| Im Januar 1980 erschien zum ersten Mal ein Magazin, das im deutschsprachigen Raum beheimateten Illustratoren von Comics und Fantastic Art auf der einen Seite eine Veröffentlichungsplattform und außerdem professionelle Weiterentwicklungsmöglichkeiten bieten sollte.
Uff, ein gewaltiger Satz, aber genau so war FANTASTRIPS eben. Gewaltig, penetrant visionär, voll unerfüllbarer Wunschträume - aber eben auch auch bewegend, verdammt gut - und mit jeder Ausgabe besser!
Ich war gerade 19, und das ganze erscheint mir heute wie eine Schnapsidee, finanziert war’s auf Pump. Aber was willst du machen in dem Alter, wenn Du keine Freundin hast, dich aber bestens mit Comics und Schundromanen auskennst...
Irgendwie hatte ich mitbekommen, daß in jener Zeit hiesige Zeichner fast chancenlos waren - da schmierten irgendwelche billigen Spanier oder Italiener im Auftrag ihre Comics für den deutschen Markt zusammen oder das Zeugs wurde gleich per Lizenz aus den USA oder dem frankobelgischen Markt importiert. Gleiches im SF- und Fantasy-Buchmarkt: Nur ganz wenige Profis (Bruck, Lutohin, Thole) fertigten die Buchcover im Auftrag; der Rest wurde im Dia-Stapel bei internationalen Agenturen gekauft.
Der Groschen fiel, als ich einen gewissen Dirk Geiling kennenlernte. Der konnte zwar für sein Alter hammermäßig zeichnen, wußte aber überhaupt nicht, wie er seine Bilder unter die Leute bringen sollte. Was nicht zuletzt daran lag, daß er ein fauler Hund war und sich nie wirklich dahinterklemmte.
Wo EINER ist, den ich kenne, dachte ich mir, müssen doch TAUSEND andere sein, die völlig unbemerkt von mir (und anderen) dahinwerkeln. Die nur auf jemanden warten, der ihnen gehörig Feuer unterm Hintern macht. Eine gute Gelegenheit also für mich, öffentlich edles Werk zu tun!
So wurde FANTASTRIPS geboren - obwohl ich eigentlich kaum Ahnung von der Materie hatte. Klar konnte ich Bruck von Frazetta oder Kirby von Buscema unterscheiden, meine Pappenheimer kannte ich. Aber alles andere war pures Wunschdenken. Was mich aber nicht daran hinderte, meine Pläne für FANTASTRIPS in wahrhaft kosmische Dimensionen emporzutreiben. Ein wahres Imperium sollte entstehen, mit Agentur, Verlag, Studio und allem Drum und Dran. Irgendwann...
Am Anfang aber eben FANTASTRIPS: Ich hielt es für eine gute Idee, bereits professionell arbeitende Illustratoren gemeinsam mit Newcomern zu präsentieren; so waren auf jeden Fall klasse Bilder im Heft und für die eher nicht so perfekten Zeichner war auch noch Platz.
Ich schrieb mir die Finger wund, reiste auf der Suche nach Talenten zu Comic-Messen und in die Pampa, und siehe da, es klappte tatsächlich: Von der damals noch sehr kleinen Zeichner-Szene beteiligte sich früher oder später ein Großteil an dem Projekt: Anton Atzenhofer, Pierangelo Boog, Johnny Bruck, Dirk Geiling, Birger Thorin Grave, Michael Hau, Themistokles Kannelakis, Udo Linke, Mike Loos, Andreas Marschall, Michael Möller, Helmut Pesch, Christoph Roos, Matthias Schultheiß, Hubert Schweizer, Wolfgang Szypura um nur einige der bekannteren Namen zu erwähnen.
Mit der ersten Ausgabe präsentierte FANTASTRIPS in 1000er-Auflage und einem doch eher fanzineartigen Layout eine Mischung aus Illustrationen, News, Reviews, Portraits internationaler und hiesiger Illustratoren sowie das, was ich für grandiose Tips und Ideen hielt.
Trotz aller Schwächen schlug FANTASTRIPS beim unbekannten Zeichnervolk ein wie eine Bombe: Wie viele 16jährige Jungzeicher sich damals von meiner Mischung aus Enthusiasmus und Halbwissen beeindrucken ließen, weiß ich nicht.
Auf dem Boden der Tatsachen landete ich, als auf dem Kölner-Comic-Tauschtag die Originale eines Portfolios von Hubert Schweizer gestohlen wurden. Da hatte wohl jemand die Gelegenheit genutzt, weil ich mir mal wieder den Mund fusselig geredet und den eigenen Stand nicht im Auge gehabt hatte... groß war die Depression!
Richtig gut wurde das Heft erst, als ab der zweiten Ausgabe mit Karl-Heinz Borchert ein Mann vom Fach dazustieß, der wußte was einen guten von einem schlechten Artikel unterschied und der dem Heft ein markantes Logo und ein aufgeräumtes Layout verpaßte. Menschlich verstand ich mich weniger mit ihm. Fast 10 Jahre lagen zwischen uns, und er lehrte mich, das Wort "Profi" zu hassen.
Ich lernte noch eine ganze Reihe anderer "Profis" kennen, gegen die Karl-Heinz ein Waisenknabe war. Der war immerhin mit Liebe bei der Sache, wogegen manch anderer sich als geldgeiler Zyniker mit Gottkomplex entpuppte: "Jeder Strich 'ne Mark - und jetzt auf die Knie!"
Die Zusammenarbeit mit Karl-Heinz trug schnell Früchte: Die Auflage wurde auf 2000 erhöht, das Heft präsentierte sich mit Vierfarbcover und wir wurden mit Lobeshymnen überschüttet. Einer meinte tatsächlich: "Du wirst noch der deutsche Jim Warren...!"
Man glaubt ja schnell sowas und hält sich glatt für den Größten...
Spätestens mit der 4. Ausgabe wuchs mir die ganze Nummer total über den Kopf - es wurde einfach zuviel: Der ständige Krach mit Borchert, der wachsende Haß auf die "Profis", Arbeit ohne Ende sowie natürlich mein Konto, das mir dank meines edlen Tuns in gähnender Leere entgegenblickte. Ich pendelte nur noch zwischen Haß-Lehre und einsamer Arbeit an der Schreibmaschine zuhause. Oh lonely boy.
Also übergab ich FANTASTRIPS samt ausstehender Rechnungen an Borchert, versuchte mich wieder ein wenig mehr im Leben zurechtzufinden und irgendwie meiner ersten Liebe näherzukommen. Als das nicht klappte, fuhr ich kurzerhand nach Berlin, um bei den damaligen Hausbesetzerdemos ein wenig mit zu krawallieren, was auch trefflich gelang.
Als ich erholt nach Hause zurückkehrte, lieferte ich - einige Tage zu spät - meine Beiträge zur fünften FANTASTRIPS-Ausgabe ab, um danach kurzerhand von Borchert gefeuert zu werden.
So wurde ich FANTASTRIPS und damit einer möglichen Zukunft als großer, mächtiger Comic-Verleger verlustig, und ich entschied mich daher, endlich Nägel mit Köpfen zu machen.
Bald darauf kündigte ich meinen Job, besorgte mir eine Lederjacke und panschte jede Menge Zuckerwasser in meine Haare, um sie möglichst wild vom Kopf abstehen zu lassen. Aus Peter Altenburg wurde „Karl Nagel“, der in den folgenden 20 Jahren viele bunte Abenteuer erlebte und hier und dort kräftig die Wände zum Wackeln brachte. Aufmerksame Leser meiner Website wissen, was damit gemeint ist....
Ein Weile nach unserer Trennung mußte auch Borchert die Erfahrung machen, daß FANTASTRIPS außer einem hervorragenden Renommée nur Arbeit und Verluste einbrachte und stellte das Heft nach der 7. Ausgabe (1982) ein.
Letztlich mußte FANTASTRIPS scheitern, weil weder mein zwar idealistisches, aber oft amateurhaftes und unrealistisches Herangehen noch die professionelle Arbeitsweise Borcherts darüber hinweghalfen, daß es für ein Heft von Illustratoren für Illustratoren in Deutschland keinen Markt gab. |