Ausgeschissen

Seit mittlerweile acht Jahren wohnten sie in diesem heruntergekommenen Neubau in Billstedt und vergammelten bei lebendigem Leibe. Drei Zimmerchen für Dennis, Jenny und ihn selbst, Matze; ein Wohnklo, keine zweifuffzich hoch und mit Wänden, durch die sie das Fernsehprogramm der Nachbarn als Hörspiel verfolgen konnten. Aller Nachbarn.

Manchmal meldete sich in ihm der Verdacht, das sei das Ende vom Lied. Damals, vor fast 35 Jahren, hatten sie in der Hafenstraße die Bullen mit Steinen eingedeckt, der Politik das Fürchten gelehrt und sie selbst zusammengeschweißt. So hätte es ewig weitergehen konnen: Schneller leben auf der Überholspur, jeden Morgen anders aufstehen, als man abends zuvor eingeschlafen war. Der kranken Gesellschaft unerschrocken und voller Begeisterung in die krebsrote Visage spucken.

Vorbei. Nun verging ein Tag wie der andere, sie hangelten sich durchs Leben, verdienten hier und dort ein bißchen Kohle unter der Hand und schlugen sich mit dem Jobcenter herum. Oder hockten in der Bude, wenn sie nicht gerade mit ein paar Kumpels auf dem Bauwagenplatz eine Flasche Korn kreisen ließen.

Heute jedoch ging gar nichts, nirgendwo. Jenny hatte sich in ihr Zimmer verkrochen, während Matze eine Punk-Scheibe nach der anderen auflegte und das, was er in den Texten hörte, bei Twitter postete. Sachen wie »Ich glaube eher an die Unschuld einer Hure als an die Gerechtigkeit der deutschen Justiz« von Slime.

Und dann war da noch Mitbewohner Nummer Drei, den sie einst Killer nannten. Ein Muskelberg, der jede Glatze weggeklatscht hatte, die ihm zwischen die Pranken geraten war. Dennis, der längst kein Skinhead-Killer mehr war, sondern nur noch ziemlich dick, saß schon eine ganze Weile auf dem Scheißhaus. Daß ihm eine Wurst aus dem Arsch kroch, daran ließ der Gestank, der die Bude erfüllte, keinen Zweifel.

»Brauchst du noch lange?«, rief Matze über den Flur und zog mehrmals kräftig an seiner Zigarette, um den Rauch gleich wieder hinauszublasen und mit beiden Händen um sich herum zu verteilen. Marlboro gegen Höllenschiß, fiel ihm dazu ein. Schöner Reklamespruch.

Von Dennis keine Antwort.

»Ich halt’s nicht mehr lange aus. Sag an!«

Es kam immer noch nichts. Matze ging zum Badezimmer, vorsichtig, langsam. Paß bloß auf, alter Junge, sagte er zu sich selbst. Immer schön die Arschbacken zusammenkneifen!

Er klopfte.

»Alles ok bei dir da drinnen?«

Entweder wollte oder konnte Dennis nicht antworten. Mist. Also kehrt marsch und nochmal im Krampfgang durch den kompletten Flur, an dessen Ende Jennys Zimmer lag. Scheiß auf gute Sitten, Höflichkeiten und die blöde Klopferei, einfach rein, verdammt, sie waren doch wie Geschwister. In all den Jahren hatte sie nicht mal miteinenader gefickt. Never fuck your Mitbewohner, die gute alte WG-Regel!

Dann sah er sie auf ihrem Bett. Vorübergebeugt sitzend, ihre Haare hingen hinab wie ein dünner, graubrauner Vorhang, der die Bühne eines verfallenen und einstmals ruhmreichen Theaters verhüllte. Sie bewegte sich keinen Millimeter, als wäre nicht soeben Matze in ihr Zimmer gestürmt.

Mann, sind ihre Haare dünn – ich kann ihre Kopfhaut sehen, dachte er, selbst erschrocken über diese Beobachtung. Was ist sie bloß für ne Vogelscheuche geworden! Dabei sah sie mal echt super aus. Ich hätte sie doch ficken sollen. Damals.

Als graue Statue hockte sie auf dem Bett, dazu die obligatorische Kippe in der Hand, das Zimmer wie Peking im Herbst, der Nebel ließ sie noch grauer erscheinen. Daß sie in dieser Smoghölle lesen konnte, war mehr als erstaunlich.

»Dennis ist auf dem K1o und antwortet nicht«, unterbrach er seine eigenen verstörenden Gedanken.

Nun endlich schaute Jenny von ihrem Buch auf. Was auch immer sie da gerade las, Matze interessierte es nicht. Irgendein esoterischer Mist, darauf hätte er wetten können.

»Laß ihn doch kacken, Mann!«, sagte sie mit dem Elan einer Schlaftablette. »Wenigstens auf dem Klo sollte man vor Kapitalismus und Streß sicher sein. Genau der richtige Ort für Selbstreflexion und die Suche nach der inneren Stimme.«

»Ich möchte aber auch meiner inneren Stimme lauschen. Und nach ner halben Stunde könnte er langsam mal Platz machen.«

»Dann sag’s ihm einfach.«

»Aber das mache ich doch schon die ganze Zeit. Der antwortet nicht. Ich bin echt am Ende und explodiere gleich.«

Er hüpfte von einem Bein aufs andere, um zu verdeutlichen, wie ernst die Lage war. Es war offensichtlich, daß Jenny keinen Bock hatte, sich deshalb Sorgen zu machen. Aber sie tat es eben doch. Sie stand auf, zusammen gingen sie zum K1o.

Tock-Tock-Tock. »Scheißt du noch?«, rief sie durch die geschlossene Tür, hämmerte mit der Faust nochmals dagegen, nun heftiger.

Stille. Jenny erging es nicht anders als Matze.

»Bist du sicher, daß er aufm Pott ist?«, fragte sie.

»Einerseits, andererseits. Ich weiß es natürlich nicht. Er könnte sich auch rausgeschlichen und die Tür von außen abgeschlossen haben. Wie man das so macht. Und jetzt sitzt er irgendwo und lacht sich doof, während ich mir in die Hose scheiße.« Er grinste gequält.

Sie gingen in Dennis’ Zimmer. Der Mac lief, auf dem Monitor sprang ein glubschäugiges Monster herum und rief Sachen wie »Komm doch, wenn du dich traust!« und »Ich will dein Bluuuut«. Der Stuhl vorm Computer war leer, das Bett zerwühlt, dazu der Geruch von Gras, das jedoch die Schlacht gegen den hereinströmende Scheißhausgestank längst verloren hatte. Unterm Strich alles ganz normal, wie immer. Aber keiner da.

»Er könnte sich natürlich auch aus der Wohnung geschlichen haben. Oder er hat sich in Luft aufgelöst. Alles to-tal wahr-schein-li-che Op-tio-nen, richtig?«

Jenny gab auf. »Ist ja gut«, sagte sie.

Also zurück zum Klo, um erneut an der Tür zu rütteln, diesmal mit vereinten Kräften.

»Jetzt hör mal auf mit dem Scheiß!«, rief sie in einem Tonfall, der einer Drohung gleichkam. Es passierte trotzdem nichts.

Matze war sicher, daß irgendwas faul war. »Vielleicht ist Dennis ohnmächtig oder so«, spekulierte er. »Oder er ist derart bekifft, daß er auf dem Klo eingeschlafen ist. Ist aber egal. Wir müssen da jetzt rein. Sicher ist sicher.«

»Und wie?«

»Mit roher Gewalt.«

Er machte einen Schritt zurück und trat mit voller Wucht gegen das Türschloß. Die Tür bestand aus simplem Preßspan, das war ein lockerer Job. Sie flog sofort auf.

Und dann sahen sie Dennis. Auf der Schüssel, den massigen Körper zusammengesackt. Mit heruntergelassener Hose, den Fettarsch in der Schüssel.

Matze betrat das Klo und trommelte mit seinen Fingern auf Dennis‘ Glatze. »Aufwachen, Deine Mutter ist da!«

Dennis machte keinen Mucks und bewegte sich auch kein bißchen. Das sah böse aus, »Ich glaube, der ist tot«, sagte Matze. Das kam ihm so in den Sinn, ohne Nachdenken.

»Vielleicht ist er ja auch nur ohnmächtig«. Jenny war eine gute Seele und widersprach ihm zudem gerne. »Da mußt aber auch gleich immer das Schlimmste annehmen.«

Sie legte ihre Hand auf Dennis‘ Wange. »Kühl, aber nicht eiskalt.« Hielt ihm die Nase zu, mit der anderen Hand den Mund. »Hm. Stört ihn nicht.«

Matze fühlte blanken Zorn in sich aufsteigen. Und daß seine Kackwurst in just diesem Moment seiner Unterhose Guten Tag sagte.

»Dennis, du Arschloch, mach dich vom Acker! Ich muß SCHEISSEN! JETZT!« Er begann ihn mit beiden Händen zu rütteln und zu schütteln, Dennis pendelte eine Weile hin und her und fiel schließlich von der Brille, landete wie der berühmte nasse Sack auf dem gekachelten Boden.

»Bist du eigentlich total bescheuert?« Jenny verpasste Matze einen heftigen Tritt, der hielt sich den Oberschenkel vor Schmerzen. Und blickte dabei eher zufällig in die Schüssel, die nun nicht länger von Dennis’ Elefantenarsch bedeckt war. Ihm wurde schlecht.

»Schau dir das mal an!«

Jenny beäugte nun ebenfalls die Schüssel, wo sie ein Alptraum anstarrte. Zur Hälfte zugeschissen, bis zum Rand mit Kacke und Blut vollgespritzt, genauso wie Dennis’ Arsch. Aus dem immer noch Blut austrat, und zwar nicht zu knapp.

Jenny wich zurück. »So was habe ich ja noch nie gesehen. Wie kann ein Mensch nur so viel scheißen?«

»Dennis ist dick«, versuchte sich Matze an einer Erklärung. »Da paßt viel rein. Und falls er ein paar Tage nicht geschissen hat … gefuttert hat er jedenfalls wie immer. Pizza, Burger, Schnitzel. Du kennst ihn ja.«

»Aber was ist da in seinem Arsch passiert? Warum blutet er wie ein Schwein? Die Suppe läuft ja immer noch aus ihm raus.«

»Vielleicht hat ihm irgendwas Hartes oder Scharfes den Darm aufgeschlitzt. Und jetzt läuft er eben aus wie ein Wasserhahn, den jemand aufgedreht hat.«

»Dann ist er vielleicht doch tot. Sollen wir ’nen Krankenwagen holen?«

»Wenn er tot ist, braucht er keinen Krankenwagen mehr.« Matze tippte sich an die Stirn. »Denk mal nach!« und er dachte: Die Alte hat echt ein Rad ab!

»Kosmischer Neustart«, murmelte sie schließlich. »Kosmischer Neustart. Dennis ist irgendwo im All. Nur sein Körper hier, der ist tot.«

»Ah, jetzt doch? Und wen rufen wir in so einem Fall an? Deine Eso-Freunde? Die Bullen?«

Jenny schüttelte sich, wie aus einem Traum erwachend. Mit einem Mal schien sie wieder ganz die Alte zu sein, wie früher, wie in der Hafenstraße, als sie Pflastersteine mit dem Schraubenzieher ausgrub und alles zur Barrikade schleppte, was ihr in die Finger geriet. Nur daß sich ihr heiliger Zorn nun gegen ihn richtete.

»Die Bullen?«, rief sie. »Dir haben sie wohl ins Gehirn geschissen! Dann spazieren die Cops neugierig durch unsere Bude und merken gleich, daß es hier nicht nur nach Dennis’ Kackplosion stinkt. Hast du das Gras vergessen?«

»Scheiße. Das ist alles Scheiße hier.«

»Das kannst du wohl sagen. Und glaube ja nicht, daß die Bullen nur mit ihrem Spürhund rumschnüffeln werden. Dennis PC ist doch geklaut, dein Fahrrad auch. Und ich habe keine Ahnung, wo Dennis seinen Brösel aufbewahrt. Und was er sonst noch gebunkert hat. Und wieviel. Das kann richtig Ärger geben. Und wenn die sehen, womit du die halbe Wohnung tapeziert hast, sind die richtig motiviert und kriegen gute Laune.«

Sie zeigte auf die Serie von Aufklebern an der Tür, auf denen der Schwarze Block abgebildet war und Mollies auf die Staatsmacht flogen. Auf einem anderen der Slogan ‚ACAB‘. Matze hatte jede Menge Zeugs von früher aufgehoben und gleichmäßig in der Wohnung verteilt. So hielt er die alten Zeiten in Ehren, ganz zu Jennys Mißfallen.

»Du mußtest ja unbedingt genau hier die Revolution ausrufen, was?«, sagte sie. »Ich habe dir immer gesagt, daß das leicht nach hinten losgehen kann, wenn die falschen Leute aufkreuzen.«

»HEY! Jetzt hör mal auf, mich anzuscheißen!«, bellte er zurück. »Immerhin bin ich mir treu geblieben! Laß dir lieber was einfallen, was wir jetzt tun können!«

»Wie soll ich das denn wissen? Wer wollte denn unbedingt auf Klo? Wenn du mich nicht gerufen hättest, säße ich immer noch auf dem Bett und würde friedlich lesen. Und in einer halben Stunde hätte ich mich eh verpißt, zu Crissy, lecker Kuchen essen. Du bist schuld, daß … ach, ich hau jetzt ab! Fick dich!«

Sauer wie sie war, wollte sie das Bad verlassen, aber Matze versperrte ihr den Weg. »Nichts da. Hier kommen wir nur zusammen raus – oder gar nicht! Wie damals am Hafen.«

Eine sehr vernünftige Ansprache, doch sie führte zu nichts. Jenny begann auf ihn einzuschlagen, wie ein kleines Mädchen, mit beiden Fäusten. Warf sich mit der ganzen Wucht ihrer 60 Kilo gegen ihn. Matze machte einen Schritt rückwärts, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, dann stieß er sie mit aller Kraft von sich. Jetzt stolperte Jenny zurück, mit beiden Schuhen hinein in die Blutlache, die Dennis’ Arschloch in den vergangenen Minuten versprudelt hatte. Sie kam ins Rutschen und konnte einen Sturz nur abwenden, indem sie sich mit beiden Händen auf Dennis’ kot- und blutbesudeltem Hintern abstützte.

»Iiiih!!!«, kreischte sie, stieß sich mit den Ellenbogen ab, geriet erneut ins Schleudern und landete endgültig auf dem Boden. Im Blut.

Jenny begann zu weinen. »Hilf mir doch bitte wieder rauf!«, schluchzte sie. »Matze, biiiitte!«

Er zögerte einen Moment. Was sollte er tun? Sie war von Kopf bis Fuß mit Blut und Scheiße beschmiert. Wie eklig! Ich muß hier weg, egal wohin. Und ich muß immer noch scheißen, zum Teufel! Ende Gelände!

»Sorry … Jenny … aber … ich faß dich nicht an«, stammelte er und schaute sich hilfesuchend um. Aber da war nichts und niemand, was ihn hier rausholen oder wo er sich zum Kacken niederlassen konnte.

»Du Arschloch!« Jennys Schluchzen ging endgültig in Kreischen über. Sie stützte sich erneut ab, stand auf, glitt gleich wieder aus und hielt sich diesmal an der Kloschüssel fest, um ihren Sturz etwas abzumildern.

Matze hielt es nicht länger aus. Den wachsenden Bremsstreifen in der Unterhose ignorierend, flüchtete er zurück in den Flur, hinein in sein Zimmer. Er warf die Tür hinter sich zu. Verdammt, wo war der Schlüsse1? Er mußte die Tür abschließen, er wollte auf keinen Fall, daß Jenny ihm hierhin folgte. Aber wo er auch suchte, auf dem Schreibtisch, im Bett, auf dem Boden, er fand ihn nicht und hatte keine Ahnung, wo das Ding geblieben war. Schloß ja keiner von ihnen gewöhnlich ab, man gab sich immer betont locker.

Und dann flog auch schon die Tür auf, und Jenny stand auf der Schwelle. Ein Bild wie aus einem Horrorfilm. Auch da liefen häufig irgendwelche Gestalten schreiend und blutverschmiert durchs Bild. Doch dieser Film hier war übler, die Realität in Scheiße gewickelt.

»Jetzt kann ich nicht mal mehr abhauen!«, brüllte sie. Offenkundig hatte Jenny einen Umweg über die Küche gemacht und ein Messer geholt. Mit dem sie nun wild herumfuchtelte.

Will sie mich abstechen?, fragte sich Matze. Die Kehle durchschneiden? Oder mir nur Angst machen? Auf jeden Fa11 will sie damit kein Brot schmieren. Was sie auch immer vorhat, ich will’s gar nicht wissen!

Bevor Jenny zu einer finalen Entscheidung kam, was sie mit dem Messer zu tun beabsichtigte, griff Matze einen Klappstuhl und zog ihn ihr über den Kopf. Das reichte. Jenny und Stuhl klappten zusammen, das Messer fiel zu Boden.

Er atmete auf. Überlegte nicht lange, sondern zog fix Schuhe an, anschließend die Jacke. Packte einige Dinge in die Umhängetasche, stieg über die bewußtlose Jenny und verließ geschwind die Wohnung. 15 Sekunden später war er aus dem Haus. Hinein in seinen Opel Corsa, nur weg hier! Der Tank war fast voll, gut. Der Wagen sprang an, Matze trat aufs Gaspedal und fuhr gen Osten.

Jedes Ende ist ein neuer Anfang. Danke Dennis, danke Jenny, für die gute Zeit mit euch. Er atmete tief durch, entspannte sich und und ließ den Dingen freien Lauf. Er schiß. Endlich. Tränen stiegen ihm in die Augen. Und sie waren immer noch feucht, als er die Auffahrt zur A1 Richtung Berlin hinauffuhr.

Genau, Berlin, das wars! In Kreuzberg kannte er bestimmt irgendwen. Von früher.

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