Chemnitz

Hauptsache, was TUN!

Bereits als Kind, in der Schule, der Lehre, sogar als Punk war mir die Welt ein Rätsel. Aber früher drehte sie sich langsamer. Ich las morgens die Zeitung und glotzte abends Nachrichten – nicht ununterbrochen!

Schon damals hatten die Stammtischbrüder zwar bei Bier und Schnaps über faule Ausländer oder fette Bonzenschweine lamentiert, aber das war spätestens am nächsten Morgen mit dem Katerfrühstück gegessen. Die Anzahl der Zuhörer des Kneipengelabers hielt sich in übersichtlichen Grenzen, der Rest der Welt blieb von den genialen »Lösungen« der Sonntagspolitiker verschont.

Nun aber versorgten MEDIA MARKT und Konsorten die Armee der Bundestrainer, Philosophen und Strategen mit Computern, Tablets und Handys, über die jeder Zugang zum globalen Stammtisch hatte. 

Dort redeten Millionen Leute aufeinander ein – gleichzeitig! Wenn die Luft brannte, wollte jeder was tun und die Dinge geraderücken. Die passenden Werkzeuge standen nun allen zur Verfügung – man schwang den Hammer und wollte hämmern. Hauptsache, es bekam jeder mit. Und dann stellte man fest, dass bereits Millionen andere mit ihren Hämmern dastanden und ihren Mist in die Welt setzten. Sie schrien: »Ich will auch mal was sagen!« – und das war doch eigentlich gut so, oder? In einer Demokratie. Die nun ein Schreiwettkampf war.

Wie sollte diesen infernalischen Lärm jemand aushalten? Jeder Hirni konnte sich bei Facebook und Twitter anmelden und seinen Mageninhalt in die Welt spucken. Der digitale Stammtisch vergaß nichts, und statt Wicküler Export floss literweise Hass im Namen der Meinungsfreiheit. Auf Flüchtlinge und Salafisten, auf Nazis und Politiker. Besonders beliebt war der Hass auf den Hass der jeweils anderen.

Ich verstand die Spielregeln der Welt um mich herum jeden Tag weniger. Der von Fehlfarben besungene Grauschleier war bis heute nicht weggewaschen; stark und dicht wie nie vernebelte er den Blick auf das Wahre, Echte und legte sich als ätzendes Misstrauen über die Wirklichkeit. Wie Säure.

Und das Schlimmste: Ich sollte in diesem Wirrwarr aus Ausländer rein-raus, Krieg und Frieden, Ordnung, Sicherheit und Mitgefühl den Durchblick behalten und mich vorhaltlos auf eine Seite stellen! Auf welche denn? Musste ich mich zwischen Nazischwein und linksgrün-versifft entscheiden, damit mich nicht beide ins Visier nahmen?

Warum nicht einfach alle erschießen? Nazis, Antifa, Ausländer! Dieses halbherzige raus und ein paar Schläge auf die Fresse führten doch zu nichts. Am nächsten Tag standen sie ja alle wieder auf der Matte und machten genau dort weiter, wo sie tags zuvor aufgehört hatten. 

Vielleicht reichte es aber auch, ihnen die Beine zu brechen oder die Zunge rauszuschneiden. Augen ausstechen? Hände ab? Nein? Zu barbarisch? ABER WAS HALF DENN? Wie konnte man dem ein Ende machen?

Früher waren die Aliens darauf aus, dass man etwas tat. Dass man hinter dieser oder jener Fahne herlief und anderen Irren – oder sogar Unbeteiligten – den Schädel einschlug. Jetzt hatten sie ihre Strategie geändert und wollten, dass wir paralysiert Löcher in die Luft glotzten und zweifelten, bis der Kopf rauchte. Alles war möglich.

Und jeder, der sich Polit-Geschrei und Gehirnwäsche durch eine Leckt-mich-doch-alle-Bunkermentalität entziehen wollte, so wie ich, überließ den Irren die Welt. 

Eine schweinegeile Strategie der Aliens, alle Achtung!

Punk hatte gesiegt – bescheuert, aber es stimmte! Der Hass auf alles und die Zweifel an allem waren die Klaviatur, auf der wir gespielt hatten. Das war neu – bis dahin war es für jede Musikrichtung oder Jugendbewegung geradezu verpflichtend gewesen, Liebe und Frieden zu preisen.  Wir jedoch sangen: »Hängt die Bullen auf und röstet ihre Schwänze!«

Im Laufe der Jahre sprangen immer mehr Willige begeistert auf den Zug auf. Arschlöchern ordentlich in die Fresse geben, das fanden jetzt mehr Linke und Rechte cool als je zuvor,  gefolgt von Skins, Metallern,  Rappern. Härte, Wut und Hass galten als sexy, solange der Adressat ins Feindbild passte. Die Grauzone hatte einen schlechten Leumund und galt als Domäne der Weicheier, Betrüger und Idioten.

Wie absurd: Wir hatten als virulente Brandstifter nichts Geringeres als die Vernichtung der Wahrheit gefordert und forderten sie im gleichen Atemzug ein; wir spielten Wutbürger in Bunt, immer einen Songtext auf Tasche, in dem wir der Welt unser »Politiker, halt’s Maul« entgegenschrien.

AfD, Pegida und Donald Trump fuhren nun die Ernte unserer Saat ein. Dachten sie – denn an der Spitze der Nahrungskette lachten sich die Aliens in ihre schleimigen Fäustchen.

Damit erwies sich auch der Sieg des Punk als Augenwischerei – wir waren lediglich die nützlichen Idioten der Außerirdischen gewesen, ihre ahnungslosen Helfer!

Auszug aus SCHLUND.

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