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"Es ist aber auch die Geschichte einer Generation, die in den 60ern aufwuchs, in den 70ern pubertierte und sich in den 80ern im Zentrum des Zeitgeistes wähnte. Nur um in den 90ern in der Medienindustrie oder auf Pennerbänken zu landen..."
Aus dem Vorwort.
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| 21. Kapitel - 1970 |
| Vom Umweltschützer zum Feuerteufel |
Bis tief in die 70er oder gar 80er war die Wupper eine echte Kloake und roch auch so. Aus unzähligen Rohren und Abwassertunneln floß übelriechende Industriebrühe in den Fluß. Gerüchte besagten, in den dunklen, endlosen Tunneln hausten Geister, womit sich auch der Gestank ganz gut erklärte.
Trotzdem wagten wir uns manchmal in so einen Tunnel hinein. Mutproben eben.
In der Wupper selbst fand sich allerlei Gerümpel; das Flußbett voller Steine, die wiederum manchmal von braunem Moos und vergammelten Algen bedeckt waren. Vergebliche Versuche des Lebens, Fuß zu fassen.
Fische gab es keine in der Wupper, nur viel weiter stromaufwärts, wo das Wasser noch sauber war.
Ab und zu verschlug es aber trotzdem mal kleine Fische in unseren Wupperabschnitt, und einen erwischte ich dann auch mit dem Käscher.
„Das ist ein Stichling,“ sagte Herr Ebbinghaus fachkundig.
Der Stichling kam in mein Aquarium, wo er sich sein neues Zuhause mit zwei Goldfischen und einigen Guppies teilen mußte.
„Da brauchst Du anfangs nur ein paar, und dann vermehren die sich wie blöd“, klärte mich mein Vater über die Guppies auf.
Mann, war das langweilig. Die schwammen da immer im Aquarium um die kleine Steinburg rum, lutschten das Glas von innen ab und fraßen das Tetramin, das ich reinschüttete. Aber vermehrt haben sie sich nicht.
Nach einer Weile fing das Wasser immer zu stinken, und meine Mutter machte das Aquarium sauber.
„Das müßtest ja eigentlich du machen“, sagte sie.
Eines Tages schüttete sie mit dem Brackwasser gleich die Fische mit in die Toilette.
Aus Versehen, natürlich.
Meine Schwester hatte einen Hamster, der täglich im Laufrad seine Runden drehte und ansonsten auch vor sich hinstank. Meine Schwester hatte halt auch keine Lust, den Käfig zu reinigen.
Also mußte meine Mutter wieder mal ran.
Eine Weile hatten wir auch einen Wellensittich, der hieß Gockel, und mein Vater war ganz vernarrt in ihn.
Morgens wurde die Käfigtür geöffnet, Gockel flog raus und landete im frisch gekämmten Haar meines Vaters. Dem machte das aber nichts aus, sondern er amüsierte sich köstlich darüber.
Weniger amüsierten wir uns über die kleinen Scheißbröckchen, die überall herumlagen und häßliche Abdrücke auf dem Furnierholz hinterließen.
Aber das nahmen meine Eltern in Kauf, weil Gockel ja sonst so niedlich war. Wie er da mit seinem Spiegelbild sprach oder so lange mit dem Schlüssel spielte, bis er vom Wohnzimmertisch fiel - da haben wir alle unsere helle Freude gehabt.
Natürlich bekam er auch TRILL mit Jod-S11-Körnchen!
Eines Morgens lag Gockel tot in seinem Käfig und wir waren alle sehr traurig.
Ich legte ihn in eine Zigarrenkiste und begrub ihn auf der Rosenau, einer Grünfläche auf der anderen Wupperseite. Die gehörte auch Drees.
Auf sein Grab legte ich ein Kreuz aus LEGO-Steinen.
Einige Tage später war die Grabstelle ausgebuddelt und Zigarrenkiste wie Kreuz weg.
„Waren wohl die Ratten.“, meinte meine Mutter.
Ratten gab es massig an der Wupper, und manchmal auch bei uns im Keller. Die sollten giftig sein, wenn sie einen bissen, und das taten sie angeblich immer dann, wenn man sie in die Enge trieb.
Also suchte ich immer schnell das Weite, wenn mir mal eine über den Weg lief.
Einmal hat Herr Ebbinghaus eine Ratte mit einem großen Stein erschlagen.
Ein anderes Mal lag eine tote Ratte bei uns auf dem Hof, die war voller Würmer. Die schob ich dann mit einem Stöckchen beiseite, um zu sehen, wie so eine Ratte von innen ausschaut.
Auch meine Mutter war überhaupt nicht gut auf Ratten zu sprechen.
„Dieser lange Schwanz, da läuft mir schon ein Schauer über den Rücken, wenn ich nur davon spreche!“
Weil Mäuse auch einen langen Schwanz haben, mochte meine Mutter auch die nicht. Der Hamster meiner Schwester mit seinem Stummelschwänzchen war ok.
Weil wir nach Gockels Tod alle so traurig waren, kaufte meine Mutter schnell einen neuen Wellensittich in der Zoohandlung. Da war es immer ganz warm und es roch etwas streng.
Lora nannte mein Vater den Ersatzgockel, und Lora war überhaupt kein Ersatz für Gockel. Lora war blöd, traute sich nicht aus dem Käfig und fraß schon gar nicht aus der Hand. Stattdessen hackte sie mit dem Schnabel nach uns.
Wie gut, daß Lora bald starb. Sie wurde auch nicht in einer Zigarrenkiste begraben und bekam auch kein Lego-Kreuz, sondern landete einfach im Mülleimer.
Obwohl die Wupper so verdreckt war, badeten wir manchen Sommer ab und zu darin.
„Was dich nicht tötet, härtet ab!“
Meistens trug ich aber Gummistiefel, wenn ich an der Wupper spielte. Auch sonst trug ich meistens Gummistiefel, weil Schuhe bei mir nie lange hielten.
Schuhkauf war kein Spaß für einen Plattfußindianer wie mich. Meine Ferse ist auch zu klein. Da rutscht du aus jedem Schuh glatt wieder raus, woll.
Einmal probierte ich in verschiedenen Schuhgeschäften über 30 Paar an, ohne Erfolg. Meine Mutter war mit ihrem Latein echt am Ende. Ich sowieso. Schließlich fanden wir in einem Spezialgeschäft für orthopädische Schuhe endlich welche, die passten, Und kosteten prompt 130 Mark. Ein Heidengeld!
Meiner Mutter war’s egal. „Her damit!“
Als ich am nächsten Tag von der Schule nach Hause kam, waren die Schuhspitzen schon völlig abgewetzt.
„Fußball gespielt.“ Meine Mutter hätte fast geheult.
Danach mußten erst mal wieder die Gummistiefel ran.
Mit den Gummistiefeln also durchs Wupperwasser... Stein um Stein zusammenschieben, die Lücken mit Sand und Pflanzen auffüllen, bis ein Damm entsteht... entschlossener Kampf gegen das Wasser, das sich seinen Weg sucht. Das darf nur an bestimmten Stellen durch, wo es dann in kleinen Rinnsalen völlig klar durch den Schlamm sickert.
Ich habe ein KLÄRWERK gebaut! Ich bin ein UMWELTSCHÜTZER!
Wenn es Herbst wurde, vertrocknete der Dschungel und eignete sich somit vorzüglich, um damit beeindruckende Buschfeuer zu entfachen.
Das gefiel mir so sehr, daß ich diese Feuerspiele auch außerhalb der Wupper fortsetzte. Was so an Mülltonnen, Kisten und Papier in unserer Gegend zu finden war, zündete ich an. Und freute mich riesig darüber, wenn weithin sichtbar Qualm aufstieg und allgemeine Aufgeregtheit einsetzte.
Der Leichtsinn folgte auf dem Fuße: Ich knöpfte mir eine Ladung häßlicher, alter Möbel vor, die DÖLL wohl in Zahlung genommen hatte und die nun auf unserem Hinterhof herumstanden.
Wollte ja eigentlich nur mal ausprobieren, wie schnell das brennt.
Es brannte leider verdammt schnell und war auch nicht wieder zu löschen. Plötzlich war der halbe Hof in eine dichte Rauchwolke getaucht.
Schnell zur Haustür gerannt und bei Herrn Lütke vom Möbelgeschäft Döll geklingelt. Der wohnte ja auch hier und kam gleich runter.
Fassungslos sah er, wie das Hof sicher abgestellt geglaubte Gerümpel in Flammen stand.
„Ich kann nichts dafür. Ich habe doch nur geklingelt, weil ich das hier zufällig gesehen habe“.
„Hau bloß ab!“
Er hatte eben auch ganz zufällig gesehen, wie ich kurze Zeit zuvor Waschbenzin auf einer Pfütze verbrannt hatte.
Ich setzte die Experimente in unserer Wohnung fort und hatte gleich eine grandiose Idee: Der Gestank auf der Toilette mußte sich doch eigentlich problemlos beseitigen lassen, indem man die Verursacher des Übels, die Fäulnisgase, einfach verbrannte. (Soviel wußte ich schon über Gase: Fürze brennen!).
Nach jeder Sitzung zündete ich das verwendete Toilettenpapier an, löschte es mit der Spülung und freute mich, daß die üblen Gerüche restlos vernichtet waren.
Allerdings roch es nun verbrannt, was die Sache durchaus problematisierte. Meine Eltern waren von meinen Versuchen nämlich nicht sonderlich begeistert.
Mit den Feuerspielen in der Wohnung war es dann auch vorbei, als ich mein Blatt gnadenlos überreizte. Ich kam auf die Idee, das bereits vielfach erprobte Waschbenzin aus dem Fenster des Kinderzimmers die Hauswand herablaufen zu lassen und anschließend anzuzünden.
Das Feuer sah toll aus, und es folgte auch keine Katastrophe. Jedenfalls nicht für Wohnung und Haus.
Als meine Eltern aber nach ihrem abendlichen Besuch „Beim Schwatten“ aus der Kneipe herauskamen und einen langen, schwarzen Brandstreifen an der Hauswand direkt unter dem Kinderzimmer entdeckten, fürchteten sie das Schlimmste und nahmen die Beine in die Hand.
Zuhause war aber alles ok; ich lag friedlich in meinem Bett und schlief den Schlaf der Gerechten.
Es setzte eine heftige Tracht Prügel und ich beschloß, mich zunächst etwas weniger subversiven Tätigkeiten zu widmen.
WEITER: 22. Kapitel Meine kaputte Verwandschaft |
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- „Ich, ich und nochmals ich - Darf ich es wagen, das zu sagen?“
- Was tun, wenn das Konto leer ist, die Arbeit nicht viel einbringt und die Aussicht auf eine sichere Rente ein einziger Lacher ist? (Idiotenklavier => Vorwort)
- Man müsste Klavierspielen können...
- Kennst Du dieses erdrückende Gefühl totaler Ohnmacht ? (1. Kapitel)
- Kindheit in Schwarz-Weiss
- Irgendwo und irgendwann tauche ICH aus dem Dunkel der Vergangenheit auf. (2. Kapitel - 1960)
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- Geplatzte Träume - Reale Alpträume
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- Nachkriegs- Geschichten aus Spelle und Wuppertal
- Daß Dausenau eine Pleite war, blieb meinen Eltern nicht verborgen. (5. Kapitel - 1965)
- Auswanderung in die Zukunft
- Einen Lichtblick gab’s endlich, als ich fünf war. (6. Kapitel - 1966)
- Der Duft der großen, weiten Welt
- Ich kam in einen neuen Kindergarten ohne Pfaffen und Nonnen. (7. Kapitel - 1967)
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- Die Bierflasche, mein dämonischer Klavierlehrer
- Bier ist ein magisches Getränk. (9. Kapitel - 1967)
- Einschulung multikulti
- Von Spaniern, Griechen und der hohen Politik. (10. Kapitel - 1967)
- Was nicht passt, wird passend gemacht
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- Die Bibel ist an allem schuld!
- Jeden Dienstagmorgen ging es in die katholische Kirche. (12. Kapitel - 1968)
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- Heimatgefühle
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- Bombenhagel und Granaten!
- Plastikant, LEGO, Fischertechnik, was man alles so hatte. (16. Kapitel - 1969)
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- Wie herrlich doch diese Zeit gewesen ist! Wirklich? (17. Kapitel - 1969)
- Heile Welt, falscher Film
- Ferien auf dem Land. (18. Kapitel - 1969)
- Krieg und Sex im Kinderzimmer
- Zu meiner Schwester Anne-Marie fällt mir kaum was ein. (19. Kapitel - 1969)
- Als Hofkanzler auf Weltraumfahrt
- Fürs Leben wirklich wichtige Dinge lernte ich aus Comics und anderen Schundheftchen. (20. Kapitel - 1969)
- Vom Umweltschützer zum Feuerteufel
- Bis tief in die 70er oder gar 80er war die Wupper eine echte Kloake und roch auch so. (21. Kapitel - 1970)
- Meine kaputte Verwandschaft
- Besuche auf dem Klingeholzberg. (22. Kapitel - 1970)
- Die Einschläge kommen näher...
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- Curry scharf, Pommes Mayo
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- Szenen einer Ehe
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