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  "Es ist aber auch die Geschichte einer Generation, die in den 60ern aufwuchs, in den 70ern pubertierte und sich in den 80ern im Zentrum des Zeitgeistes wähnte. Nur um in den 90ern in der Medienindustrie oder auf Pennerbänken zu landen..."
Aus dem Vorwort.
 
     
 
16. Kapitel - 1969
Bombenhagel und Granaten!
Plastikant, LEGO, Fischertechnik, was man alles so hatte. Wichtiger war, was man NICHT hatte. Einmal im Jahr wurde bei Drees Spielzeug entsorgt, da sorgte meine Mutter dafür, daß ich was abstauben konnte. Interessant die Scheiben mit den Mini-Dias drin. Schade, daß der Betrachter nicht dabei war. Also einfach die Dias rausgepult und zu einem Streifen zusammengeklebt. Für meinen eigenen Filmprojektor, den ich bestimmt irgendwann haben würde.

Aber die Magneten mit den Marienkäfern drauf waren toll. Damit konnte man Geldmünzen auf geheimnisvolle Weise über den Tisch bewegen.


Wieso mußten alle tollen Sachen so viel Geld kosten? Warum hatten meine Eltern keinen Spielwarenladen? Den von nebenan müßte man haben, SPIELWAREN BERG hieß das Geschäft. Da lungerte ich immer draußen herum und versuchte, einen Blick nach innen zu erhaschen. Oder drückte mir am Schaufenster die Nase platt und träumte und von neuen LEGO-Modellen oder gar einer DAMPFMASCHINE. (die mit den tollen, weißen Mini-Briketts zum ANZÜNDEN...)!


Zu Weihnachten lagen bei der Bäckerei Peters (Brötchen zehn Pfennig, Kassler Brot einszwanzig) Lebkuchenhäuser im Schaufenster. Mit denen würde ich gerne „Hänsel und Gretel“ spielen! Das ging natürlich nicht mehr, wenn ich das Haus aufgegessen hätte.

Aber eh egal. Alles viel zu teuer!


Zum Geburtstag bekam ich eine LEGO-Eisenbahn. Die Schienen haben nie gereicht.


Am LEGO-Wettbewerb von Spielwaren Schneider am Werth nahm ich mit einer Klappermaschine teil. Die klapperte eben so rum, mehr war mir nicht eingefallen.

Ich verstand schon, daß nicht ich gewann. Aufs Siegerpodest kamen dann irgendwelche Kinder, die riesige Häuser, Landschaften und Maschinen abgeliefert hatten.

„Da haben doch die Eltern mitgeholfen, das sieht doch ein Blinder“, sagte dazu meine Mutter voller Verachtung.

Alles Beschiß, aha. So ging das also.

Und meine Klappermaschine war auch kaputt, als ich sie wieder aus dem Geschäft abholte.


Eine CARRERA-Bahn hätte ich gerne gehabt, schwarze Achter-Strecke und automatische Rundenzählung. Stattdessen bekam ich eine graue Kreisstrecke von der Billigkonkurrenz.

Na,immerhin.

Die Plastikführungen, die die Autos auf der Bahn hielten, hielten nicht lange. Klar, miese Qualität, und dann noch immer feste auf die Tube, bis der Rennwagen aus der Kurve flog. Gut, klemmte ich eben abgebrochene Streichhölzer rein. Ging ja auch.

Zumindest eine Viertelstunde. Man muß sich eben zu helfen wissen.


Eines Tages war SPIELWAREN BERG geschlossen und die Scheiben von innen mit Packpapier zugeklebt.
„Bauen die um?“

Das kannte ich schon von Döll. Der wollte bei seiner Schaufensterdekoration ja auch keine neugierigen Blicke.

„Nee, der macht zu. Hat wohl die falschen Sachen eingekauft. Die gingen nicht.“, sagte meine Mutter.

Wie, eingekauft? War doch ein Verkäufer!


Jeden Samstag Fichtennadelbad mit viel Schaum, über den ich die mit Seife eingeriebenen Hände strich und ihn so in heldenhaften Kämpfen VERNICHTETE. Dazu wilde Lieder.

Müßte doch eigentlich auch möglich sein, in der Badewanne eine Seeschlacht nachzustellen. Das stellte ich mir wirklich gigantisch vor.

Wasser wäre nicht das Problem, und ein paar Inseln aus Sand auch nicht. Fehlten nur noch ein paar imposante Schiffe - so wie bei „Sir Francis Drake“ aus dem Fernsehen. Die müßte ich mir doch nur aus den Bausätzen von REVELL oder AIRFIX zusammenbauen. Sie wie Herr Seldschopf, der hatte echt Riesendinger. Meine Schiffe würde ich dann natürlich später mit Krachern versenken, klar!

Keine halben Sachen!


Meine Mutter hatte Frau Seldschopf erst neulich zufällig auf der Straße wiedergetroffen.
„Hach, wie schön, woll!“

So eine lange Blonde, die kannte sie noch von früher aus dem Augustinerstift, da hatten beide ihr Kind zur Welt gebracht.

Mann, hat Frau Seldschopf geheult, als sie dreißig geworden ist! „Oh Wasser!“, seufzte sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Dreißig, das war wohl schon ganz schön alt.


Kauf ich mir also den Modellbausatz eines alten Segelschlachtschiffs und mache mich ans Werk. Scheiße. Ist das viel Kleinkram! Sooo... den Klebstoff an die Klebekante, zusammendrücken. Quillt das Zeugs am Rand raus, mit den Fingern abwischen. Jetzt geht das Scheißteil plötzlich wieder ab, bleibt an den Fingern kleben. Geht auch nicht wieder dran, wird immer weicher. Weg damit!

Um es kurz zu machen: Ich scheiterte gnadenlos und komplett! Die Finger voller UHU, der Kunststoff voller UHU. Das Schiff wurde häßlich und häßlicher, bis ich es in einem Wutanfall zerschmetterte und in den Müll warf.


Naja, erst mal was einfacheres, ist wohl besser. Flugzeuge vielleicht.

Also wieder rein in den Laden. Diesmal eine britische HARRIER aus dem Zweiten Weltkrieg. Sah doch puppenleicht aus. Nun noch ein paar passende Farben dazu, die würden die Klebestellen gut abzudecken. Trick 17!

Und gleich noch eine SPITFIRE dazu. Die hatte auch noch so ein Maul zum Aufkleben. Die Aufkleber waren eh das beste.
Der Zusammenbau ging halbwegs fix über die Bühne. Dann schnell die Farben drüber, zuletzt die Aufkleber. Sah aber trotzdem Scheiße aus. Gar nicht wie auf der Packung.

Ich sah ein, daß Handwerk für mich keinen goldenen Boden besaß.


Irgendwann gingen auch diese Modelle in die ewigen Jagdgründe ein, als ich sie mit Krachern bestückte und vom Balkon warf. Zuvor nur noch ein bißchen Waschbenzin drauf, damit die Dinger ordentlich brannten.

Sah das geil aus, wenn die Flieger mit einem Feuerschweif auf den Hof krachten und explodierten!

Krieg war eigentlich gar nicht so schlecht.


Einen kleinen Vorrat Böller hatte ich immer. Die konnten wir Kinder natürlich offiziell nirgendwo kaufen, aber es gab immer jemanden mit einem hilfreichen älteren Bruder. Oder andere, die Geschäfte kannten, die auch an Kinder was rausrückten. Das waren echte Geheimtips.

Wenn man so ein Geschäft betrat, war völlig klar, daß keine dummen Fragen angesagt waren (etwa: „Verkaufen Sie auch an Kinder?“ oder „Wissen sie eigentlich, daß das verboten ist?“).
Man stellte sich aus den Kisten einfach die begehrten Stücke zusammen und betete innerlich zum Lieben Gott, daß der Geheimtip nicht zu geheim war.

Hat aber eigentlich immer geklappt..


Und dann das Zeugs hinein in die Hausflure, ab geht die Post!

Viel Knaller für wenig Geld, das ist das Beste. Also kaufe ich Matten mit Zischkens für 50 Pfennig das Stück. Dann einfach auffisseln, und schon haste eine tolle Zündschnur und massig Mini-Knaller. Die kann man sogar in der Hand explodieren lassen. Aber Augen zu!


War Silvester das große Geknalle schließlich vorbei, suchte ich meist am nächsten Morgen die Umgebung ab, um aus den Blindgängern der vergangenen Nacht DIE GROSSE BOMBE zu bauen.

Scheiße, wenn Schnee lag. Dann mußte man ewig warten bis das Pulver wieder trocken war.

Aber ein herrliches RRRRUUUMMMS entschädigt für manches.


WEITER: 17. Kapitel
Ich liebte ein Arschloch!
 
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