Lichtblick

Mal wieder Seelenklempner. Ein paar Minuten zu früh, er steht vorm Haus, lutscht an einer Kippe, ein paar hastige Züge.
»Gehen Sie schon mal hoch, Herr Reinhardt. Ich komm’ gleich.«
Er schaut wieder weg, irgendwohin.

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Spanner

Ich bekomme viele Mails, die Leute kommen mir ständig auf die gleiche Weise: »Ich studiere Soziologie, und für meinen Bachelor suche ich …«, »Im Unterricht machen wir gerade Randgruppen, also auch Punks, und ich hätte da ein paar Fragen …«, »Für eine Ausstellung benötigen wir druckreife Punkfotos, und es wäre klasse, wenn Du …«, »Ich produziere für den Sender XYZ eine Dokumentation, und da bräuchte ich ein paar Infos und O-Töne …«, und damit genug für heute, bitte ein anderes Programm! Aber natürlich ist klar, daß es so weitergehen wird, bis es mich dahinrafft.

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Alles Punk – besonders im Chaostage-Theater!

Es ist gut, daß die Dinge, die unsere Jugend geprägt haben, jetzt nur noch im Museum oder im Theater zu bestaunen sind. Getreu dem Motto: ALLES KAPUTTMACHEN, das ist PUNK! Also muß auch Punk zum Teufel gehen, das ist seine allerheiligste Verpflichtung. Und ein fröhlicher Selbstgänger zugleich, ein Perpetuum Mobile der Realität.

Früher jagte uns (nicht nur) der Staat knüppelschwingend (nicht nur) bei Chaostagen (nicht nur) durch Hannovers Straßen, und der gemeine Punk fand zwangsläufig (nicht nur) Deutschland Scheiße – Jahrzehnte später finanziert der gleiche Staat im Staatstheater Hannover ein Chaostage-Theaterstück. Aber keineswegs, um die eigenen Treibjagden endlich mal aufzuarbeiten.

Gleichzeitig bietet der Deutschlandfunk dem ergrauten Chaostage-Strippenzieher von damals – mir! – ein strammes Honorar, damit er nach Hannover fährt und sich in Theaterkritik übt.

Hallo, geht’s absurder? NEIN! GENAU SO tickt der vielzitierte PUNK! Und jetzt alle mitsingen:

»Deutschland, Deutschlandfunk über alles, über alles in der Welt

Für Chaostage im Theater nehmen alte Punks gern dein Geld!«

So macht sich Karl Nagel, die Punk-Nutte, am 9. Dezember – seinem 57. Geburtstag – per ICE auf den Weg in die niedersächsische Landeshauptstadt.

Ich bin gut vorbereitet: als Nietenkaiser in meiner ollen Punk-Jacke. »Nie wieder Frieden« steht in Frakturschrift hinten drauf. Am Hannoveraner Hauptbahnhof angekommen, wandle ich durch die Weihnachtsmarkt-Hyänen wie ein wandelnder, glitzernder Christbaum Richtung Theater. Der Künstlerbande zeigen, wo der Hammer hängt. Null Toleranz. Respektlos und gemein, wie es sich für ein Punk-Arschloch vom Dienst gehört. Im Gepäck: ein perfekter Plan!

Die Beweisführung, daß irgendwas oder irgendwer KEIN Punk ist, gehört dazu. »Was hat das noch mit Punk zu tun?«, so lautet seit Ewigkeiten die unschlagbare Punk-Keule. Geschwungen besonders gerne von Nicht-Punks, um zu unterstreichen, daß die eigene irre Welt alternativlos ist. Punk im Mercedes – kann kein Punk sein! Punk mit Job? Wie unpunkig! Punk mit Kinderwagen? Total spießig!

In Wahrheit ist GENAU DAS Punk! Unter anderem. Schon 1980 fand es eine Handvoll Punks konsequent, als Kontrast zur bunthaarigen Lederjackenmeute im Anzug durch die Gegend zu laufen. Wie IRRE! Und alle Bürger haben geglotzt. Nicht? Andere rasierten sich die bunten Haare, zogen Bomberjacken über und wollten als Skinheads nun die »neue Rasse« darstellen. Als Super-Punks sozusagen. »Deutschland den Deutschen« mit Glatze – das war eindeutig viel häßlicher als jede Struwwelpeterfrisur. Ein Rohkrepierer?

Die Rest-Punks wußten, daß sie sich weiterentwickeln mußten: Im Laufe der Zeit wurde es total punk, sich vegan zu ernähren und Jugendzentren, Kneipen und Clubs mit ellenlangen Verbotslisten zu tapezieren. Damit jeder weiß, wo die Freiheit ein Ende hat und wer alles nicht reindarf: Faschisten, Sexisten, Homophobe und so weiter. Die Typen mit den zerstörten Frisuren und Klamotten wollen jetzt unzweideutig zu den Guten gehören und vielleicht nicht deutschen Rentnern, aber doch Flüchtlingen über die Straße helfen.

Die Zeiten, in den wir als eine Meute hemmungsloser Totalgestörter herausfordernd blinkende rote Knöpfe drückten, sind vorbei. Die Punks der frühen Achtziger hätten heute überall Hausverbot. Jetzt lautet die Parole: »Danke AfD! Mit euch als Kontrast stehen WIR auf der richtigen Seite der Geschichte!«. Punk ist erwachsen, im Gegensatz zu mir. Werde ich jemals die Kurve kriegen?

Den freigewordenen Job, die Ängste des braven Bürgers zu bedienen und die Welt in Angst und Schrecken zu versetzen, haben im gesellschaftlichen Biotop unterdessen andere übernommen. In Zeiten wie diesen, in denen Business Punks und Golf Punks die Macht übernehmen und unser Leben durchgoogeln und veräppeln, sind Donald Trump und Kim Yong Un echte Punks. Ihre Frisuren beseitigen alle Zweifel. Und DIE TOTEN HOSEN liefern zur Merkel-Politik den Soundtrack. Die Punk-Forschung ermittelt: WAR ADOLF HITLER DER ERSTE PUNK? Oder doch der Hunne Attila? Die römischen Kaiser Nero und Caligula? Al Kaida, die Taliban oder der Islamische Staat machen übrigens heutzutage auch einen guten Punk-Job! Gerade WEIL sie sich mit Hunden schwertun.

Dagegen kann ein CHAOSTAGE-Theaterstück nur verlieren. Langweiliges, jammervolles Opfergeschwätz, von dem ich mir kaum einen Satz gemerkt habe, Umweltzerstörung, die Eltern, Atomraketen, Nazis, das Scheiß-System, bla bla bla. Aus alten SPIEGEL-Artikeln oder Büchern zum Thema abgeschrieben. Abgesichert von überall herumliegenden riesigen Kissen, um sich beim wilden Rumgehopse nicht zu arg auf die Fresse zu legen. Ein rauchender Punk-Darsteller, der brav in den Aschenbecher ascht. So sind eben die Spielregeln, immer schön das Kleingedruckte beachten. Und bloß niemanden bei den Eiern packen.

Ich wäre fast eingeschlafen. Daß der Schlagzeuger ohn’ Unterlaß »Hängt die Bullen auf und röstet ihre Schwänze« und irgendwas von »Revolte« sang, machte es nicht besser. Schade, daß anscheinend kein Polizeibeamter da war, um den Kerl festzunehmen.

Bis mir nicht anderes übrig blieb, als selbst ein POLIZEI-Shirt überzustreifen, rumzukrakeelen und einem der Darsteller in die Eier zu greifen. Alles muß man selbst machen, echt, ej! Da fühlt man sich als alter Sack für einen Moment noch mal wie ein echter Punk. Leider war meine Blase nicht voll genug – ich hätte gerne einen fetten, gelben Strahl im Schlagzeug platziert. Ja, FRÜHER – da wäre das kein Problem gewesen, das waren noch Zeiten! Aber jetzt marschiert unsereiner auf ein debiles Rentnertum zu, das gerade mal eine Inkontinenz zustandebringt.

So oder so, ob es mir passt oder nicht: Wieder einmal war ich Teil des Chaostage-Theaters – was die Regisseurin wie auch die Schauspieler »gaaanz spannend« fanden. Alles Kunst, alles Punk! Und interessiert genau deshalb keinen Arsch. Legt euch wieder hin. Weil alles Punk ist, ist es NICHTS.

Ein Ausblick: Nach dem Ende des Islamischen Staats wäre es vielleicht wieder Zeit für ECHTE Chaostage. Und zwar solche ganz neuen Typs, im Jahr 2022. Bei der Gelegenheit könnten wir Hannover endgültig dem Boden gleichmachen. Zur Strafe für alles – auch für dieses Theaterstück! Und dann ist Deutschland dran. Die ganze Welt. Das Universum. Hauptsache KAPUTTMACHEN. Aber vorher noch ein bißchen ficken. Und hektoliterweise Bier und Sperma verspritzten. Wir könnten uns auch von Kopf bis Fuß mit Scheiße einschmieren. Da kommen die Bullen auf keinen Fall mit klar. Und endlich, endlich hat uns wieder keiner lieb.

Wer ist dabei?

Ich geh unterdessen irgendwas bei Netflix glotzen. Oder kauf mir für die Kohle vom Deutschlandfunk was Nettes zu Weihnachten. Die Welt hingegegen soll mit Punk machen, was sie will. Wo doch eh alles Punk ist. Sogar MEIN RTL.

Was ICH will?

Nächste Frage, bitte!

Drachentod im Schanzenviertel – Ein Riot-Hipster auf dem Holodeck

Ich träume von einem Rosa Block auf Demonstrationen. Einer lustvollen Avantgarde gegen furchteinflößende Armeen. Die schwarzen Klamotten liegen im Müll, die Gefahr einer Verwechslung mit dem Nazi-Mob auch. Den Gewalt-Gorillas ist das peinlich, sie steigen aus, weil sie nicht über sich selbst lachen wollen.

Und während ich vom lockeren Aufstand träume, weiß ich, daß ich gleichzeitig ein Gewalt-Junkie bin. Der Riot-Hipster schlechthin. Ein Beobachter ohne Gefühle, der nur sich selbst im Selfie anstarrt, die brennende Barrikade als Hintergrundmotiv. Verrückt, gestört. Gefangen in einem Irrsinn, der die ganze Welt zerfrisst.

Und das Hamburger Schanzenviertel war am vergangenen Wochenende mein Holodeck.

Während ich diese Zeilen auf meinem Laptop schreibe, sitze ich im Wohnzimmer auf dem Sofa. Überlege, alle Regale und Möbel auszuräumen und die Wände mit Fototapeten zu bekleben. Links und rechts Hausfronten, die sich perspektivisch verjüngen, auf dem Boden Kopfsteinpflaster, an der Decke der rauchgeschwängerte Nachthimmel, durch den Hubschrauberlichter zu erkennen sind. Am Horizont schließlich eine brennende Barrikade, abgeblendet durch steinewerfende Silhouetten.

Genau: Es handelt sich um eine Kulisse aus dem Hamburger Schanzenviertel, und es wäre herrlich, für immer genau dort zu leben, am Abend des 7. Juli 2017. Auf einer Straße, die »Schulterblatt« heißt, und auf der für wenige Stunden die Welt unterging.

Angenehmer, weil nicht mit Arbeit verbunden, wäre ein Holodeck wie in »Star Trek«, aber weil das noch nicht erfunden ist, werde ich meine Traumwelt mit Papier und Kleister zusammenzimmern müssen. Dazu ein Flachbild-TV, auf dem Szenen aus der Elbphilharmonie laufen: Merkel, Trump, Putin und andere gutangezogene Figuren lauschen andächtig der Musik, »Ode an die Freude« erklingt aus den Boxen, und bei der Einweihungsparty des Schanzen-Zimmers tanzen meine Gäste dazu. Als vermummter schwarzer Block, versteht sich – oder besser, gleich in Rosa, so wie von mir erträumt! Jeder hat ein oder zwei Pflastersteine mitgebracht, und wir klatschen uns damit im Rhythmus der Musik ab.

Wir werden kichernd in Einkaufswagen greifen, die reichlich mit Getränken, Chips und Schokolade gefüllt sind, so wie an jenem Abend im Juli. Leider nicht geplündert, sondern für bares Geld erstanden – es kann und soll ja nicht immer Gesetzlosigkeit herrschen – wo kämen wir denn da hin?

Ja, ich weiß – die Gewaltexzesse der Protestterroristen, der schwarzen SA, der linken Verbrecher sind zu verurteilen. Jeder weiß das. Die Randale war SCHLECHT und BÖSE. Die Polizei sagt das, die Regierung, die Medien, die Linken, die Rechten sowieso. Ein Lehrstück für den Schulunterricht. Alle sind einer Meinung. Moralunterricht für unsere Kinder, bar jeden Zweifels. Und mit den Bürgern, die die Schanze aufgeräumt haben, ließe sich wahrscheinlich eher eine Anarchie umsetzen als mit Krawallbrüdern und -schwestern. Sie müssten nur den richtigen Anarchen finden.

Aber warum FÜHLTE es sich nicht schlecht an, böse zu sein? Sondern ausgesprochen gut, lebendig, optimistisch? Warum schrien die in der Schanze versammelten 3000 Terroristen nicht ununterbrochen ihren Hass in die Nacht? Weshalb schnitten sie keine Köpfe ab? Warum lachten und feierten sie?

Jetzt könnte ich in den analytischen Teil überschwenken und die Brutalo-Einsätze der Polizei gegen Steinwürfe aufrechnen. Und wie jeder gute Berufsversteher die Eskalation der Gewalt schönreden und rechtfertigen. Von Gewaltmonopol bis Widerstandsrecht. Falls dabei der Staat zu gut wegkommt, kann ich immer noch sagen: »Das ist doch alles nichts im Vergleich zu den Tausenden ertrunkenen Flüchtlingen im Mittelmeer«. Damit geht immer was, ein Killerargument. Nächstes Mal haue ich DIR aufs Maul, und wenn dir das nicht gefällt, sage ich nur: »Denk ans Mittelmeer, halt die Fresse!«

Und es stimmt: Die linken Krawallmacher haben NICHTS mit Links zu tun, die Islamisten nichts mit dem Islam und die Nazis nichts mit Rechts. Überall Opfer, keiner trägt Verantwortung für irgendwas, aber alle schreien. Auf gut deutsch: »Haltet den Dieb!«

Die Textbausteine, die im Kampf um die politische Lufthoheit abgeworfen werden, sind allesamt Mogelpackungen und Lügengebäude. Auf allen Seiten. Hauptsache, man kann einen Treffer in der Aufrechnung verbuchen. »Die Anderen« sind Unmenschen und haben angefangen, wie leicht bewiesen werden kann. Die eigene Gewalt ist immer nur Notwehr, auch Hitler wollte nur Frieden. Zu seinen Bedingungen und nicht verhandelbar – Seit 5:45 Uhr wird zurückgeschossen! Und wenn jemand wie Anwalt Beuth aus Versehen die wahren Ziele ausplaudert (»Kaputtmachen gerne, aber nicht bei uns!«), dann fassen sich alle an den Kopf, weil der Blödmann den unausgesprochenen Heuchel-Deal gebrochen hat. Da agiert die Gegenseite professioneller.

Aber lassen wir das. Das Ringen um die Wahrheit überlasse ich gerne anderen, das Richten und Lynchen auch. Ich werde nie herausfinden, ob Politik und Polizei einen perfiden Masterplan mit Hilfe bezahlter Schläger brutalstmöglich umgesetzt haben oder der Schwarze Block von Anfang an nur exzessive Zerstörung im Sinn hatte. Vielleicht stimmt ja beides. Oder alles nur TV, Zeitung und Internet?

Ich war eine Woche an fast allen Brennpunkten unterwegs. Aber nicht, um gegen den G20-Gipfel zu demonstrieren. Hatte ich schon erwähnt, daß ich ein verdammter Riot-Hipster bin? Ein Gewaltjunkie, der noch nie einen Stein geworfen hat, aber Krawallszenen einsaugt wie Dracula das Blut junger Frauen? Ich könnte glatt als Journalist durchgehen, zumal ich viel Erfahrung in Sachen Fake News habe.

So stand ich also am Freitagabend in der Schanze und beobachtete den Weltuntergang. Und ich sah, daß es schlecht war. Ich fand keine politische oder moralische Rechtfertigung, Supermärkte zu knacken, plündern und die Anwohner zu verängstigen, aber ich wollte auch nicht gehen. Ich hasste niemanden – keine Plünderer, Steineschmeißer oder Gaffer. Nicht mal die Polizisten. Genoß den Rauch, der in meinen Augen brannte. Schwebte in einer Blase absoluter Entspannung. In einer Raum-Zeit-Anomalie, in der die Geschehnisse in Zeitlupe abliefen. Ich wurde unsterblich. Alles, was mich sonst in meinem Leben belastet, unwichtig. Das leere Konto, Einsamkeit, Angst vor der Zukunft. Es gab nur JETZT, untermalt von Explosionen. Eine endlose Actionszene aus einem AVENGERS-Film. »Alles geht kaputt, alles geht in Schutt, und ich lach‘!«, so heißt es in einem alten Punk-Song von HANS-A-PLAST. Und nun lag eine Armada von Einkaufswagen sterbend am Straßenrand, wie ein verwundeter Drache, besiegt von der Furchtlosigkeit.

Ich beobachtete die Menschen um mich herum und sah tatsächlich keine Angst in den Gesichtern, keine Wut oder Hektik. Nur Ausgelassenheit – das Piratennest war richtig gut drauf und freute sich angesichts des geschlagenen Monsters.

Im Feuerschein einer brennenden Barrikade erspähte ich Doro. »Martin hat mich verlassen. Das Schwein!«, hatte sie sich erst ein paar Stunden zuvor bei mir ausgeweint. Jetzt strahlte sie die ganze Welt an und schwebte auf Wolke Sieben. Der Mix aus Feuer, Steinen und infernalischem Lärm hatte ihr das Leben zurückgegeben.

Doro gab mir einen fixen Kuss, dann tanzten wir um das Feuer. Wir fühlten uns frei. Im dampfenden Dschungel, befreit von den Regeln der Zivilisation, und von überallher wurde uns Bier, Erdnüsse oder Schokolade angeboten. Keiner wollte die erbeuteten Schätze des Drachen für sich allein behalten. An diesem Abend gehörte alles allen.

Jetzt bereue ich. Zutiefst. Daß wir’s nicht miteinander getrieben haben, die befreite Prinzessin und ich. Auf der Straße, im Feuerschein. Ein Armageddon-Fick – was kann es schöneres geben? Kein hektisches YouPorn-Gerammel mit Lecken und Abspritzen, sondern vibrierend, ineinander verklinkt für eine Ewigkeit bis zum Urknall und zurück.

Leider nur eine Phantasie. Ob ich jemals eine zweite Chance kriege?

Wir schlenderten am geplünderten REWE vorbei. »Laß mal reingehen«, sagte Doro. »Nur schauen.«

»Bist du verrückt? Ein Foto von Dir in der Zeitung oder im Internet, und dein Leben ist vorbei!«

Also gingen wir weiter bis ans Ende des Schulterblatts, das von einer meterhoch brennenden Barrikade versperrt war. Aus einer Seitenstraße spritzte ein Wasserwerfer in die Menge, attackiert von vermummten Gestalten. Nach organisierten Angriffen sah das allerdings nicht aus. Eher nach einer sportlichen Veranstaltung. Jeder durfte mal. Der Wasserwerfer kam nie in ersthafte Bedrängnis, die Steinwerfer auch nicht.

In den Siebziger und Achtziger Jahren wäre das anders gelaufen. Da wäre das Ding koordiniert angegriffen und versenkt worden. Oder die Chaoten hätten Tränengas geschmeckt.

Ich fand sympathisch, daß der »Schwarze Block« nicht als straff organisierte Armee auftrat. Wahrscheinlich, weil er es nicht KONNTE. Alles Individuen, 10 Autonome, 5 Sprachen, 11 Meinungen, kein Oberbefehl. Und erst recht keine organisierte, geplante »Falle« für die Polizei. Auch die Muskelmänner, die steinewerfend mit freiem Oberkörper auf der Straße tanzten, agierten nicht koordiniert. Keine Pläne, kein Politik, nur endlich einmal gegen die MACHT eine einzige Straße verteidigen. TANK GIRL und DEADPOOL gegen den Todesstern.

»Warum kommen die Bullen nicht von der anderen Seite?«, fragte Doro. »Warum machen die den Sack nicht zu?«

Ich schaute mich um und zuckte die Achseln. »Kein Ahnung. Vielleicht wollen sie, daß lieber hier die Post abgeht als beim Gipfel.«

Wir, der fröhliche Verbrechermob, hatte schon längst kein anderes Ziel mehr als zu SEIN. Warum über die Seitenstraßen Richtung Messehallen – wo der G20-Gipfel stattfand – vordringen, wenn es auf dem Schulterblatt die Freiheit umsonst gab, kostenlose Partyverpflegung inbegriffen? Die Polizei mit ihrer armseligen Spritzerei konnte oder wollte diesen Spaß nicht verderben. Es gab kein Blutvergießen, nur Scheingefechte. Bis schließlich JUDGE DREDD und seine COUNTER-STRIKE-Armee einmarschierten und König Olafs Regime von Recht und Ordnung mit Sturmgewehren wiedererichteten. Die kleine Clique gewissenloser und zugleich unvernünftiger, verbrecherisch-dummer Naivlinge verschwand im Dunkel der Nacht.

Ich erinnerte mich an die Chaostage 1995, wo ähnliches geschehen war (der nachfolgende mediale Lynchmob sowie Fassungslosigkeit vieler Linker inbegriffen). Die Punk-Meute hatte sich in einer einzigen Straße verbarrikadiert, und als der Durst zu groß wurde, mußte ein PENNY-Markt dran glauben. Weil er da war. Die Räumung erfolgte erst am nächsten Mittag.

Auf den Chaostagen wurde erfunden, was heute »cornern« heißt: sich gemeinsam auf der Straße der eigenen Existenz erfreuen. Ohne Fahne, ohne Ziel. Und wenn das der Polizei nicht passt, rappelt’s im Karton. Dann wird für einen kurzen Moment das ständig dichter gesponnene Netz aus Regeln gesprengt und durch puren Wahnsinn ersetzt. Dann gibt es keine Argumente mehr.

Und wer einmal diesen Moment explodierender Freiheit erlebt hat, den irren Urknall auf Kosten des restlichen Universums, kann dieses Gefühl nie mehr vergessen. An solchen Tagen werden Riot-Junkies geboren.

Riot-Junkies wie wir wissen, daß der Weltuntergang zeitlich begrenzt ist und keine Perspektive darstellt. Unsere Masse besteht zu aus 10% aus denen, die die Schmutzarbeit machen. Die mit den schwarzen Klamotten, unsere zu jedem Verbrechen entschlossenen Top-Terroristen ohne Führungsanspruch. Die große Mehrheit hingegen freut sich einfach nur, johlt oder wirft im Suff gelegentlich eine Flasche auf die Polizei. Wenn überhaupt.

Das war im Schanzenviertel nicht anders. Die Hälfte der Leute bestand aus Feier-Volk und abenteuerlustigen Gaffern, die für einen Moment in ihrem Leben das Gefühl ECHTER Gefahr spüren wollten. Bungee-Jumping auf der Straße. Dazu das Gefühl, daß ganz in der Nähe die größten und mächtigsten Arschlöcher der Welt auf einer teuren Party rumlungern und es doch gelacht wäre, wenn man nicht auf eindrucksvollere Weise Spaß haben und der Macht vor den Koffer scheißen könnte. Damit die Schlagzeilen anschließend den Drachentötern gehören und nicht den Politikern. Dieses Instrumentarium weiß nicht der IS allein zu bedienen.

Und ja, wir sind Komplettgestörte. Sie können uns gerne alle in den Knast werfen fürs Gestörtsein, aber dadurch werden wir nur noch gestörter. Und täglich mehr. Ohne jede eingebrannte Ideologie, nur den Moment des Kontrollverlust genießend, an dem sich die Bleigewichte für kurze Zeit in Luft auflösen. Politik ist für uns Babylon, aber wir wissen den Moment zu konsumieren. Diese Lektion haben wir bei DSDS und auf der Fanmeile gelernt. Und anschließend gehen wir nach Hause, legen uns ins warme Bett und freuen uns, daß auch am nächsten Tag die Supermärkte immer noch gut gefüllt sind.

Wir wissen schon längst nicht mehr, was wir mit der Welt »da draußen« zu tun haben. Mit Politik, Hunger, Kriegen. Alles nur Fernsehen und Facebook. Was interessiert die Welt, was ICH gut oder schlecht finde? Was interessiert MICH, was die Welt von mir erwartet?

Und weil wir immer mehr werden, müssen eines Tages alle Dämme brechen. Dann werden wir wie Zombies gegen die verbliebenen Trutzburgen der Zivilisation anrennen und auch das letzte Bier erobern. Drinnen eine Elite, die bei Sekt, Musik und Schnittchen Phantomgespräche über die Neue Weltordnung führt – während draußen ein Supersoldat nach dem anderen den Untoten zum Opfer fällt.

Jaja, eines Tages. Auch so ein Traum. Alptraum?

Egal. Bis dahin lasse ich mich Tag für Tag für den nächsten Druck heißmachen. Wozu gibt es Spiegel Online, Bild und Netflix?

Aber den Traum vom Rosa Block will ich dennoch nicht begraben. Gibt es eine Chance für den lockeren Aufstand? Einer, bei dem unsere Lebenslust nicht auf Kosten anderer zelebriert wird? Oder müssen wir es einfach ertragen, daß das Tempo, der Druck, die Anzahl der TV-Programme, Supermarktangebote, das Internet und die Regelwut dem Gesetz von MEHR-MEHR-MEHR folgen, bis wir PLATZEN und uns wie die letzten Idioten benehmen?

Müssen!