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  Perry, Perry, zeig uns die Sterne - Du Ritter der Tiefe - Du Meister der Ferne
DIE KASSIERER
 
     
 
Die Mutter aller Schundhefte
ELBSCHOCK!
Die Geschichte von ELBSCHOCK! hat irgendwie was manisch-depressives. Sie nimmt kein Ende, und ohne ständige Berg- und Talfahrt geht gar nix. Aber ELBSCHOCK! ist eben mal wieder die Realisierung so eines irren Traumes, gewissermaßen eine fixen Idee, und da kann man nicht einfach den Stecker ziehen. Im Grunde ist ELBSCHOCK! für mich die Mutter alle Schundhefte; der erste Versuch, ein geniales Heft abseits von Mainstream zu machen. Und dabei gnadenlos gescheitet! Aber die Geschichte ist damit noch keineswegs zu Ende...

Das ganze begann im Sommer 2004. Mit meinem Kumpel Sven, der sich auch in der Comic-Szene herumtreibt, aber durchaus ebenfalls was von Krawall, Punkrock und Ideen jenseits vom Mainstream versteht, phantasierte ich des öfteren ein wenig in der Gegend herum:

"Irgendwie fehlt ein wirklich geiles Comicmagazin."
"Yep. Nichts son Künstlerkram, sondern echter Trash. Ein bißchen wie MENSCHBLUT oder die ollen WARREN-Magazine."
"Und zeitgemäße Themen, auf die die Kids abfahren."
"Genau. Keine sinnierenden Depressiven als Hauptfiguren, sondern ne Gang hier aus der Vorstadt."
"Einfach Dinge, die heute passiern, ganz real. Nicht im Fernsehen. Auf der Straße!"
"Und billig müßte es sein... an jedem Kiosk zu haben."
Blabla und so weiter...

Das bliebt irgendwie hängen... bohrte sich tief in die Hirnwindungen rein, wollte vom unverbindlichen Gesabbel FLEISCH werden!

Als es mit der ALLIGATOR FARM im Januar 2005 losging, war schnell klar, daß wir an genau so einem Magazin arbeiten würden. Die Stories sollten allesamt in Hamburg spielen, in einem bekannten und vertrauten Terrain. Und die Comic-Charaktere lasen sogar die MORGENPOST. Ich dachte mir, daß das vielleicht ein schöner Aufhänger sei, um mit den Leuten von der MOPO ins Gespräch zu kommen... und vielleicht mal dort einen Comic unterzubringen? Ach, wie naiv...

Die Arbeit an den Stories gestaltete sich schwieriger als gedacht. Nicht alle Zeichner besaßen schon die zeichnerischen Fähigkeiten, um auf dem angestrebten hohen Niveau Comics abzuliefern. Ihr dürft nicht vergessen: Die meisten LERNTEN zu diesem Zeitpunkt gerade das Comiczeichnen! Einzig und allein Wittek war ein alter Hase!

Wittek kriegte dann auch gleich die heikelste Story: "HUNGER: Der Kannibale von Rothenburgsort"! Einige Jahre zuvor hatte ich ja mal die Ehre, eine Nacht bei Armin Meiwes zu verbringen. Der erlangte später dann eine gewisse ... hm ... Berühmtheit als "Kannibale von Rotenburg". Ihr weißt schon, die Story mit der Penis-Mahlzeit...

Dieses Thema verwurstete ich nach Hamburg und in einen anderen Kontext. Hatte am Ende nicht mehr viel mit dem Original zu tun, sollte es aber auch nicht. Witteks Comic wurde wirklich ganz, ganz große Klasse und ist zusammen mit Vincent Burmeisters "JENNIFER" das Herz der ersten ELBSCHOCK!-Ausgabe!

In "JENNIFER" geht es um ein Mädchen, daß von seinen Eltern derbst vernachlässigt und auch gequält wird, bis es schließlich kurz vorm Verhungern steht. Während in der Realität solche aus den Medien bekannten Geschichten gerne mal mit dem Tod des Kindes endet, haben wir in in ELBSCHOCK die Handlung einfach umgedreht: Hier ergreift Jenny die Initative und zündet ihren Eltern die Bude über dem Kopf an.

Ist wirklich eine ergreifende Story geworden (hier passt die Phrase mal!), und ich kenne niemanden, den sie beim Lesen kalt gelassen hat.

Schwieriger war es schon, Simone Kesterton eine Story auf den Leib zu schreiben. Wenn Simone eines nicht kann, dann sind's derbe Geschichten. Simone zeichnet am liebsten schöne Dinge: Elfen, Zwerge, kleine Mädchen, kuschelige Tiere, alles, was nicht weh tut. "DER MILCHDIEB" wurde dann auch ein Comic, bei dem sie gnadenlos ihre Stärken ausspielen konnte: Er handelt von einer schnuckeligen Elfenwelt - gezeichnet allerdings von einer saufenden Comiczeichnern! Nein, damit ist nicht Simone gemeint - die Comiczeichnerin ist IN der Story!

Vincent und ich zwangen Simone quasi mit vorgehaltener Waffe, die Seiten mit besagt Suff-Zeichnerin in einem sehr groben, matschigen Stil herunterzuschmieren. "Ich kann das einfach nicht", jammerte sie - oh doch, sie konnte es, und WIE!!! Hammerstory!

Philip Cassirers Story: "ALIENTRÄNEN" war dagegen eine eher unkomplizierte Angelegenheit: Hier geht's um einen Live-Bericht im Alien-TV, der galaxisweit die Vernichtung der Erde durch einen Asteroideneinschlag überträgt. Da mußten wir nur aufpassen, daß wir keinen Streß wegen Persönlichkeitsrechten und Schweinkram kriegen...

Dann hatten wir noch zwei weitere Stories, bei denen ärgerlicherweise die Zeichner ausfielen und die ich dann mit Vincent kurzerhand zu einer zusammenfasste. KAMIKAZE DEZIBEL hat demzufolge eine Parallelhandlung: Auf der einen Seite drei junge Hip-Hopper, die eine Familie als Geiseln nehmen und erst dann aufgeben wollen, wenn ihr Song bei MTV gebracht wurde - auf der anderen eine Gruppe christlicher Fundamentalisten, die mit einer Atombombe Hamburg vom Teufel befreien wollen. Leider ist die Story ein bißchen schwer zu lesen - die Farbgebung verwirrst an manchen Stellen, ebenso die vielen Grafitti-Tags. Trotzdem ein echter Kracher!

Ein echtes Gemeinschaftwerk wurde unsere Story zur Fußball-WM: "MEINE WM 2006". Da geben sich islamistische Selbstmordattentäter, Nazis, Punks, Autonome, Cops und die Vogelgrippe ein Stelldichein, und insgesamt 9 Alligatoren wirkten an der Fertigstellung mit.

Als das Heft endlich aus der Druckerei kam, waren wir alle happy: WOW, das Ding sah gut aus, roch gut und war EINFACH VERDAMMT GUT!

Nicht so gut war die Rechnung, die bald darauf kam. Die fiel nämlich höher aus als erwartet. Der Drucker hatte sich im Vorfeld verrechnet, und weil auf der einen Seite das ganze nicht über ein offizielles Angebot gelaufen war und zudem der Drucker uns elend viel Zeit gegeben hatte, die Rechnung bezahlen (über ein Jahr), mußten wir diese bittere Pille schlucken.

Auch die Comichändler schauten das Heft meist nicht mal mit dem Arsch an. Nicht etwa aufgrund des Inhalts, nein! Ihnen war das Heft zu BILLIG, die Zeichner zu unbekannt, ebenso der Verlag. Um es hingegen etwa in Punk-Kreisen zu verkaufen, war es zu TEUER. Da hingen wir zwischen den Stühlen. Und die Hälfte der Hefte liegt immer noch auf meinem Dachboden...

ELBSCHOCK! war damit gestorben, aber nicht die Idee. ELBSCHOCKs noch viel mißrateneres Kind heißt DIE! ODER WIR, wird als Zeitung gedruckt und geht dort weiter, wo in ELBSCHOCK! noch Kompromisse eingegangen wurden. Keine Rücksicht mehr auf die Comicläden oder Kioske! Purer Trash mit Stories, die die Kultur- und Sammlerfreaks definitiv NICHT lesen wollen!

ELBSCHOCK! LEBT!

 
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Titelbild ELBSCHOCK! 1   Story Hunger (Wittek)   Story "Jennifer" (Vincent Burmeister)
 
   
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Story "Kamikaze Dezibel" (Vincent Burmeister)   Story "Der Milchdieb" (Simone Kesterton)   Story "Meine WM 2006" (diverse Zeichner)

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