Hackfleisch

Von 1982 bis 1986 habe ich insgesamt 6 Ausgaben meines Punk-Fanzines HACKFLEISCH herausgeben.

Das ganze fing an im Dezember 1982 mit einem dünnen Heftchen im A5-Format. Ich verkaufte die Dinger in Plattenläden und auf Konzerten.

Ich dachte, das würde Spaß machen. Ich posierte mich am Konzerteingang.

»Hey, Alter, willste n Fanzine kaufen?«

Der Typ mit Bier in der Hand und Punquette im Arm blieb stehen und schaute erst mich, dann das Heft an. Dann blätterte er darin herum. Er tat es auf eine Weise, als wolle ich ihm einen CDU-Prospekt andrehen.

»Gibt’s das umsonst?«, fragte er.

»Nee. Eine Mark.«

»Ich nehm eins, wenn du’s mir schenkst.«

»Vergiß es.«

Ich drehte mich um und suchte ein anderes Opfer. Nach einer halben Stunde packte ich meine Fanzines ein. Ich wollte mich wie die anderen amüsieren und hatte keinen Bock auf eine Schlägerei.

Im März 1983 wollte ich es noch einmal wissen. Für die zweite Ausgabe packte ich Adolf Hitler aufs Titelbild und verlegte mich auch im Inneren auf kalkulierte Pöbelei.

Ich war wohl nicht gut genug. Vielleicht stand auch nicht oft genug »Fotze« oder »Ficken« drin. Das Heft hat nicht wirklich jemanden interessiert

Danach war für ein Jahr Schluß mit der Fanzinemacherei. Ich war ja kein Masochist. Und die Punks waren in dieser Zeit eh mit ihrem eigenem Niedergang beschäftigt. Die einen lagen besoffen am Straßenrand, andere widmeten sich stattdessen eher anregenden und härteren Drogen und lachten über die Penner-Punks. Aber nicht lange. Viele stiegen aus. Nur Schwachköpfe interessierten sich für Punk-Fanzines. Idioten wie ich.

Nach den Chaostagen 1984 und der sich abzeichnenden endgültigen Implosion der deutschen Straßenpunkszene ritt mich noch mal der Punk-Messias: ICH war der EINZIGE, der die Szene noch retten konnte, und deshalb gab es eine neue Ladung HACKFLEISCH!

Aber diesmal machte ich es ganz anders. Nie wieder wollte ich vor irgendwelchen Langweilern auf dem Boden rumrutschen, damit sie ein Heft kaufen. Die mir als Antwort doch eh nur auf die Seiten kotzten.

Ich mußte ein Heft machen, das die Attraktivität eines gut durchbluteten Geschlechtsteils hatte. Das so klasse aussah, daß es JEDER haben wollte. So würde ich den willigen Käufern die vielen Buchstaben und Worte wie ein Trojanisches Pferd unterjubeln. Denn mir lagen durchaus auch ein paar Dinge schwer auf meinem kleinen Punker-Herzen.

Ich hatte eine Idee.

Einige Monate später stand ich im AJZ Bielefeld, einen schweren Stapel brandneuer HACKFLEISCH-Hefte im Arm. Ich sprach niemanden an, sondern unterhielt mich mit Ratte, Wanze, Schleimi. Wen ich halt so kannte.

Jeder, der vorbeikam, konnte die Hefte sehen. Auf dem Cover keine Band, kein Adolf, sondern ICH.

»Was hastn da?«, fragte mich die erste. Das übliche Geblätter. Der Versuch, Überheblichkeit auszustrahlen. Ich unterhielt mit weiter mit Ratte.

»Was kostet das?«

»Zwei Mark Fuffzig.«

Die Frau packte ihr Bier zwischen die Knie, wühlte in den Taschen und gab mir die Kröten.

»Viel Spaß!«, sagte ich.

Als ich irgendwann nach Mitternacht nach Hannover zurückfuhr, hatte ich 50 Hefte verkauft.

In den nächsten Monaten ging das so weiter. Ich mußte nachdrucken und verschickte viele Hefte an kleine und große Händler von außerhalb. Zum Schluß waren fast 2000 meiner Meisterwerke weg. Ohne Werbung, ohne Schleimscheiße. So sollte es sein!

Es folgten zwei weitere Hefte in der gleichen Machart, unterbrochen von der Nummer 5, die ich noch mal als kopiertes A5-Heft in Mini-Auflage konzipierte. Um die Sammler zu ärgern.

Danach war Schluß. Ich wollte lieber Musik machen. Es wurde ja auch immer langweiliger, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie der wahre, echte Punk für unsere Enkel zu bewahren war. Die Nummer war durch.

 

Demnächst werde ich nach über 30 Jahren »Pause« HACKFLEISCH mit der 7. Ausgabe fortsetzen. Die aktuellen Druckpreise erlauben mir auch eine Mini-Auflage (wahrscheinlich erst mal testweise 200), so daß ich ökonomische Zwänge ignorieren kann.

Ansonsten gilt: Keine Plattenkritiken, keine politischen Lösungen vom Sofa, sondern nur das, was in meinem Schädel rumort, was ich erlebe. Oder erleben könnte. Viel Text, wenig Vernunft.

Als PDF zum Download: HACKFLEISCH 2 (1983)HACKFLEISCH 3 (1985)

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