Mir ist schon klar, daß einige von euch denken: Der Karl legt mal wieder ordentlich ein paar Briketts auf, um sein Anliegen zu verdeutlichen. So ein “Junkie”-Vergleich ist ja schon ganz schön weit hergeholt, hm?
Aber das stimmt nicht.
Natürlich jage ich mir keine Nadeln in den Arm. Ich spucke auch kein Blut. Und ich gammel auch nicht hohlwangig am Hamburger Hauptbahnhof herum. Aber genau das macht die Sache ja so gefährlich: Es ist der schöne Schein, der die Verharmlosung geradezu vorantreibt.
INNEN sieht die Sache jedoch ganz anders aus; mein Verhalten ist einwandfrei das eines Junkies, eines Alkoholikers, eines Magersüchtigen. Ist eh alles für mich eine Suppe.
Der Tag fängt für mich damit an, daß ich mein Smartphone einschalte, weil ich wissen will, was in der Welt passiert ist. SPIEGEL ONLINE und Konsorten erzählen es mir. Sind vielleicht über Nacht Mails gekommen?
Dann den Computer einschalten und die ganze Chose noch mal von vorn. Ist ja auch viel bequemer so! Und man kann auch gleich noch all die Sites ansteuern, die für einen Mini-Bildschirm doch zu unkomfortabel sind. AL JAZEERA informiert mich über den Fortgang des Gemetzels in Syrien!
Ansonsten muß ich natürlich wissen, was sich bei FACEBOOK getan hat. Irgendwelche Kommentare? Tatsächlich. Bei der Gelegenheit auch gleich mal im Profil des Schreibers vorbeischauen. Man will ja nicht asozial sein und sich auch für andere interessieren.
Schon vor dem Frühstück brummt mir der Schädel. All die ganze Scheiße will ja irgendwie verarbeitet werden. Schnell ein paar Brote rein. Duschen kann ich auch morgen.
Eigentlich will ich ja gerade was schreiben, an meinen IDIOTENKLAVIER-Texten. Ich fräse mich durch meine Notizen. Nicht einfach, den Überblick zu behalten. Ach, schnell noch mal bei SPIEGEL ONLINE nachschauen. Gegen Acht kommen ja eh meist erst die wirklich neuen Artikel. Aha. Neue Enthüllungen rund um die Zwickauer Terror-Zelle. Gleich mal bei ALTERMEDIA nachschauen, was die Nazis dazu schreiben. Na, aus Gründen der Ausgewogenheit ist auch mal wieder ein INDYMEDIA-Besuch fällig. Die Kommentare dort sind das schlimmste und machen mir klar, daß ich mit denen genauso wenig zu tun habe wie mit den Jecken von der anderen Feldpostnummer.
Ok. Weiter im Text. Will ja schreiben!
Aber – ups! – mein Mailprogramm zeigt eine neue Nachricht an. Kommentar auf FACEBOOK. Also schnell dorthin zurück. Auch was reinhämmern.
Nächster Versuch, weiterschreiben.
Leider habe ich die Facebook-Seite nicht geschlossen, und irgendwer piept mich per Chat an. “He, Alter, was geht?”. Oje. Irgendeine Pappnase, die mein Facebook-”Freund” ist und auf vertraulich macht, obwohl wir noch nie was miteinander zu tun hatten. “Bin echt Dein größter Fan!”.
Tja. Will ich ein arrogantes Arschloch sein, das noch nicht mal “Hallo” sagt? Nein. Also folgt eine kurze Konversation, die ich nach drei Minuten abbügeln kann.
Weiterschreiben. Geht aber irgendwie nicht. Nur noch Durcheinander in meinem Kopf. Aufstehen. Wieder hinsetzen. Ein paar Mails beantworten. Über Syrien nachdenken. Wem kann ich da überhaupt glauben? Wer belügt mich mehr? Noch mal ein bißchen Recherchieren.
So vergeht der Vormittag.
Irgendwann muß ich ins Arbeiten kommen. Mache ja meine Programmierjobs von zu Hause aus.
Ich nehme mir vor: KEIN JUNK!!! ICH BIN STARK.
Muß nun ein halbes Dutzend Programme öffnen. Das dauert. Vielleicht die Zeit überbrücken mit einem kleinen Blick auf Facebook? Nur lesen? NEIN!
Alle Programme geladen. Diverse Dinge sind zu erledigen. Ich versuche, mich einzulesen. Boahhh, ist das komplex!
Kurz mal das Smartphone einschalten. Eine Runde Tetris, zur Entpannung. Nicht denken.
Dann will ich einen Programmier-Kollegen anrufen, habe Fragen. Aber es ist besetzt. Ich warte ein paar Minuten. Immer noch besetzt. Also noch eine Runde Tetris. Immer noch besetzt.
Muß mir überlegen, wie ich die Lage in den Griff kriege. Ab ins Textprogramm. Notizen machen. Was will ich? Wie mache ich das? Wie werde ich den Junk los?
Am liebsten würde ich ohne all das auskommen. Aber WIE? Ich verdiene mein Geld damit! Und ich WILL die Welt ja auch verstehen! Und auch für die Musik brauche ich ja das Web. Will ja nicht von vorgestern sein. Zwickmühle. Jeden Tag die gleiche.
Klingeling. Katzen füttern!
Da kriege ich auch gleich Hunger. Dose öffnen, Linsensuppe heißmachen. Rein das Zeug.
Ich werde müde. Erst mal ne Stunde schlafen.
Als ich aufwache, WEISS ich: Immer noch nix geschrieben, kaum gearbeitet, der Tag ist verloren. Heute reisse ich das Ruder nicht mehr rum. Scheißegal, jetzt erst mal hemmungslos die üblichen Seiten checken.
MORGEN ist ein neuer Anfang!
Oder kriege ich vielleicht doch noch was für die Band hin? Neue Songtexte?
Ich versuche, ein paar Gedanken KLAR zu fassen. Aber es GEHT NICHT. Mein Kopf ist eine einzige Achterbahn, alles durcheinander. Ich weiß überhaupt nicht, was ich denke, kann mich nicht entziffern und schon gar nichts aufschreiben. Höchstens stammeln. Und immer wieder wieder der Gedanke: SCHAU DOCH MAL, WAS ABGEHT! NUR GANZ KURZ. Ok. Ich mach’s.
Ich kriege einen unfassbaren HASS. Eigentlich will ich nur RAUS!
Aber WOHIN? Einfach auf die Straße gehen? Zu MEDIA MARKT?
Es gibt keinen Platz, wo ich “einfach so” hingehen kann. Jedenfalls keinen, wo ich GERNE bin.
Aber vielleicht abends auf ein PUNK-Konzert gehen? Mir eine Band anschauen, die mich nicht interessiert? Mit Leuten abhängen, die halb so alt sind wie ich? Oder mit irgendwelchen Suffköppen? Macht mich alles nicht an. WAS SOLL ICH DA DRAUSSEN?
Ich sitze in meinem Sessel und starre ins Leere. Stehe auf und setze mich wieder hin. So vergeht eine Stunde.
Aber der Computer bleibt an. Könnte ja sein, daß noch was interessantes passiert. Ach, sicherheitshalber gleich mal schauen …
Dann zerreisst es mich, und ich flüchte förmlich aus der Bude. Rein in die nächste S-Bahn. Es juckt in meiner Tasche. Smartphone raus und ab geht der Newsjunk. Scheiß, die Verbindung wird zu schlecht. Dann eben Tetris spielen.
Irgendwann bin ich wieder zuhause. Einmal ne Runde durchzappen, alles doof. Interessiert mich alles nicht.
Ich gehe ins Bett. Nicht, ohne noch eine Runde Tetris zu spielen. Und natürlich will ich auch wissen, ob in Syrien heute noch mehr Leute gestorben sind.
Wie ist das, wenn man stirbt? Wenn ICH sterbe? Egal.
Licht aus.
Falls Ihr nun glaubt, daß das SCHLIMM ist – FALSCH! Es ist noch VIEL SCHLIMMER! Denn glaubt ja, nicht, daß ich euch hier ALLES erzähle!
Grad bin ich heilfroh darüber, dass ich mich für viele Dinge auf dieser Welt gar nicht so sehr interessiere (wie ich es vielleicht müsste). Und das mein tägliches Soll an besuchten Seiten im Internet aus 5 besteht. Und ich, um meine Freizeit zu gestalten, nicht auf den Rechner angewiesen bin.
Schonmal über Urlaub auf nem Bauernhof in Schweden nachgedacht?
Nicht direkt Schweden … aber grundsätzlich wäre sowas sicher mal ganz gut!
Es ist geradezu unglaublich was ich hier lese, als würde irgendwo in einem Parallel-Universum ein zweites Ich verzweifelt rumwerkeln. Ich könnte unter die Texte ohne lügen zu müssen meine Namen drunterschreiben, bis auf die Orte und Personen und auf die Dose Linsen. Bei mir gabs Klöße mit Tütensoße.
Vielleicht hilft dir das zu verstehen das das alles normal ist. Man nennt das auch Leben. Ich bin der Meinung Dein Haupt-”Problem” besteht nicht unbedingt aus der von Dir vortrefflich beschriebenen Informations-Sucht sondern es ist eher grundsätzlicher Natur. Du bist zu oft allein ! Man nennt das auch Vereinsamung. Und der Lügner Internet täuscht uns soziale Kontakte vor…denn Facebook und Co sind eben kein Ersatz für das reale Leben. Kennst Du den SF – Film “Surrogates” ?
So ist es bereits, nur virtuell…und ich befürchte es wird noch viel, viel,……viel schlimmer !
Grüße aus 0711
Lustig … ein paar Deiner Sätze stimmen fast wortwörtlich mit ein paar Notizen für diverse zukünftige Blogeinträge überein. Da haben wir wohl gerade ne telepathische Verbindung …
Wirst schon sehen, was ich meine!
Übereinstimmungen habe ich auch schon des öfteren bei Deinen Facebook Post`s festgestellt….
Wir befinden uns ja auch in einem extrem schrägen Subkultur – Ableger. Punk…Anarchismus,usw.. Der ganze Kram…Du weißt schon…wie passt das alles zusammen mit einem gewissem intellektuellen Grundanspruch ?
Ich persönlich sehe mein gesellschaftliches “Scheitern”…(oh ja..soweit ist es schon ) und die damit gefühlte Vereinsamung, nicht ausgelöst durch mangelnde Kompetenzen, sondern…und das ist ganz einfach…durch fehlender Anpassungsfähigkeit. Das stimmt so aber auch nur wenn ich “das Scheitern” am gesellschaftlichen Status definiere, denn eigentlich ist alles so gekommen wie ich es immer gesagt habe.
Ich bin mit bald 50 immer noch kein Opportunist aus Bequemlichkeit geworden, wie viele Freunde aus alten Tagen, sondern immer noch der gleiche radikale Arsch von früher.
Von dem her…eine echte Erfolgsstory… Es kommt wohl immer auf den Blickwinkel des Betrachters an…
Grüße aus 0711
Das eigene Scheitern ist auf jeden Fall ein wichtiger Punkt! Dazu geht mir auch schon seit einer Weile einiges durch den Kopf.
Diese “überfüllung” von Informationen bei gleichzeitigem nachlassen des outputs, ist ein Problem mit dem ich seit einigen Jahren kämpfe. Auch ohne Facebook. Zum Glück und mangels Smartphone entkomme ich dem Internet, wenn ich mich auf’s Fahrrad setze und ein paar Runden drehe. Im Proberaum habe ich bereits dafür gesorgt, dass auch dort Internet empfangen werden kann. Doch die Bandkollegen halten mich davon ab, denn es gibt auch noch Menschen, die Leben ohne Internet.
Ob das alles schlimm ist? Ich weiß es nicht, ich kann mich kaum noch daran erinnern, wie es früher war. Als das Fernseh 3 Programme geboten hat und um 24 Uhr Sendeschluss war. Damals war ich fast jeden Tag besoffen, war das besser?
Interessanterweise habe ich gerade heute, kurz bevor ich bei Twitter deine Posts gefunden habe, alte handgeschriebene Briefe aus den 80/90′ern gelesen.