| Ein Comicstudio mit vielen Zeichnern, die voneinander lernen und ansonsten gemeinsam Comics produzieren - das war die Idee hinter der ALLIGATOR FARM. Rund drei Jahre wirkten über 50 Zeichner in der geheiligten Räumen der Farm, wir produzierten dabei die Comics PERRY, ELBSCHOCK und ALPHATIER, bis mir zum Schluß finanziell die Luft ausging. Aber das sollte keineswegs das Ende sein...
Irgendwie gehöre ich zu der Sorte Leute, denen es unglaublich schwer fällt "einfach so" Dinge zu konsumieren. Wenn ich Musik höre, fange ich fast zwanghaft an zu singen, und wenn ich einen tollen Film sehe, würde ich am liebsten sofort mit der Kamera nach draußen stürmen. Nur bei meiner Comicsammlung funktionierte diese Automatik irgendwie seit Jahrzehnten nicht. Obwohl ich mir redlich Mühe gab, das zu ändern.
Schon um 1980 rum war ich etwa mit FANTASTRIPS Herausgeber eines Magazins rund um's Comiczeichnen und Illustration. Das wuchs mir dann derbe über den Kopf, verursachte jede Menge Schulden, und am Ende warf ich die Brocken hin, um mit viel Spaß fortan als Punk die Welt zu verunsichern. Meine schon damals stattliche Comicsammlung verkaufte ich größtenteils. Und der Rest wurde mir von einem Junkie abgezogen, der eine Weile in meiner Bude übernachtete.
Eigentlich hätte ich eh viel lieber selbst Comics gezeichnet, aber die Ergebnisse meiner Zeichenversuche sahen immer scheisse aus. Ging einfach nicht.
Irgendwann Ende der Achtziger bekam ich dann doch wieder Lust auf Comics, und ich besorgte mir erneut das ganze Zeugs, das ich Jahre zuvor verkauft hatte.
Ich fing wieder an zu zeichnen, und das Zeugs wurde tatsächlich besser... ein wenig! Da halfen dann wohl nur schlaue Bücher, die ich schließlich im Laufe der Jahre in unglaublichen Mengen ansammelte. Zum Schluß besaß ich bestimmt 500 Bücher und Hefte mit besseren und schlechteren Zeichentipps, aber zeichnerisch kam ich nur unendlich mühsam vorwärts.
Ende 2004 sah ich schließlich ein, daß aus meiner phänomenalen Zeichnerkarriere nichts mehr werden würde. All die schönen Bücher ... Blei im Regal. Im Grunde nutzlos für mich!
Als in dem Haus, in dem ich wohne, eine Wohnung frei wurde, griff ich zu: Ich brauchte eh ein Büro, und die Miete sollte mit dem Verkauf von APPD-Shirts finanziert werden. Die '98er-Wahlkampf-Shirts wurden ja mittlerweile schwarz von diversen Händlern nachgemacht, und ich fand es nur fair, selbst dieses Geld einzusacken. Zumal die APPD komplett inaktiv als langweilige Ruine vor sich hindämmerte. Hey, es waren MEINE Shirts, also nutzte ich sie, um neuen Schwachsinn damit zu finanzieren, der mir als äußerst genial erschien:
Ich packte all die schlauen Zeichenbücher und Comics in mein Büro, besorgte Tische, Zeichenmaterialien, all die lustigen Dinge, die man benötigt, um ein COMIC-STUDIO zu betreiben! Und holte mir mit WITTEK einen echten Scheffzeichner in Boot, der den jungen Hüpfern zeigen sollte, wie man's richtig macht.
Das war die ALLIGATOR FARM. Die perfekte Lösung, meine schöne Sammlung sinnvoll einzusetzen und gleichzeitig eigene Comics zu produzieren!
Ich klapperte die örtlichen graphischen Schulen und Unis ab, baggerte mich durch's Internet, und zur Eröffnung im Januar 2005 waren über 20 Zeichner im Boot!
Es gab eine ganze Reihe Leute, die gaben uns drei Monate, aber am Ende hielten wir drei Jahre durch. Und die Gründe für unser Scheitern waren ganz anderer Natur als prognostiziert.
Natürlich war die ALLIGATOR FARM ein sehr naives Projekt, gedacht, die Welt zu erobern. Das finanzielle Konzept gestaltete sich eigentlich bombensicher: Mein Konto war durch diverse gut bezahlte freiberufliche Jobs gut gefüllt, und es kamen auch ständig neue Jobs rein. Das und die Kohle aus dem Shirtverkauf sollte ausreichen, um den Laden zu finanzieren.
Die Kernidee war dabei die kostenlose Ausbildung: Es gibt in Deutschland kaum Möglichkeiten, von der Pike auf das Comiczeichnen zu erlernen, also nahmen wir uns dieser Aufgabe an. Bei uns gab's diese Ausbildung - und zwar kostenlos!
Die Hürden für's Mitmachen waren nicht übermäßig hoch, aber es war auf der anderen Seite schon Vorrausetzung, daß die Herren & Damen Zeichner sich größtenteils um ihren eigenen Scheiß kümmerten und nicht ständig auf Anweisungen aus der Zentrale warteten.
Ein Grund (von vielen!) für das spätere Scheitern war sicher diese Kombination aus fehlender Eigenverantwortlichkeit und Kostenfreiheit: Damit kamen die meisten einfach nicht klar, kriegten den Arsch nicht wirklich in Bewegung. Wir schleusten über die Jahre unglaubliche Mengen an Zeichnern durch die Farm, und der sich langsam herauskristallisierende brauchbare Zeichnerstamm war wirklich sehr klein. Die aber waren mit volle Energie bei der Sache. Mit denen konnte man was auf die Beine stellen!
In erster Linie waren das außer Wittek Till Felix, Vincent Burmeister, Philip Cassirer, Simone Kesterton und später Fabia Zobel.
Wir produzierten zusammen die erwähnten Comics PERRY, ELBSHOCK und ALPHATIER, und es wäre fast zu schön geworden, wenn nicht daneben alles schiefgelaufen wäre.
Da gab es Vertriebskatastrophen verschiedenster Natur, den APPD-Wahlkampf, der enorme Energien und Gelder verschlang (und damit endete, daß ich von den APPD-Deppen angeschissen wurde, mich "bereichert" zu haben...!) und nicht das Desaster mit ELBSCHOCK! Ein pervers gutes Heft (ICH LIEBE ES !!!), das im Druck viel zu teuer wurde und von den Comchändler mehr oder minder boykottiert wurde... zu BILLIG! Ja, dort liebt man eben Hardcover und Schuber, bei denen ordentlich Kohle über die Theke geht...
Nachdem also ordentlich Geld verknallt worden war, mit den APPD-Shirts auch nichts mehr ging, brach mir zuletzt auch die restliche finanzielle Grundlage weg: Ich hatte so viel Energie und Zeit in die Farm und parallelt die APPD investiert, daß kaum noch Zeit zum Geldverdienen blieb und mich am Ende ein Schuldenberg schier erdrückte.
Dazu kam, daß unser Zugpferd PERRY, der Perry-Rhodan-Comic, bei den Rhodan-Fans nicht wirklich gut ankam. Die sind halt größtenteils ältere Kaliber und stehen meist mehr auf ordentliches, sauberes oder wenigstens nostalgisches. Und genau diese Bedürfnisse befriedigte PERRY leider nicht. Als dann auch PERRY-Zeichner Vincent Burmeister immer häufiger mit "Schmierer" und ähnlichen Liebkosungen betitelt wurde, ließ unsere Lust, gemeinsam & ohne Honorar einen verlustreichen Comic zu produzieren, doch deutlich nach.
Im Februar 2008 hatte ich die Schnauze voll. Schluß mit der Farm! Keine Lust mehr, totzuarbeiten bei ständig steigenden Schulden!
Also machte ich den Laden dicht, wobei ich den PERRY-Mitarbeitern freistellte, das Heft eigenverantwortlich weiterzumachen. Kai Hirdt und Maikel Das übernahmen den Staffelstab und machen seitdem PERRY in Eigenregie. Den Namen ALLIGATOR FARM gab ich ihnen gleich mit dazu. Viel Glück, Leute! Macht der mächtigen ALLIGATOR FARM keine Schande!
Die folgende Monate nutzte ich für Arbeit bis zum Augenstillstand. Und bis das Minus auf dem Konto verschwunden war.
Nur um mich mit DIE! ODER WIR und KEIN HASS DA in neue Abenteuer zu stürzen... |