MIT CLAUDIA IM BETT, SOZUSAGEN: Ich sitze im Büro von Claudia Roth, der Kulturstaatsministerin. Ja, PUNKFOTO ist ein tolles, engagiertes, spannendes Projekt, sagt sie, und 30.000 Euro Förderung jährlich, das ist hinzukriegen. Sie zwinkert verschwörerisch mit dem linken Auge, bevor sie fortfährt: Aber natürlich müßten Sie PUNKFOTO dann noch mal auf einige Richtlinien abklopfen … keine sexuelle oder rassistische Diskriminierung etwa, das ist doch heutzutage wie ein ... (Weiterlesen ...)
Nr. 63

Ich + Ich im Weltall

aus »Schlund«, 2018

Der Fliegenschwarm rund um den Mülleimer hatte in den letzten Tagen den Charakter einer Invasion angenommen. Die winzigen Biester waren überall, Töpfe und Teller mit Essensresten ihr Lebensraum. Sie fühlten sich ganz wohl bei mir, sogar im Winter, wenn ihre großen Verwandten Pause machten. Oder es war eine neue Spezies, gezüchtet in meiner Küche.

»Tut mir leid, Kinners, aber die Party ist vorbei. Verpisst euch!«, brüllte ich gegen den Lärmteppich an, den Blut + Eisen über diverse in der Wohnung verteilte Boxen verbreitete. Dann begann ich mit der Vernichtung des Lebensraums der Fliegenkolonie. Ich öffnete die Balkontür bis zum Anschlag, das Ziel die Endlösung der Fliegenfrage durch winterliche Frischluft. »Lange Gesichter, lang wie ’ne Banane …«, sang ich zur Musik. Dann zog ich den Müllsack aus dem Eimer, band ihn zu und verließ mit dem Fliegengefängnis die Wohnung, zwecks Deportation in den neben dem Haus gelegenen Müllcontainer. Dort würde das Geschmeiß jämmerlich ersticken. Lebensunwertes Leben, das vernichtet werden musste!

Ich bin wie Hitler – ich weiß noch, wie mir dieser Satz durch den Kopf schoß. Ich konnte es nicht lassen. Und weil ich eine schlimme Kindheit hatte, würden jetzt eben die Fliegen dran glauben. Was blieb mir anderes, als nach unten zu treten?

Eventuell war es auch ein Krieg auf gleichem Level: Untermensch gegen Ungeziefer! Meine erste Punk-Jacke trug den Schriftzug »Ich bin ein Untermensch«, womit ich mich schon vor 35 Jahren auf das Niveau von Ratten und Schmeißfliegen begeben hatte.

Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder der Küche zu. Unter heißem Wasser das Gröbste vom Geschirr abspülen, den Glastisch freiräumen und abwischen, fegen, die Bücherkiste auf den Tisch, fertig!

Ok, darunter litt das Punk-Flair gewaltig, ging aber im richtigen Leben zeitweise nicht anders. Vor allem, wenn man Leute in die Bude reinlassen musste, um ihnen was zu verkaufen. Der Kapitalismus machte eben auch vor Fliegen und Dreck nicht halt.

Besonders an einem Tag wie diesem: Für zehn hatte sich Besuch angekündigt, ein Unbekannter wollte eine Kiste Perry-Rhodan-Doubletten bei mir einsacken. Nicht die Hefte, sondern Taschenbücher, genannt Planetenromane – ich hatte sie via eBay-Kleinanzeigen angeboten, und mein Besucher war ein potenzieller Käufer!

Ich hatte so meine Erfahrungen mit Perry-Rhodan-Lesern gemacht. Ein merkwürdiges Volk, man musste mit allem rechnen. Und natürlich wollte ich nicht, dass mein Kunde angesichts des wuchernden Chaos umgehend die Flucht ergriff.

Mittlerweile war die erste Plattenseite durch; ich drehte sie um, weiter ging’s mit dem nächsten Song und meinen Anstrengungen, den Bunker ein wenig aufzuhübschen. »Sehnsucht, solche Sehnsucht nach dir, Sehnsucht in meinem Häääääärzen!«, sang ich lauthals mit; Blut + Eisen gab die Richtung vor.

Mein Besuch konnte kommen. Der Botschafter der Außenwelt.

 

Als es kurz nach zehn klingelte und ich die Tür öffnete, erblickte ich einen Mann in ungefähr meinem Alter.

»Ich bin Uwe«, sagte er. Sein Äußeres vermittelte den Eindruck, als habe ihn seine Mutter eingekleidet; er trug einen Wintermantel zu Cordhose und gemustertem Wollpulli, auf der Nase eine altmodische Nickelbrille im Piloten-Style. Über allem thronte ein dunkelblonder Seitenscheitel. »Wir hatten telefoniert.«

Uwes Gesicht glich einem Panzer aus rosa Marzipan. Es sagte: »Ich habe noch nie eine Muschi von innen gefühlt, und das ist gut so!«

Ich war wie Uwe. Zumindest in der Realität einer Parallelwelt. Dort hatte sich mein alternatives Ich 1981 gegen Gefahr und Abenteuer entschieden – und für ein Leben in Perry Rhodan, der größten Science-Fiction-Serie der Welt.

In der Realität, auf dieser Seite des Spiegels, waren die Dinge anders gelaufen. Während in meiner Lieblingsserie positronisch-biologische Roboter – kurz »Posbis« genannt – Das Wahre Leben irgendwo im Weltall suchten, wollte ich es auf der Straße finden.

Es war ein Ausbruch, wie er im Buche stand. Da mussten die Heftchen samt Posbis erst mal pausieren.

Doch diese Ereignisse lagen Jahrzehnte zurück, und so verabschiedete ich mich von der Vergangenheit und wandte mich wieder Uwe zu. Er wusste nichts von alldem, und es gab keinen Grund, daran etwas zu ändern.

 

»Hallo, ich bin Karl. Komm rein!«, begrüßte ich meinen Besucher. Er trat zögernd ein, spähte nach links und rechts, wir gingen durch den langen Flur in die Küche.

Ihm war nicht wohl in seiner Haut, das war nicht zu übersehen. Die Welt, die sich Uwe in meinem Bunker darbot, verunsicherte ihn: ein bärtiger Glatzkopf mit Hundehalsband, an den Wänden Punk-Poster und Chaostage-Fotos. Ich hätte zumindest die Axt wieder ans Bett hängen können.

Ich versuchte mich an einem Lächeln und zeigte auf den Karton auf dem Küchentisch.

»Das isses. Lang zu. Habe ich alles doppelt.«

Hey, ich bin wie du, wollte ich meinem Alternativzwilling damit sagen. Ein Perry-Rhodan-Fan!

Uwe entspannte sich und begutachtete die Taschenbücher, streichelte die aus der Bücherkiste überstehenden Buchrücken.

»Das sind alles Ausgaben mit Johnny-Bruck-Titelbildern! Ich liebe seine Bilder«, sagte er und griff tief in die Kiste. Bewegte den Arm mit sanften Stößen erst begeistert, dann zärtlich hin und her, wühlte und schichtete, zog einzelne Bücher heraus und schob sie wieder hinein. Dann sabbelte er mich eine Weile voll. Na klar, früher waren die Geschichten besser, besonders die von K. H. Scheer über Atlan, den Einsamen der Zeit. Und jammerschade, echt, dass der Voltz so früh gestorben ist. Aber ich war nicht bei der Sache. Im Hintergrund quälte mich unaufhörlich eine wohlvertraute Stimme: Ach komm … nur mal kurz nach Mails schauen! Vielleicht hat Melanie ja geschrieben!

Das machte mich fertig. SCHNAUZE!

»Ich nehme alle«, unterbrach Uwe meinen geistigen Ringkampf. Seine Augen leuchteten. »Was willst du dafür haben?«

»’N Fuffi.«

»Das ist teuer. Die Hälfte wäre ok. Der Zustand der Planetenromane ist eher miserabel.«

Auf so ein Schingelschangel hatte ich gewartet. Ich nahm die Kiste mitsamt Büchern vom Küchentisch.

»Wer schlecht von den Waren spricht, will sie kaufen. Ferengi-Erwerbsregel 246.«, erklärte ich, lachte meckernd und versuchte, wie der Ferengi Quark aus Deep Space Nine zu klingen.

»So habe ich das doch nicht gemeint!« Täuschte ich mich, oder hörte ich Angst in Uwes Stimme? »Außerdem bin ich kein Star-Trek-Fan«, setze er nach. »Wollen wir uns nicht in der Mitte treffen?«

Das reichte. Ich drückte die Kiste fest gegen seinen Bauch.

»Raus! Wenn der Kunde geht, geht auch der Profit. Nummer 122.«

»Wie meinst du das?«

»Wirst du gleich sehen.«

Er machte einige Schritte rückwärts, stolperte geradezu aus der Küche heraus, hinein in den Flur, wo ihn das Mosaik dutzender Fotos an der Wand garantiert ahnen ließ, was für ein schlimmer Finger ich sein konnte. Die Ansammlung brüllender, saufender und tobender Punks und Skins war zwar von vorgestern, aber wie sollte Uwe das wissen?

Mit jedem Schritt stieg Uwes Panik, das war seinem Gesicht abzulesen. Er beeilte sich, die Tür zu erreichen, und war fünf Sekunden später draußen. Ich warf die Kiste hinterher, die Bücher flogen in den Hausflur.

»Nimm sie einfach alle mit, ich will sie nicht mehr.«

»Aber das Geld …«

»Steck’s dir in den Arsch. Nimm deine Braut und verpiss dich!«

 

Nachdem ich die Tür zugeworfen hatte, war ich erleichtert. Ich hätte Uwe keine Sekunde länger ertragen. So ein Auftritt wie gerade eben im Super-Size-Format, verbrannte Erde überall, das wäre geil!, dachte ich noch, dann überfiel es mich für eine halbe Stunde wie ein Fieber. Von wegen »nur mal kurz Mails« – ich steuerte – baff-baff-baff – eine Junkseite nach der anderen an. Wollte die mentale Mischung aus Speedmetal, Stalinorgel und Fabriklärm ertönen lassen. Das Röhren gigantischer Raumschiffe im Vakuum.

Und dazwischen absoluter Stillstand der Zeit, ein Glotzen ins Nichts. Ich hätte nicht begründen können, warum ich in den Monitor starrte. War es von Bedeutung, dass sich türkische und deutsche Politiker die Förmchen um die Ohren schlugen? Oder was Apple für die neue iPhone-Version plante? Wie viel Zeit verschwendete ich, um über Dinge nachzudenken, die mir am Arsch vorbeigingen? Stattdessen klickte, blätterte, hechelte ich von einem Link zum anderen. Ich war Ribald Corello, der psychotische Supermutant aus den Rhodan-Heften! Der mit der riesigen Birne und dem Kindskörper.

Ich werde die Menschheit vernichten und die Galaxis beherrschen!

Was war das denn wieder für ein Mist in meinem Kopf?

Ich setzte mich in den Sessel und aktivierte das Handy, weil soeben ein brandheißes Begehren nach oben gesprudelt war: Wie kalt ist es eigentlich draußen? Aha, 7 Grad, trocken. Nicht, dass ich rausgehen wollte – ich musste es einfach nur wissen!

Ständig poppten neue Gedanken als Seifenblasen durch meinen Kopf, verdrängten die alten, wurden gekillt von frischeren Geistesblitzen. Alle 15 Sekunden ein Reboot. Komplett im Jetzt, ohne Vergangenheit und Zukunft.

Mein Geist zersplitterte in zahllose Fragmente und Tweets, ein einziger Feed, begleitet von gelegentlichen Animationen, in denen Marvel-Superhelden, Politiker und Irokesenpunker miteinander rangen.

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