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"Es ist aber auch die Geschichte einer Generation, die in den 60ern aufwuchs, in den 70ern pubertierte und sich in den 80ern im Zentrum des Zeitgeistes wähnte. Nur um in den 90ern in der Medienindustrie oder auf Pennerbänken zu landen..."
Aus dem Vorwort.
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| 18. Kapitel - 1969 |
| Heile Welt, falscher Film |
Meine zweite sechswöchige Verschickung in ein Ferienheim – diesmal hieß es „St. Maria Frieden“ - ging recht entspannt über die Bühne. Meine Mutter schickte mir doch tatsächlich regelmäßig die aktuellen Fix-und-Foxi- und Superman-Hefte, und damit war der Urlaub gerettet.
Auch meine Ferien bei den Verwandten meiner Mutter empfand ich nicht mehr als Alptraum, zumal ich seltener auf den Bauernhof geschickt wurde, sondern meist zu Onkel Bernhard. In seiner Werkstatt schaute ich den Monteuren bei der Arbeit über die Schulter und durfte auch schon mal die Hebebühne rauf- und runtersteigen lassen. Mit der Druckluft aus dem Kompressor brachte ich alte Fahrradschläuche zum Platzen.
Tante Maria, Onkel Bernhards resolute, schwergewichtige Frau, hatte mich mit ihrer einmaligen Küche und insbesondere ihren Rosinenpfannküchlein völlig in der Hand. Und rückte auch schon mal ein Eis oder ein MARS raus. Das gab’s ja massig im Verkaufsraum der Tankstelle.
Wenn Tante Maria gerade nicht in der Nähe und die Gier zu stark war, habe ich auch schon mal was geklaut. Wer kann schon Schokolade widerstehen?
In Spelle selbst war absolut nichts los.
Sechs Wochen Ferien auf dem Land können schon ziemlich lang werden, und wenn mir Schlauchvernichtung und Ausprobieren von Fahrradklingeln und Autohupen zu langweilig wurden und ich auch mit meinen drei Kusinen nichts mehr anzufangen wußte, schwang ich mich auf ein Fahrrad und fuhr in der Gegend herum.
Etwa zum erwähnten Bauernhof meines Onkels Hermann (der Sohn des Bruders der Mutter meiner Mutter... die Jungehüsers eben!) und seiner Frau Maria (In der Gegend hießen alle Frauen Maria oder Anna, wirklich!), zu denen ich schon einen guten Draht hatte, wenn ich nicht meine kompletten Ferien bei ihnen verbringen mußte. Dann fuhr ich mit Onkel Hermann per Trecker aufs Feld, wälzte mich im Getreide des Kornsilos oder machte mir einen Spaß daraus, im Schweinestall die Tiere in helle Aufregung zu versetzen.
Ein Schweinestall ist ein interessanter Ort.
Zur Fütterungszeit ein Höllenlärm. Die Viecher stellen sich auf die Hinterbeine, brüllen, was das Zeug hält, als würden sie verhungern. Weißer Schaum läuft am Maul herab. Dann eimerweise so ein trockenes Zeugs in die Tröge, Wasser hinterher. Es folgt ein Schmatzen, sowas hast du noch nicht gehört!
Schweinegeburt: PLOPP-PLOPP-PLOPP! Ferkelweitwurf im Dreivierteltakt. Da knallt auch schon mal eins gegen die Stallwand. Die rappeln sich aber sofort auf, und ab geht’s zur Mutterbrust, wo sie sich um die besten Plätze prügeln.
Süß, die kleinen Steckdosen!
Und das Fell ist noch so weich und weiß. Und Läuse wie die großen Schweine ham sie auch noch nicht.
Einige Wochen später geht Onkel Hermann mit der Rasierklinge zur Sache. Die Hälfte der Ferkel hat da nämlich so ein Geschwür zwischen den Beinen. Das muß abgemacht werden. Blutige Sache!
„Willst du auch mal?“
„Nee, lieber nicht...“
Kühe sind geduldige Viecher. Sie geben Milch und sind schwer auf die Palme zu bringen. Aber das mußte doch irgendwie hinzukriegen sein!
Ist ganz einfach: Brauchste bloß vor der Herde ein bißchen Alarm machen, so daß sie dich alle anglotzen. Dann einfach wegrennen, und schon galoppieren 30 Kühe hinter dir her.
Da wackelt der Euter!
Na, schaffen ich es rechtzeitig, den rettenden Zaun zu erreichen??
Ich schaffte es immer!
Mit den Bullen wage ich solche Spielchen allerdings lieber nicht. Das ist mir dann doch zu heiß.
„Wenn die erst mal durchdrehen!“, hat meine des öfteren Mutter gewarnt!
Den Kälbern im Stall hielt ich Gras vor Maul, weil ich es toll fand, wenn sie mit ihrer langen Zunge nach dem Grünzeug angelten. Gestreichelt habe ich sie natürlich auch, aber das brachte mir nach meiner Rückkehr einen häßlichen Ausschlag ein. Der wurde dann mit einer Tinktur behandelt, die bestialisch stank.
Das macht keine Freunde, wirklich nicht. Zumal in der Schule und auf dem Hinterhof alle über mich lachten.
Sonntags traf sich das ganze Dorf in der Kirche – also auch wir - und es gab zu Mittag einen Sonntagsbraten mit einleitendem Tischgebet.
„Herr sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.“
Nicht daß wir uns falsch verstehen: Gebetet wurde natürlich zu jeder Mahlzeit!
Später spielte Onkel Bernhard auf seiner Trompete (oder imitierte das auf mysteriöse Weise, indem er seinen Mund zum Blasebalg machte). Wenn die Sonne schien, verbrachten wir den Nachmittag im rückseitig zum Haus gelegenen Garten oder plantschen im Plastikschwimmbecken.
Ich habe dieses Stück ziemlich oft langweiliger, aber heiler Welt schließlich wirklich genossen, obwohl ich weiß, daß die Verwandten meiner Mutter es trotzdem oft nicht leicht mit mir hatten.
Ich war ein Schmutzfink, ich war renitent und ich war ein Dieb. Und meiner Kusine Ursula habe ich mal eine verpasst. Machte keinen guten Eindruck, wirklich!
Und obwohl ich es eigentlich in Spelle ganz schön fand, erschien mir diese heile Welt dort irgendwie unwirklich. Wenn es dann zurück nach Wuppertal ging, war ich nur noch froh, der Idylle zu entfliehen. Nur schnell nach Hause - zurück in einen anderen falschen Film, in dem ich mich aber mittlerweile besser auskannte.
Oma Spelle starb, als ich zehn war. Meine Mutter hat aber nicht geweint. Glaube ich.
WEITER: 19. Kapitel Krieg und Sex im Kinderzimmer |
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- „Ich, ich und nochmals ich - Darf ich es wagen, das zu sagen?“
- Was tun, wenn das Konto leer ist, die Arbeit nicht viel einbringt und die Aussicht auf eine sichere Rente ein einziger Lacher ist? (Idiotenklavier => Vorwort)
- Man müsste Klavierspielen können...
- Kennst Du dieses erdrückende Gefühl totaler Ohnmacht ? (1. Kapitel)
- Kindheit in Schwarz-Weiss
- Irgendwo und irgendwann tauche ICH aus dem Dunkel der Vergangenheit auf. (2. Kapitel - 1960)
- Suhlen im eigenen Angstschweiss
- Ach nee, schon wieder einer, der mit der Nummer „Schlimme Kindheit“ ankommt, nicht wahr? (3. Kapitel - 1963)
- Geplatzte Träume - Reale Alpträume
- Von Flaschen und fröhlichen Urlaubserlebnissen... (4. Kapitel - 1964)
- Nachkriegs- Geschichten aus Spelle und Wuppertal
- Daß Dausenau eine Pleite war, blieb meinen Eltern nicht verborgen. (5. Kapitel - 1965)
- Auswanderung in die Zukunft
- Einen Lichtblick gab’s endlich, als ich fünf war. (6. Kapitel - 1966)
- Der Duft der großen, weiten Welt
- Ich kam in einen neuen Kindergarten ohne Pfaffen und Nonnen. (7. Kapitel - 1967)
- Benzotop im Hinterhof
- Bevor wir in die Berliner Straße eingezogen, hatte ich keine Freunde. (8. Kapitel - 1967)
- Die Bierflasche, mein dämonischer Klavierlehrer
- Bier ist ein magisches Getränk. (9. Kapitel - 1967)
- Einschulung multikulti
- Von Spaniern, Griechen und der hohen Politik. (10. Kapitel - 1967)
- Was nicht passt, wird passend gemacht
- Die eigentliche Einschulung erlebte ich als eine tolle Sache. (11. Kapitel - 1968)
- Die Bibel ist an allem schuld!
- Jeden Dienstagmorgen ging es in die katholische Kirche. (12. Kapitel - 1968)
- Schatzgraben nach Schundheftchen
- Wie ich rettungslos den Comics und Bildgeschichten verfiel. (13. Kapitel - 1968)
- Heimatgefühle
- Schundliteratur vermittelte mir zum ersten Mal ein Gefühl von ZUHAUSE. (14. Kapitel - 1968)
- Eine Fernsehkindheit
- Über meine heißgeliebten Comics ging gar nichts, aber daneben fand ich natürlich auch fernsehen toll. (15. Kapitel - 1968)
- Bombenhagel und Granaten!
- Plastikant, LEGO, Fischertechnik, was man alles so hatte. (16. Kapitel - 1969)
- Ich liebte ein Arschloch!
- Wie herrlich doch diese Zeit gewesen ist! Wirklich? (17. Kapitel - 1969)
- Heile Welt, falscher Film
- Ferien auf dem Land. (18. Kapitel - 1969)
- Krieg und Sex im Kinderzimmer
- Zu meiner Schwester Anne-Marie fällt mir kaum was ein. (19. Kapitel - 1969)
- Als Hofkanzler auf Weltraumfahrt
- Fürs Leben wirklich wichtige Dinge lernte ich aus Comics und anderen Schundheftchen. (20. Kapitel - 1969)
- Vom Umweltschützer zum Feuerteufel
- Bis tief in die 70er oder gar 80er war die Wupper eine echte Kloake und roch auch so. (21. Kapitel - 1970)
- Meine kaputte Verwandschaft
- Besuche auf dem Klingeholzberg. (22. Kapitel - 1970)
- Die Einschläge kommen näher...
- Krankheiten und Operationen waren kein Privileg meines Großvaters. (23. Kapitel - 1970)
- Curry scharf, Pommes Mayo
- Mein Sinn für niedere Werte zieht sich durch mein ganzes Leben wie ein roter Faden. (24. Kapitel - 1970)
- Szenen einer Ehe
- Daß die Ehe meiner Eltern auf einem nicht gerade stabilen und liebevollen Fundament stand, solltet ihr mittlerweile mitbekommen haben. (25. Kapitel - 1970)
- Mach' kaputt, was dich kaputtmacht!
- Scheiße, wenn man keine Freunde hat! (26. Kapitel - 1971)
- Sex, Sexta, Subdominas
- Auf dem „Carl-Duisberg-Gymnasium“ herrschten ganz andere Sitten. (27. Kapitel - 1971)
- Das Monster, das sie schufen...
- Ich begann meine eigene Mauer zu bauen. (28. Kapitel - 1971)
- Unser Klugscheisser im All
- Nachrichtensendungen im Fernsehen fand ich unglaublich unterhaltsam. (29. Kapitel - 1972)
- Die kleine Kneipe in unserer Strasse
- In meiner Familie ing es einen Schritt weiter Richtung Abgrund. (30. Kapitel - 1972)
- No More Mr. Nice Guy
- Wie bloß ich die Anerkennung meine Altersgenossen zurückgewinnen? (31. Kapitel - 1973)
- Sein bester Kunde - Die letzte Runde!
- Hatte ich bereits erwähnt, daß mein Vater sein bester Kunde war? (32. Kapitel - 1973)
- I Lived With a Talking Zombie
- Mit der „Bauernstube“ war mein Alter seiner Heimat beraubt worden. (33. Kapitel - 1973)
- Theaterdonner in Teenieherzen
- An Hausaufgaben war nicht mehr zu denken. (34. Kapitel - 1973)
- Im Zickzack zum Durchblick
- Meine schleichende Politisierung machte kräftige Fortschritte. (35. Kapitel - 1973)
- Fast ein Rockstar
- Eines Tages lief mir eines Tages Frank über den Weg. (36. Kapitel - 1973)
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