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  "Es ist aber auch die Geschichte einer Generation, die in den 60ern aufwuchs, in den 70ern pubertierte und sich in den 80ern im Zentrum des Zeitgeistes wähnte. Nur um in den 90ern in der Medienindustrie oder auf Pennerbänken zu landen..."
Aus dem Vorwort.
 
     
 
10. Kapitel - 1967
Einschulung multikulti
Sommer 1967: Nachdem in Berlin der Polizist Kurras den Studenten Benno Ohnesorg bei einer Demo gegen den Schah von Persien erschossen hatte, verbrachten meine Eltern ihren ersten richtigen gemeinsamen Urlaub im damals aufkommenden Urlauberparadies Mallorca. Wir Kinder fuhren einmal mehr zu unseren Onkels und Tanten nach Spelle.

Wieder zuhause, bestaunten wir die fremdartigen Dinge, die Mama und Papa aus Spanien mitgebracht hatten. Zum Beispiel einen Satz gefährlich aussehender Mini-Stiere aus Plastik. Denen man gleich ein paar dieser bunten Fisseldinger implantiert hatte, die Stierkämpfer gewöhnlich den Tieren in den Rücken zu rammen pflegen. Schade nur, daß das Fell sich nach einigen Stunden intensivstem Spielsatz bereits abzulösen begann.
Pappa hatte auch zwei Schallplatten mit Mallorca-Musik erstanden, die wir aber nur bei Bekannten anhören konnten, weil es zuhause keinen Plattenspieler gab.

Richtig dunkel waren die beiden auch geworden, wo meine Mutter allerdings eher krebsrot rüberkam und mein Vater kräftig schmutzigbraun.

„Pah. Alles Kneipenbräune. Der war doch kaum am Strand.“, kommentierte meine Mutter trocken.

So erfuhr ich zum ersten Mal etwas über Spanien, was irgendwie das gleiche wie Mallorca war.


Kurz darauf wurde ich als Kleinster und Ältester meines Jahrgangs in die katholische Grundschule Wuppertal-Wichlinghausen eingeschult.

Nun, Spanier gab’s auf meiner Schule keine, aber jede Menge Griechen, von denen man uns sagte, daß sie auf irgendeine andere Art wie wir katholisch seien und deshalb eben auf diese Schule gehörten.

Einer der griechischen Lehrer hieß Papadopoulos, genauso wie der Chef-Obrist, der sich ebenfalls 1967 in Griechenland an die Macht geputscht hatte.

Wie ich das mitbekommen habe? Weiß nicht, ich verfolgte halt immer aufmerksam, was so in der Flimmerkiste lief. Und Namen, die irgendwas mit PAPPA zu tun haben, fallen einem als Sechs- oder Siebenjährigen schon ins Auge!


Bereits mit 6 oder 7 kullerten diverse politische Begriffe, Namen und Ereignisse wild und völlig zusammenhanglos in meiner kleinen Murmel herum. Ich kannte Willy Brandt (interessanter Name, aber KEIN Feuerwehrmann, sondern der Favorit meines Vaters) und Ludwig Erhard (der Dicke mit der Zigarre), wußte, daß Adenauer tot war und kann mich noch daran erinnern, wie meine Mutter ganz betroffen davon erzählte, daß auch der andere Kennedy-Bruder, Robert, erschossen worden war.


Irgendwann sah ich bei meiner Omma im Fernsehen einen Mann, der immer Feldzüge machte und sehr laut und unverständlich brüllte. Als ich meiner Omma erzählte, daß in meiner Klasse einer sei, der genauso hieß, schüttelte sie nur ungläubig den Kopf.

„Doch“, belehre ich sie, „der aus meiner Klasse heißt Olaf Fickler, das weiß ich genau!“


Die meisten Griechen wurden in eigenen Klassen von griechischen Lehrern unterrichtet, vom besagten Papadopoulos etwa. Wieso das so war, weiß ich nicht. Es gab aber auch in unserer Klasse immer ein oder zwei griechische Mitschüler. Zum Beispiel Dimitrios Progios, der schnell einer meiner besten Freunde wurde.

Von ihm bekam ich auch meine erste ökologische Lehrstunde.
„Weißt Du, Peter, bei uns in Griechenland gibt es keine Müllberge. Die ganze Scheiße und Pisse wird einfach ins Meer geleitet, verstehst Du? Das ist doch viel sauberer als hier in Deutschland!“


Ja, die Griechen waren doch irgendwie anders als wir: Sie sahen anders aus, sprachen eine merkwürdige Sprache, sie rochen anders und verkehrten in mehrwürdigen Spelunken mit unlesbaren Buchstaben drauf.

Die Männer, die darin saßen, spielten meist Karten und sahen immer unrasiert aus. Manchmal sah man aber auch gar nichts, weil die Scheiben abgedunkelt waren. Naja, die hatten wohl was zu verbergen. Schließlich trugen sie ja auch immer ein Messer, wie man sich zuflüsterte. Gefährlich, gefährlich!

Mit den Griechen-Kindern aber spielten wir in den Schulpausen mit leeren Joghurtbechern bis zur Erschöpfung Fußball. Die Griechen waren allerdings viel härter drauf als wir.

„Warum halten die immer zusammen, die Scheiß-Griechen! Wieso machen wir das nicht?“


Mitten auf dem Schulhof. Gerangel, Rumgelaufe, irgendwer ärgert irgendwen. Urplötzlich springt ein griechisches Mädchen vor, an ihr Stirnband erinnere ich mich noch, und beginnt mich zu würgen.

Und dann ist sie wieder weg.

Ich habe mich sofort in sie verliebt. Ohne Erfolg versuche ich anschließend wochenlang, sie auf dem Schulhof wiederzufinden.
Irgendwie sehen die Griechen doch alle gleich aus.


So bekam ich meine multikulturelle Grundausbildung.


Ich bekam allerdings auch mit, daß viele auf die Griechen wirklich nicht gut zu sprechen waren:
„Das mit den vielen Scheiß-Ausländern hat doch erst nach dem Krieg angefangen. Früher gab’s hier nur Deutsche!“

Das sagte jedenfalls die dicke Dagmar aus dem Nebenhaus,
Hmmmm... wieder dieser mysteriöse „Krieg“!


Als ich meine Mutter eines Tages fragte, ob denn die „Ausländer“ nicht so viel wert seien wie wir Deutsche (ich erinnere mich nicht mehr an die genaue Formulierung...), meinte sie:
„Ein bißchen schon. Die Italiener z.B., die sind ein echt falsches Volk. Die haben uns auch im Krieg verraten.“

Während meine Mutter sich heute nicht mehr vorstellen kann, derartiges jemals gesagt zu haben, weiß ich noch sehr genau, wie ich mich darüber ziemlich aufgeregt habe.
„Falsches Volk“ ... so ein Schwachsinn! War denn nicht jedes Volk automatisch ein „richtiges Volk“?

Außerdem gingen wir doch alle so gerne in die italienische Eisdiele „Cortina“, wo damals eine Kugel Eis 10 Pfennig kostete.
Im Fußball allerdings, das sah ich bald ein, waren die Italiener schon ziemlich üble Typen. Foulen, mauern, sterbender Schwan - das konnten sie! Jaja, und mit Mädchen rummachen!

WEITER: 11. Kapitel
Was nicht passt, wird passend gemacht
 
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