MIT CLAUDIA IM BETT, SOZUSAGEN: Ich sitze im Büro von Claudia Roth, der Kulturstaatsministerin. Ja, PUNKFOTO ist ein tolles, engagiertes, spannendes Projekt, sagt sie, und 30.000 Euro Förderung jährlich, das ist hinzukriegen. Sie zwinkert verschwörerisch mit dem linken Auge, bevor sie fortfährt: Aber natürlich müßten Sie PUNKFOTO dann noch mal auf einige Richtlinien abklopfen … keine sexuelle oder rassistische Diskriminierung etwa, das ist doch heutzutage wie ein ... (Weiterlesen ...)
Nr. 21

Bilanzausgleich

aus »Reflux«, 2018

»Wenn du durstig bist, geh' zum nächsten Wasserhahn und trink ein Glas Wasser. Wenn du dich zuballern willst, ok, hol dir 'nen Kasten Bier! Hast du’s eilig, bist mit 'ner Pulle Korn besser dran!«

Simple Rezepte, geschliffen durch Punk: Machen! Ein klar strukturiertes Programm aus »Wunsch erkennen, Ziel definieren, zur Tat schreiten«!

Aber frag' mal Fritz - der kann dir ein Lied davon singen, wie schwer ein Glas Wasser ist!

Fritz ist ein alter Punkrocker. Geboren als »Friedrich«, so steht’s in seinem Paß, aber als Punk mußte man damals einen Namen haben, der grafittitauglich war. Also wurde Friedrich zu Fritz Fucker. Jahre später nannten ihn die einen den »Alten Fritz«, andere nur »Fucker«.

Irgendwann Ende der Achtziger bat Fritz Fucker seine Freunde in sehr persönlichen Gesprächen, es einfach beim Fritz zu belassen. Kein Fucker mehr. Das fand er nun peinlich.

Immer mehr Jahre gingen ins Land, und das Leben spülte Fritz mal hierhin, mal dorthin. Schließlich machte er doch noch eine ordentliche Ausbildung zum Altenpfleger, vom Arbeitsamt bezahlt.

Das ganze Rumgepanke hatte sich damit erledigt. Nur gelegentlich schlug Fritz noch bei Punk-Konzerten auf - bei Peter And The Test Tube Babies etwa, die zuverlässig einmal im Jahr tourten und bei denen sich die alte Punk-Garde die Ehre gab.

Bei so einem Konzert traf Fritz Beate. Die wollte für die Kieler Rundschau rauskriegen, was aus den ungestümen Punks der frühen Achtziger geworden war, und weil nach einer Viertelstunde der Blitz einschlug, flüsterte Fritz Beate seinen alten Spitznamen ins Ohr. Die beiden wurden ein Paar, bald mit gemeinsamer Bude, Thailand-Urlaub und allem anderen Pipapo.

Die Dinge verliefen also echt nullacht-fuffzehn, und jetzt schalten wir mal die Scheinwerfer auf 3000 Watt, damit wir von Fritz' Kampf gegen die Schwerkraft ja nicht den Höhepunkt verpassen!

Er hat nämlich schon lange keine Lust mehr, alte Leute im Rollstuhl durch die Flure zu schieben, sie wie schwere, steife Teppiche im Bett zu wenden oder ihnen den labbrigen Schwanz beim Pissen zu halten.

Besonders die Dicken machen ihm zu schaffen. Bei denen denkt er an 150-Kilo Riesenbrote im heißen Backofen, kaum zu händeln. Die Brote gehen zudem übel ins Kreuz: Ständig muß sich Fritz krankschreiben lassen. Fiese Zerrungen in der Schulter oder Hexenschüsse grüßen im Pogotakt.

Jeden Abend grübelt Fritz, wie er aus der Scheiße rauskommt und was er mit dem Rest seines Lebens anfangen möchte. Sitzt am Laptop und tippt sich bei Facebook und Twitter 'nen Wolf, beobachtet, was die alten Punk-Freunde anstellen.

Eines Abends – es ist kurz vor acht – bemerkt Fritz, daß er sein Gesicht nicht mehr bewegen kann. Alles eingefroren. Zeit für Grimassen, vermutet er, aber Fehlanzeige.

Da sitzt er nun mit leicht geöffnetem Mund und bekommt ihn nicht mehr zu. Würde Fritz in diesem Moment in einen Spiegel schauen, wäre er sicher zu Tode erschrocken. Das Gesicht eines Schlägers, eines Folterknechts oder gar das von Mike Ehrmantraut, dem Mann fürs Grobe aus Breaking Bad, hätte ihn angeglotzt.

Hysterisch beginnt Fritz mit den Fingern in dem erstarrten Gesichtsteig herumzuzerren. Er zerrt und knetet, bis es schmerzt, aber der Gedanke, den Rest seines Lebens mit eingefrorenem Gesichtsausdruck und debilem, halboffenen Mund durch die Gegend zu laufen, läßt ihn jeden Schmerz vergessen.

Er hat Glück. Es ist kein Schlaganfall und auch keine unbekannte Krankheit. Wahrscheinlich nur ein Krampf, wenn auch an einer ungewöhnlichen Stelle. Nach einer Viertelstunde ist alles beim Alten. Fritz kann wieder nach Belieben grinsen oder traurig aus der Wäsche schauen. Allerdings hat er sehr wohl verstanden, daß Schluß für heute ist. Er klappt den Laptop zu, sitzt noch eine Weile auf dem Stuhl. Einfach so. Starrt Löcher in die Luft.

Bis Beate hineinkommt. Die ist bester Stimmung, erschnuppert aber sogleich die umherschwebenden Gedankenfürze. In all den Jahren ist sie zu einer echten Fritzversteherin herangereift.

»Was ist los mit dir? Willst du nicht wissen, wie’s weitergeht?«, fragt sie. Dann tippt sie auf die DVD in ihrer Hand und macht geheimnisvolle Gesten.

Über fünf Jahre sind Walter White, Jesse Pinkman und ihr Crystal-Meth-Labor zu Gast im Wohnzimmer von Beate und Fritz gewesen. In Better Call Saul soll nun die Vorgeschichte von Jesses und Walters windigem Drogenanwalt näher beleuchtet werden. Darauf haben sich Fritz und seine Angetraute seit Monaten gefreut.

Aber Saul Goodman und Mike Ehrmanntraut gehen ihm in diesem Moment total am Arsch vorbei. Martin, der alte Hippie und Schweine-Cartoonist, hätte gesagt, »Der Fritz hat 'nen Blues«, aber das wäre Bullshit gewesen. Fritz läuft immer noch mit Lederjacke, Nietengürtel und Hundehalsband durch die Gegend, das verpflichtet.

»Alles ok. Ich komm' gleich.«

»Mir machst du nichts vor. Du denkst wieder an früher.«

»Ja.«

»Früher ist vorbei.«

»Ich weiß. Das verstehst du nicht. Du warst nie Punk.«

»Ich verstehe 'ne Menge! Mach mal Facebook-Pause! Deine Kumpels lügen sich und allen anderen nur was in die Tasche, wenn sie da in ihren Posts die alten Zeiten hochleben lassen. Schau dir die mal aus der Nähe an: Beruf, Familie, Sommerurlaub, das ist deren Realität! Die sind ganz normal. Wie wir.«

»Aber einige von ihnen stehen immer noch auf der Bühne. Oder haben ihre alte Band wieder zusammengetrommelt. Oder haben irgendein halbgares Buch geschrieben. ALLE schreiben sie ein Buch. Ute, Marco, Sascha und jetzt auch noch Nagel. Die glauben, im Nachhinein bestimmen zu können, was Punk ist, und ich kann mir gut vorstellen …«

Es folgt das übliche Blabla, ach du mein Armer, echt, scheiß doch auf die Idioten, nein, mich haut so schnell nichts um, du kannst dich auf mich verlassen, ich steh an deiner Seite, kutti-kutti, ficki-ficki.

Während Beate die Zigarette danach raucht, kommt ihr eine klasse Idee:

»Warum schreibst DU kein Buch? Ich weiß, du kannst das! Du hast früher für Fanzines geschrieben und warst überall dabei, von Anfang an. Brokdorf, Chaostage, Hausbesetzungen in Berlin, Hafenstraße. Deine Band. Die Punk-Märchen, die du mir immer auftischst, mit Schlampen im Nutten-Outfit!«

Stimmt. Als Fucker hat Fritz unglaubliche Kracher erlebt. Auf der Straße wie im Bett.

»Kein Bange, ich bin nicht eifersüchtig auf deine alten Flammen«, fährt Beate fort. »Aber Sex Sells, der Fucker verkauft dein Buch! Mußt dich nur hinsetzen und loslegen.«

»Will doch keiner lesen.«

»Unsinn. Drück' der verlogenen Bande was rein, dann kauft das jeder!«

»Wie soll ich das anstellen? Ich bin doch kein Schriftsteller.«

»Schreib einfach drauflos, und ich bring’s in Form. Grammatik, stilistischer Schliff, Rechtschreibkorrektur, die für den Buchverkauf nötige Würze. So was mache ich tagtäglich in meinem Job, das kann ich! Abgemacht?«

Fritz überlegt und antwortet nicht sofort. Der Gedanke, aus dem Nähkästchen zu plaudern, hat was Verführerisches. Er kann mehr erzählen als andere. Von der Vergewaltigung in der Hafenstraße etwa. Oder wie Fickfrosch seiner Freundin im Suff das ungeborene Kind weggetreten hat. Mittlerweile moderiert Markus, wie Fickfrosch eigentlich heißt, bei RTL eine Talkshow. Die Glotze ist voll mit Ex-Punks. Nur Ex-Skins gibt es da keine. Seltsam.

»Hört sich wie 'ne gute Idee an«, sagt er schließlich.

»Mit ein bißchen Glück verdienst du richtig Geld mit dem Buch.« Jetzt kommt Beate in Fahrt. »So wie Heinz Strunk mit 'Fleisch ist mein Gemüse'. Dann schreibst du noch ein Buch. Und noch eines. Stell dir vor, vielleicht kannst du eines Tages deinen Job schmeißen! Und ich meinen.«

Daran hat Fritz noch gar nicht gedacht.

Also gut, ein Buch muß her!, entschließt er sich. Ich werde meine Vergangenheit verwursten, kein Problem, machen die anderen ja auch! Die, die sich auf der Bühne von den Kiddies einen blasen lassen oder ein Buch über ihre wilde Zeit mit Nietenjacke und Stachelfrisur schreiben, um anschließend mit Lesungen durch die Lande zu ziehen. Das schien wie eine Rente zu sein.

Mit einem gefeierten Buch im Gepäck, würde er mit Lesebrille auf dem Podium sitzen. Gelassen, nachdenklich, erfahren. Und bei Bedarf einen coolen Spruch aus dem Ärmel schütteln. So wie Bukowski damals. Das Publikum würde an seinen Lippen hängen und den Punk-Opa für seine historische Rolle bewundern. Fühlt sich zwar klebrig an, aber das muß man locker sehen. Wenn man nicht in der Bude versauern will, geht das nicht anders.

Je länger Fritz darüber nachdenkt, desto besser gefällt ihm der Gedanke, für eine Weile die 80er wieder lebendig werden zu lassen. In der erträumten Zukunft würde Friedrich Carstens alias Fritz Fucker dann als abgefuckter Buchautor mit Lederkappe und cooler Hackfresse die Talkshows aufmischen. So wie in den Siebzigern der Ex-Knacki Burkhard Driest.

»Sie gefallen mir. Sie gefallen mir sehr«, hat damals Romy Schneider zu Driest gesagt und ihn schmachtend angeschaut.

 

Tage später ist Fritz immer noch Feuer und Flamme. Er will’s wissen und alles richtig machen. Keine kleinen Brötchen backen. Notiert jeden noch so unwichtigen Gedanken, sicherheitshalber, die Birne läuft ununterbrochen auf Starkstrom. Er kauft sich einen Stapel Schreibratgeber. Dazu eine spezielle Software für Schriftsteller: Papyrus Autor, 179 Euro, mit integriertem Duden, Thesaurus und Stilkontrolle.

Er will kein halbgares Ding abliefern, und das gilt auch für den Inhalt. Das Buch soll keine lauwarmen Alte-Männer-Fürze aneinanderreihen, sondern radikal auf die Kacke hauen! So wie früher. Kein Buch über Punk, sondern der pure Punk selbst!

Klar, daß Fritz seine Pläne bei Facebook ankündigt: Willst du gelesen werden, mußt du trommeln! Das weiß doch jeder, und auch Beate hat’s ihm mehr als einmal eingeschärft.

Sein erstes Buch stellt sich Fritz als rasanten Schweinsgalopp vor, nicht als Seelenstrip. Erlebnisse aus 56 Jahren, aufgepeppt mit minderwertigen Zutaten. Mit Schundheften, Punkrock, Currywürsten, Sex und Gewalt. Das literarische Äquivalent eines billigen Hamburgers oder einer Noname-Tiefkühlpizza, versehen mit seinem Namenszug. 500 Seiten, Hardcover mit Fettfingern auf dem Schutzumschlag. Bei Heyne oder so – Hauptsache, es kommt keine selbstmitleidige Gülle dabei raus!

Er braucht nur eine echte Idee! Einen Knaller, der alle umhaut! Er muß nur tief genug in alten Geschichten graben, davon ist Fritz überzeugt. Oder in Mösen. Aufgepimpt mit einem Stapel unverfrorener Lügen und Übertreibungen – das würde rocken! Denn die Wahrheit ist eine ausgedörrte, leblose Wüste. Die interessiert keinen, nicht mal Beate.

Alles eine Frage des Willens, gewürzt mit freilaufender Phantasie. Ihm wird schon was einfallen, da ist sich Fritz sicher. Ging doch früher auch locker zur Hand, ganz ohne selbstmitleidige Künstlerkacke!

Jeden Abend sitzt er nach der Arbeit an seinem Computer und starrt eine Weile auf den leeren Bildschirm. Das erste Kapitel, das nicht werden will.

Wenn Fritz die Leere nicht mehr aushält, macht er kurz zu Facebook rüber und postet irgendwelchen depressiven Mist. Schaut sich bei Spiegel Online den Untergang der Welt an. Verrät bei Twitter, daß er zu Abend Currywurst oder Bratkartoffeln mit Spiegelei und Spinat ißt. Er am liebsten Shameless glotzt. Sein Stuhlgang schon mal besser war.

Beate rätselt, warum ihr Gatte nicht mit der Schreiberei vorankommt. Sie sagt: »Wenn du seit deiner Jugend jeden Tag eine Seite geschrieben hättest, sei’s als frei erfundene Geschichte, als Tagebuch oder sonst was, dann hättest Du jetzt 15.000 Seiten. Hast du aber nicht. Du hast genau null Seiten. Ne ziemlich miese Schreibbilanz, findest du nicht?«

Das frustriert Fritz noch mehr. Der Druck auf seinen Schultern wird täglich größer. Das Alter winkt unfreundlich am Horizont, der Job ist die Hölle. Sein Leben ist ein einziges Kartenhaus, in einigen Jahren wird es zusammenstürzen. Fritz wird als verbitterter, schweigender Greis enden. Nicht mal mehr seine Frau glaubt an ihn.

Dann wird Beate völlig überraschend mit einem Erbe beglückt. Ihr Opa hatte einen Bruder, und der wiederum eine Tochter, und die hat das Zeitliche gesegnet. 20 Millionen war die alte Dame schwer, und Kinder oder nähere Verwandte gibt’s keine.

Eine ziemlich angenehme Überraschung, was? Fritz und Beate jubeln. Beide müssen nie wieder arbeiten, und eine Weile später ziehen sie in ein schmuckes Häuschen in Hamburg-Othmarschen.

Für Beate ist das Haus ein Quell ständig neuer Ideen. Sie hat Spaß am Einrichten, Kaufen, Malen, Schmieden. Nur Fritz kommt weiterhin nicht in die Hufe. Obwohl er doch jetzt alle Zeit der Welt hat. Jeden Abend beklagt er sich über die Leere im Kopf, über die Welt, die alten Freunde, den schmerzenden Rücken. Daß er keine Ahnung hat, ob er sein Buch jemals fertigkriegt.

Eines Abends sitzen beide bei Schweineschnitzel, Kartoffeln und Rotkohl am Eßtisch.

»Fritz, hör jetzt bitte mal gut zu!«, sagt Beate. Der geht innerlich in Deckung.

»So schlimm?«

»Quatsch. Ich habe mir nur eine ganz besondere Geburtstagsüberraschung für dich ausgedacht. Hier werden demnächst ein paar Leute ein- und ausgehen. Mach dir einfach keine Gedanken darüber, und halte dich vom Keller fern, ok? Sonst verdirbst du alles.«

»Geht klar!«, sagt Fritz und formt die Hand zum V-Zeichen. Er freut sich. Beate fallen immer wirklich tolle Geschenke ein. Nichts von der Stange, dazu witzig verpackt und dekoriert. Mit Schleifchen! Für so was hat Fritz überhaupt kein Händchen.

Es geschieht wie angekündigt. Handwerker schleppen schwere, verhüllte Gegenstände ins Haus und die Kellertreppe runter. Fritz hört Beate hämmern, schleifen und bohren. Er ist gespannt wie ein Flitzebogen und hat nicht die geringste Ahnung, was ihn erwartet.

 

Am 9. Dezember ist es schließlich so weit. Beate weckt ihren Fritz, nimmt ihn bei der Hand, sie gehen in den Keller. Aber der sieht gar nicht mehr wie ein Keller aus. Da ist nun eine frisch errichtete Wand, darin eingebaut eine weit geöffnete Tür; aus dem Raum dahinter dringt harter Punksound.

»Geh nur rein!«, fordert Beate Fritz auf und macht eine einladende Handbewegung. Sie lächelt.

Ihr Gatte betritt den Raum und schaltet das Licht ein. Ihm bleibt die Spucke weg: Alles sieht aus wie in der Punk-Butze, die er 1984 hatte! Links eine Matratze auf dem Boden, rechts eine Arbeitsplatte mit zwei Böcken, darauf eine uralte Schreibmaschine, davor ein Stuhl aus Holz.

An der Frontseite des Raums Poster von Bad Brains und Black Flag an der Wand. Davor Plattenspieler, Tapedeck, Boxen. Ein schwarz gestrichener KLeiderschrank, von der Decke hängt eine Glühbirne. Beate hat seine alten Fotos akribisch studiert und alles genau so eingerichtet, wie es damals war.

Aber was soll die Toilette? Das Waschbecken, die Duschkabine – das paßt alles nicht!

Während er noch überlegt, fällt hinter ihm die Tür lautstark ins Schloß. Beate hat sie zugezogen. Von außen.

Fritz stürmt zur Tür, trommelt mit beiden Fäusten dagegen.

»Beate! Mach auf! Was soll das?«

Eine Klappe öffnet sich, wie im Knast. Beate schaut hindurch.

»Ich konnte Dein Rumgeheule nicht mehr ertragen«, sagt sie. »Ist alles zu deinem Besten. Setz Dich hin und schreib dein Buch! Du kommst hier erst raus, wenn du fertig bist.«

Fritz ist fassungslos. Er dreht sich um, im Kreis, so lange, bis ihm schlecht wird. Er kennt seine Frau gut genug, um zu wissen, daß weder Jammern noch Schreien nützen wird. Wenn sie sich was in den Kopf gesetzt hat, dann ist sie hart wie Stahlbeton.

Gut. Soll sie ihren Willen haben. Fritz setzt sich hin, spannt ein Blatt Papier in die Schreibmaschine und tippt ein paar Buchstaben. Die Gedanken stoppen. Mails, Facebook, Internet-Recherche? Geht doch nicht ohne!

Unmöglich zu schaffen, denkt Fritz. Er legt sich auf die Matratze, zieht die Decke über den Kopf, schläft irgendwann ein. Es folgen Wochen fiebriger Apathie.

Dann platzt der Knoten. Er hat verstanden, daß es um alles geht. Setzt sich wieder an die Schreibmaschine und zwingt einen Buchstaben nach dem anderen aufs Papier. Fertig werden!, schärft er sich ein. Raus! Lieber ein beschissenes Buch schreiben als gar keins!

Von früh bis spät hört er laut Musik. Cotzbrocken, Fehlfarben, Pistols. Und besonders oft »Eingeschlossen« von Nichts. Erstaunlich, was Beate an Vinyl und Tapes aufgetrieben hat! Viel mehr als Fritz in den 80ern hatte!

Wenn der Schreibfluß stockt, blättert er in vergilbten Zeitungsausschnitten, sieht sich Fotos unter der Lupe an. Liegt ja alles stapelweise in seiner Punk-Sammlung, die Beate in der Nacht vor der Verbannung in die Vergangenheit heimlich runtergeschleppt hat.

Wenn die Sucherei in altem Kram zu nichts führt, schreibt Fritz alle offenen Fragen auf eine Liste und wirft diese in den Briefschlitz, der direkt unter der Klappe in die Tür eingebaut ist. Anschließend kümmert sich Beate um die Recherche.

Durch die Klappe werden täglich Leckereien aller Art reingereicht. Beate läßt sich was einfallen und keine kulinarische Langeweile aufkommen.

Weil wegen der ständigen Sitzerei der Rücken gelegentlich herumzickt, betreibt Fritz regelmäßig Gymnastik und hält sich mit Seilspringen fit. Oder hüpft zu harter Musik durchs Verlies. Bald ist er so fit wie nie zuvor im Leben.

Sobald Fritz eine Seite fertiggeschrieben hat, steckt er sie in den Briefschlitz. Zuerst täglich eine, dann immer mehr. Die Schreibmaschine hämmert von früh bis spät im Akkord.

Eines Tages ist die letzte Seite fertig. Fritz schreibt das erlösende Wort: ENDE! Und wirft das Finale in den Schlitz.

Als er am Morgen darauf erwacht, steht die Tür weit offen. Mit zögernden Schritten verläßt Fritz das Gefängnis. 187 Tage war er hier eingesperrt.

Von Beate nichts zu sehen. Auf dem Wohnzimmertisch blinkt eine Lampe, daneben ein postkartengroßer, roter Aufsteller. Darauf in Handschrift: »Für Fritz!« Den Schnellhefter unter dem Klappkärtchen entdeckt Fritz erst auf den zweiten Blick.

Auf dem Deckblatt steht: »Fritz Fucker: 'Den Punk im Nacken'. Ein autobiographischer Roman«.

Sein Manuskript! Das mit dem »Fucker« ist vielleicht doch keine gute Idee. Oder? Oh, da ist noch ein Brief eingeklemmt - Fritz liest:

»Dein Buch ist toll geworden. Ich habe alles eingescannt und in Text umgewandelt, anschließend geglättet und korrigiert. Ich mußte nicht viel ändern, klasse Arbeit von Dir! Das fertige Manuskript schicke ich noch heute an diverse Verlage. Vertrau mir, Dein Buch wird ein Bestseller! Ich bin übers Wochenende nach Rockstedt gefahren, um Deinem Zorn zu entgehen. Bitte verzeih mir, aber das Ergebnis zeigt, daß meine Idee ziemlich gut war. Ruf mich an, damit ich weiß, was los ist. Deine Beate.«

Aber Beate hört nichts von ihrem Fritz. Als sie Sonntagabend heimkommt, brennt nirgendwo im Haus Licht. Aus dem Keller klingt das bekannte Tackern. Die Tür zu Fritz' Zeitreisezimmer steht offen, und da sitzt er und schreibt. Und schreibt. Und schreibt.

Beate versteht nicht. »Komm doch raus! Laß uns zusammen einen Film schauen! Oder schmutzige Dinge tun! Du mußt doch auch mal Pause machen, dich entspannen! Mit mir. Hast Du keinen Nachholbedarf?«

»Deshalb sitze ich hier«, antwortet Fritz und unterbricht keine Sekunde sein Tippen. »Ich liege immer noch vierzehntausendzweihundertvierundfünfzig Seiten zurück. Die Schreibbilanz, du erinnerst dich? Ich werde sie ausgleichen. So schnell ich kann! Muß!«

Beate kann’s nicht glauben. »Aber ...«

»Bitte laß mich jetzt arbeiten«, unterbricht Fritz sie. »Es gibt noch viel zu tun.«

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