Recht!«

Dann kehrte mein Polizei-Spezl zurück – ich durfte im Kessel Platz nehmen.

»Hey, Nagel, kann ich was für dich tun?«, kam es von irgendwoher. Ich schaute mich um. Ah – as war unverkennbar Werwolf, der hinter einer Polizeikette stand und mir nun zuwinkte.

»Nee, alles ok«, rief ich zurück.

Im nächsten Moment entdeckte ich Alex.

»Wir treffen uns im Hotel!«, schrie ich.

Sie reckte den Daumen nach oben. Gut. Damit war das schon mal erledigt.

Endlich war Abtransport angesagt. Zwei Cops übergaben mich an die Besatzung eines Polizeiwagens, in dem bereits fünf gefesselte Punks saßen.

»Der da braucht keine Fesseln. Der ist friedlich.«

Dann wurde die Tür zugeworfen.

»Dürfte auf ’ne Übernachtung im Knast hinauslaufen«, sage ich zu dem Punk, der neben mir im Wagen saß.

»Halt die Fresse. Wir wissen, dass du ein Spitzel bist!«

Hm. So fühlte sich das also an, wenn man nicht dazugehörte. Ein Wink mit dem Zaunpfahl. Von einem Typen, der keine zwanzig Jahre auf der Latte hatte. Er misstraute mir, weil ich nicht die kaputte Patina besaß, die man als zerstörter Alt-Punk aufzuweisen hatte. Er und die anderen Mitgefangenen hielten mich für einen Zivilbullen, und es half kein bisschen, das abzustreiten.

»Los, zeig uns deine Dienstmarke!«, raunzte mich ein grünhaariges Rattengesicht an. Er wollte den Ausweis als Beweis, dass ich kein Zivi war?

Der Kerl versuchte mich mit immer neuen Forderungen und Behauptungen zu enttarnen und mir meine staatstragende Niederträchtigkeit zu beweisen. Erst als ich ihm mit einem Tempo die Nase putzte, gab er sich umgänglicher.

Im Polizeipräsidium mussten wir eine ganze Weile im Wagen warten, die Bullen hatten eine Menge mit den Leuten vor uns zu tun. Weil meinen Mitgefangenen die Blase drückte, durften sie zuerst raus. Dann war ich dran. Ich wurde durch einen langen Gang geführt und einem Grauhaarigen übergeben.

»Hallo«. Ich wollte freundlich sein.

Das betrachtete der Polizist als renitentes Verhalten und bellte mir ein paar Befehle ins Ohr. Die Art, wie er mich durchsuchte, glich einer Domina-Massage. Altes Schrot und Korn.

Ein anderer führte mich zur Zelle. Dort begrüßten mich an die zwanzig dichtgedrängte Leute, ein infernalisches Lärmkonzert und unerträglicher Gestank. Käsefüße mischten sich mit beißendem Pissearoma.

Aufs Klo durfte keiner. Einer nach dem anderen schiffte in die Ecke. Wir saßen auf dem Boden und schwitzten in der Luftfeuchtigkeit eines tropischen Regenwaldes. Die Pissecke wuchs, die Gefangenen zogen sich immer weiter in den noch nicht kontaminierten Teil der Zelle zurück.

Sie begannen durchzudrehen, schrien sich gegenseitig an, hämmerten an die Tür, verdächtigten und beschuldigten ihre Zellengenossen wegen diesem oder jenem. Andere brüllten, alle sollten die Fresse halten. Weil man sonst nie rauskäme.

Die meisten Festgenommenen waren Teenies und hatten noch nie in einer Zelle gesessen, weshalb ihnen die Düse ging. Sie hatten keinen blassen Schimmer, was als Nächstes geschehen würde.

Irgendwann fiel mir ein, dass wir vor einem Vierteljahrhundert in der Gemeinschaftszelle Liedchen geträllert hatten, um die Stimmung zu bessern. Als Vater konnte ich einiges zum Liedgut beitragen, und schon sangen alle »Hänschen klein«, »Bi-Ba-Butzemann« und »Alle meine Entchen«.

Später öffneten die Cops die Fenster, wir durften auf die Toilette, Wasser wurde ausgeschenkt. Weil niemand mehr in die Zelle pisste, schrumpfte der Pinkelsee. Ich dankte der Kraft der Verdunstung.

In Trauben hingen die Leute an der Gitterluke, um frische Luft zu atmen und die Lage im Innenhof zu peilen. Der Alkoholpegel sank, selbst die grüne Ratte aus dem Bullentransporter konnte wieder eins und eins zusammenzählen. Die brüllenden Bilderbuch-Punks gerannen zu netten und zurückhaltenden Leuten. Die Show war vorbei, die Revolution abgesagt. Alle wollten nach Hause.

Dann wurden die Ersten aus der Zelle geholt – zur Vernehmung oder weil die Eltern eingetroffen waren. Nach und nach leerte sich das Loch, bis ich zuletzt allein darin herumwanderte.

Ich nutzte die Gelegenheit, ein paar alte Punksongs anzustimmen. Der Klang der leeren Zelle gefiel mir.

Dann wurde ich endlich zur Vernehmung abgeholt. Man warf mir »Aufstachelung zum Landfriedensbruch« vor.

Es folgte die unumgängliche Erkennungsdienstliche Behandlung: Foto und Fingerabdrücke. Oder »Klavierspielen«, wie es früher hieß.

»Vor 30 Jahren wart ihr aber brutaler. Da knackten die Finger. Jetzt könnt ihr’s auch schmerzfrei, was?«

Die Bullen lachten. »Damals saßen hier noch Kollegen, die ihre Ausbildung gleich nach dem Krieg gemacht haben, oder früher. Die sind mittlerweile alle in Pension.«

Ich fühlte mich ertappt. Und irgendwie fehl am Platze.

Eine Viertelstunde später stand ich in Freiheit vor dem Polizeipräsidium. Wie kam ich um diese Zeit zum Hotel? Mit dem Taxi? Die Nacht war klar und trocken. Ein Fußmarsch schien das Richtige, den Kopf freizukriegen und das Erlebte zu verdauen.

Ich zog das iPhone aus der Tasche und nutzte die Wanderung für Notizen.

Punk ist Scheiße, und Punk ist geil! Ich habe nicht vergessen, dass Punk mich aus einem Dasein als arme Wurst befreit hat.

Ich weiß, dass es keinen Weg zurück gibt. Und ins Jetzt gehöre ich auch nicht.

Wie lange noch wird es dauern, bis ich Alex verliere?

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