Kottbusser Tor, Berlin, 2018

1983: Zweimal 50 Mack

1983: Da stand ich nun. Ich hatte zwar eine Matratze im Zeltlager, aber kein Geld. Also musste ich wie alle anderen schnorren gehen. Su zeigte mir, wie es geht.

Am liebsten standen wir zu zweit am Görlitzer Bahnhof am Fuß der Treppe. Am Ausgang war es schwerer für die Bullen und die Kontrolettis, uns zu vertreiben, weil wir nicht mehr auf dem Gelände der BVG waren. Am Kotti hielten wir uns auf, um mit den anderen zu trinken, zu quatschen und die Zeit zu vertreiben, aber das meiste Geld war am Görlizter zu holen. Zusammen zwanzig Mack pro Stunde war der Durchschnitt.

Natürlich ist Schnorren kein Zuckerschlecken. Ich stellte schnell fest, dass Menschen, die selbst nicht viel zum Leben haben, am großzügigsten sind. Das Problem waren die Gutsituierten. Es gab immer wieder nette Worte: »Penner«, »geh‘ mal arbeiten« oder »euch sollte man alle einsperren« waren normal. Am besten hat mir jedoch »sowas wie dich hätten wir zu Hitlers Zeiten sofort vergast« gefallen.

Mich hat erschreckt, zu sehen, wie gleichgültig der Mensch seinem Gegenüber sein kann. Am deutlichsten wurde es mir bewusst, als Su und ich eines Morgens am Görlitzer standen, um uns unser Frühstück zu verdienen. Eine ältere, gutgekleidete Frau kam mit zwei vollgepackten Einkaufstaschen die Treppe herunter. Sie taumelte, sah desorientiert aus und ließ sich plötzlich auf die Treppenstufen sinken. Die sofortige, mitleidlose Reaktion der Vorbeigehenden war »guck‘ dir das an, am frühen Morgen schon besoffen.«

Su und ich gingen zu ihr rüber, um sie zu fragen, ob wir ihr helfen könnten. Sie sagte uns, dass ihr Termin beim Arzt länger als geplant gedauert hatte, sie aber trotzdem einkaufen gehen musste und sie jetzt weit über der Zeit für ihr Insulin sei. Zum Glück war auch damals schon ein Imbiss direkt unter der U-Bahn, zehn Schritte von der Treppe entfernt. Wir versorgten die Frau sofort mit Wasser und Zuckerwürfeln vom Imbiss, und als es ihr wieder besser ging, begleiteten wir sie nach Hause. Zum Dank schenkte sie uns 50 Mack.

Nur mal so am Rande: auch wenn sie betrunken gewesen wäre, hätte sie eventuell trotzdem Hilfe benötigen können.

In den nächsten zwei Tagen haben wir es uns von dem Geld so richtig gut gehen lassen.

1984: Aus irgendwelchen Gründen, die ich nicht mehr nachvollziehen kann, war die Verbindung zwischen Su und mir irgendwann abgebrochen.

Inzwischen hatte ich mit dem Trinken aufgehört. Eines Morgens war ich wie üblich zu Real am Kotti gegangen, um mir mein Frühstücksbier zu holen. Ich öffnete die Dose Karlsquell, setzte an und spuckte in hohem Bogen wieder aus, was ich im Mund hatte. Das schmeckte widerlich! Ich sagte in die Runde, dass mein Bier anscheinend schlecht sei und fragte, ob mich jemand mal von seinem Bier kosten lassen würde. Jede Dose, die ich kostete, schmeckte gleich Scheiße. Also ging ich wieder zu real und kaufte mir einen Liter Kakao und einen halben Liter Tomatensaft. Das war besser!

Natürlich stieß ich auf Unverständnis unter meinen Mitstreitern im Kampf um das tägliche Vergessen. Und ich musste feststellen, dass Besoffensein gar nicht so lustig ist, wenn man selbst nicht besoffen ist.

Ich hielt mich von nun an meistens allein am Görlitzer auf. Es wurde immer wärmer, der Sommer näherte sich. Zwei Türen neben dem Elefanten am Heinrichplatz stellte der Imbiss-Besitzer einen Softeis-Automaten vor die Tür. Und er hatte nicht nur Schoko und Vanille, er hatte auch Erdbeer-Wassereis. Nun hatte ich ein neues Ziel: So viel Erdbeer-Wassereis wie möglich essen!

Ich neige zu exzessivem Verhalten. Wenn ich etwas mag, brauche ich es immer und immer wieder. Das ist bei Musik genauso wie beim Essen oder anderen Dingen. Ich kann einen Song monatelang immer und immer wieder ohne Unterbrechung hören. Eine Weile habe ich mich ewig von Döner Kebap ernährt; zum Frühstück, zum Mittag, zum Abendbrot. Zu einer anderen Zeit waren es Bier und Pommes. In dieser Phase musste ich feststellen, dass man kein Seemann sein muss, um Skorbut zu bekommen. Bier und Pommes enthalten anscheinend nicht die geringste Spur Vitamin C oder anderen Scheiß, den ein menschlicher Organismus benötigt. Es dauerte nicht lange, bis ich – wo ich ging und stand – eine beachtliche Pfütze an Blut zusammengespuckt hatte.

Als mir dann beim Abnagen eines Knochens das untere Kiefergelenk aus der Pfanne sprang und ich allgemein in sehr schlechter Verfassung war, musste ich zum Arzt, der mir ’ne fette Vitaminspritze gab und mir riet, mich besser zu ernähren. Trotz dieser Erfahrung konnte ich dieses Verhalten im Laufe der Jahre nicht ablegen, passe aber inzwischen besser auf mich auf.

Ich fragte also nicht mehr nach ’ner Mack für Bier, ich fragte nach 50 Pfennig für ein Eis. Das ging sogar noch viel einfacher. Die Leute wunderten sich über meine Bescheidenheit und gaben meistens trotzdem ’ne Mack.

Eines Tages kam ein Mann im Anzug vorbei. Auch ihn fragte ich nach 50 Pfennig und machte mich auf einen netten Spruch gefasst. Er blieb jedoch freundlich, als er sagte »Du kaufst dir doch niemals Eis dafür, du gibst das Geld doch für Bier aus.«

Ich widersprach ihm und erklärte, wo der Eismann stand und dass ich dort regelmäßig hinging. Dass eine Portion Eis nur 50 Pfennig kostete. Er sagte, dass er mir 50 Mack geben würde, wenn sich meine Geschichte bestätigt. »Kein Problem, komm mit!«, antwortete ich.

Der Eismann erkannte mich schon von weitem und begann, ein Eis zu zapfen. Als ich bei ihm war, hielt er mir das Eis hin, und der Mann im Anzug fragte den Eismann ganz erstaunt, ob ich öfter käme. Der Eismann erzählte ihm, dass ich seine beste Kundin sei, niemand käme öfter.

Der Mann im Anzug hielt sein Wort. Er gab mir einen 50-Mack-Schein, den ich sofort an den Eismann weitergab. Strichliste führen war einfacher und sicherer.

Die nächsten zehn Tage waren gesichert.

In der Rubrik PUNKSPLTTER stelle ich (nicht nur) autobiographische Texte rund um Punk vor. Für alle, die mitschreiben wollen, habe ich weitere Infos vorbereitet.

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