eintragen
austragen
 
 
     
  "Wenn ich die Worte Kunst oder Kultur höre, entsichere ich zunächst einmal meine Dienstwaffe"
Nazi-Morphinist HERMANN GÖRING, so oder ähnlich in einem seiner wenigen lichten Momente...
 
     
 
Bunkerbrief Nr.15/1995
Friss Scheisse und sei stolz drauf!
Du bist jung? Klar, hältst Dich für irgendwie "anders" und bist bombensicher, NIE so zu werden wie die ganzen 30jährigen Yuppies! Scheiß auf die Kohle, es gibt wichtigeres, z.B. die neue SICK-OF-IT-ALL-Scheibe, einen Joint oder eventuell die aktuelle Sexismus-Debatte.

Aber vielleicht bist Du ja auch auf der anderen Seite: 30 Jahre alt, arbeitest hart im Beruf und gibst Dein schwer verdientes Geld für Wohnzimmereinrichtung, Urlaub und Auto aus. Unter zwoacht netto läuft da gar nichts mehr, schließlich ist das Leben verdammt teuer. Scheiß auf Ideale, Du bist Realist und hast nur ein trockenes Lachen für die ganzen Spinner übrig, die es immer noch nicht geschafft haben, erwachsen zu werden.

Auch Helmut Kohl erkannte kürzlich bei einer CDU-Wahlveranstaltung angesichts krakeelender Störer ganz richtig: "Wenn die mal arbeiten gehen und Steuern zahlen, dann werden dann noch CDU-Wähler!"

Das ist das Kennzeichen einer anderen perversen Veranstaltung namens "Gesellschaft": Eine Krankheit, die im Laufe der Zeit fast jeden erfaßt. Die Kids reißen selbstgerecht die Fresse auf, bis der ständige Terror, der auf Ihre Gehirne ausgeübt wird, schließlich fast jeden dazu bringt, zu glauben, irgendetwas zu verpassen, wenn man nicht endlich mitmacht.

Aufgepaßt: Man versäumt ein wunderschönes Leben, wenn man sich abseits stellt: Teure Autos, tolle Klamotten und ähnlich schöne Dinge, und auch die Bahamas sollen ein toller Urlaubsort sein. Vielleicht ist Welt ja doch ok...

Die Typen zwischen 28 und 35, die Generation also, aus der ich komme, sind die größten Weicheier. Eigentlich interessiert sie nur noch, endlich ein warmes Plätzchen mit Fickpartner, Job und Hund zu ergattern - sofern sie noch keins haben. Gerne gehen sie in ihren Hobbys auf, sei es nun Fußball, die Plattensammlung oder das Lesen von Reisebüchern zur Vorbereitung des nächsten Urlaubs. Alles kleine Brötchen, wobei früher nur die megagroßen gerade gut genug waren.

Wobei natürlich klar ist, daß die Kids von heute keineswegs so gut drauf sind wie man selbst in jungen Jahren, denn die ersetn Anzeichen der Alzheimerschen Krankheit lassen diese Frührenter vergessen, daß sie noch einige Jahre zuvor hemmungslos Bier, Pillen und Dope vertilgt haben und auch sonst für jeden Scheiß zu haben waren.

Ansonsten geht einem alles am Arsch vorbei, und erst recht die Dinger, die einem früher mal wichtig waren. Das "richtige Leben" ist jetzt angesagt, und so wird auch Scheiße plötzlich zu einer leckeren Köstlichkeit.

Meinte doch glatt ein Ex-Kumpel: "Tja, Nagel, früher wollten wir als Punk gut aussehen, und heute eben als Mann!" Sprach's und freute sich an seinem Schnauzbart, diversen Wässerchen und einem Stapel korrekt ausgeführter Kampfsportübungen. Fehlt nur noch Goldkettchen und Solarium-Zehnerkarte, aber das sind ja vergleichsweise kleine Schritte.

Und weil unsere so Gereiften endlich ihren Frieden mit dem Scheißefressen gemacht haben, sind sie klasse im Erfinden von obskursten Begründungstheorien, um ihr widersprüchliches Verhalten zu rechtfertigen. Sei es, weil man ja nun endlich zu alt für dieses ganze Rumgerenne geworden ist - ooch, diese armen 30jährigen Greise, so jung und schon so müde! - oder, weil man lieber im Kleinen was macht - prima Notlüge, denn eigentlich läuft auch da nix - oder weil man mittlerweile eingesehen hat, daß man nichts verändern kann. Aber im Job, da verändert Ihr was, oder?

Und die ganz Harten haben dann die völlig verquasten weltumspannenden Verschwörungstheorien. Jaja, der Mensch ist nicht gut, und es hat sich ja gezeigt in 100.000 Jahren Menschheitsgeschichte, daß engagierter Widerstand nichts bringt, weil ja doch keiner die Wahrheit hat blablabla - Wenn diese Typen doch wenigstens zu Priestern würden, dann wären sie mit ihren Stirnfalten immerhin noch ein wenig glaubwürdig, aber außer einem regelmäßigen Besäufnis fällt ihnen dann doch nichts mehr ein.

Anstatt diese Sicherheit, in der sie leben, als Basis zu benutzen, um wenigstens im Stillen ein wenig Sabotage zu üben. Aber das wird natürlich nicht gemacht, weil Fernsehprogramm, Party und Kneipe doch spannender sind.

Diese 30jährigen kannst Du doch glatt in die Rente entlassen, wenn Du Dir mal anschaust, wie schnell die verkalken und nur noch ihren Rentner-Mikrokosmos wahrnehmen.

Das habe ich übrigens auch daran gemerkt, daß in falst allen Städten die Alt-, Ex- und Rentnerpunks behaupten, außer ihnen und ihren alten Kumpels gäbe es keine Punks mehr in ihrer Stadt. Naja, bei genauerem Nachfragen geben sie vielleicht "ein paar bunthaarige Penner" zu, aber woher die Massen von Kid-Punks auf dem CHAOS-TAG 94 herkamen, können sie mir nicht erklären.

Das liest Du gerne, nicht wahr? Denn Du bist 20, trägst die Nase hoch und hältst Dich für unbesiegbar! Aber keine Bange. Ihr werdet Euch auch noch zu vollkommenen Erwachsenen weiterentwickeln. Dann wird alles genauso, wie es Dir Deine Alten vorausgesagt haben: Nach der Arbeit hast Du keine Zeit mehr, bist zu ausgelaugt, um irgendetwas zu tun. Und überhaupt, hat ja eh keinen Sinn. Du mußt ja auch an die Kinder denken, man kann nicht mehr so, wie man will!

Schaut Euch die Kids von heute an: Sie lieben Ihre Plattensammlung, sagen ihre Meinung, wollen gerne kritisch sein, sind fasziniert vom irrege geilen Ghettofeeling. Deshalb hören sie auch Rap, weil man da so schön vom wilden Leben träumen kann. Da ist so ähnlich wie '71, als man mit seiner Freundin Led Zeppelin hörte. Sympathisch & unverbindlich, aber auch nicht angepaßt.

So weit, so gut. Aber: Warte ein paar Jahre, gib ihnen einen Job, und der Ernst des Lebens beginnt. Die wilde Zeit wird unter dem Kapitel "Jugenderfahrungen" abgehakt, und dann geht's ans Geldverdienen. Z.B. damit, die tollen Sachen von "damals" in exakt die Form zu gießen, die man vorher bekämpft hat. Alt und jung, arrogant und Scheiße, attraktiv und preiswert!

Genau deshalb ist Rock-Musik zu einem Haufen Dreck verkommen und ebenso Hardcore und der ganze andere Rotz.

Damals, vor über 13 Jahren, als ich erstmals mit Lederjacke und bunten Haaren durch die Gegend rannte, besuchte ich einmal Rainer. Rainer war gerade 30 geworden, aber noch einige Jahre zuvor fleißig krawallierend bei jeder Demo durch die Straßen Berlins gezogen. Als ich ihn fragte, wieso ihm plötzlich Familie und Studium viel mehr bedeuteten, dachte er kurz nach und meinte: "Irgendwie... ist da ein Feuer erloschen...!"

Ich bekam eine Gänsehaut und gleichzeitig jede Menge Angst vor dem Tag, an dem ich genauso ausgebrannt einen Schlußstrich ziehen würde.

Im Laufe der Jahre begannen sich die Reihen zu lichten, und es ist schon ziemlich schlimm, mitanzusehen, wie der Freundeskreis nach und nach kalte Füße bekommt, um sich noch ein warmes Plätzchen zu sichern.

Und das ist ja auch nicht das schlechteste, nicht wahr? Zumindest besser, als sich mit Pennern und von Drogen zerfressenen Alt- und Expunks auf alte Zeiten zuzuprosten oder sich auf andere Weise das Hirn wegzuballern. Oder, fast noch schlimmer, wie dieser spätpubertierende Giftspritzer Karl Nagel aus purer Begeisterung immer noch so einen Scheiß zu machen, der keine müde Mark bringt. Wo der doch so talentiert ist und mit seinen Ideen bestimmt einen guten Job in der Werbeabteilung der EMI kriegen könnte.

Ihr könnt mich mal. Ihr gehört jetzt zu denen, die für Ordnung sorgen - ich ziehe es auch weiterhin vor, mich mit den Leuten rumzutreiben, die Spaß am Chaos haben. Ich weiß, daß Euch das gar nicht gefällt.

Schließlich gehört Ihr jetzt zu denen, die nachher unseren Dreck wegräumen müssen.

Ach ja... das habe ich Euch ja schon zu Beginn dieses Heftes unter die Nase gerieben... werde wohl langsam alt...

WEITER: Bunkerbrief Nr. 16
"Anti-Politik gegen den Machbarkeitswahn"
 
Kommentare
(Ergänzung schreiben)

zum Seitenanfang
 
     
 
Du feige Sau!
Zum Geleit... (->Vorwort/1995)
Es ist 1976 und es gibt NICHTS!!!!
Lieber ein Neandertaler als ein Plattensammler! (Bunkerbrief Nr.01/1995)
Raus aus dem Bunker - Ran an die Front!
Unterwegs auf Schlachtfeldern aller Art... (Bunkerbrief Nr.02/1995)
Leben aus Zweiter Hand
Ficken wie bei Theresa Orlowski - auf der Suche nach dem echten Leben! (Bunkerbrief Nr.03/1995)
Warum wir Schirinowski brauchen!
Wie der No-Future-Messias das Leben wieder lebenswert macht. (Bunkerbrief Nr.04/1995)
Herrenmenschen dürfen töten - Untermenschen müssen sterben!
Über die angeborene Einzigartigkeit der eigenen Existenz! (Bunkerbrief Nr.05/1995)
Im Namen des Herrn: Kampf dem Faschismus! Weg mit dem Scheiss-System!
Antifaschismus als pseudoreligöse Droge (Bunkerbrief Nr.06/1995)
"Kein Jude wurde je vergast"
Karl Nagel, ein Vertreter der roten Auschwitz-Lüge - eine schlüssige Beweisführung! (Bunkerbrief Nr.07/1995)
Terror führt zum Ziel!
Eine todsichere Methode für effektive Politik (Bunkerbrief Nr.08/1995)
Musik ist ein einziger übelriechender Kotzbrocken!
Kotz! Brech! Würg! Nicht zum Aushalten! (Bunkerbrief Nr.09/1995)
"Hardcore"? - Da lachen ja die Hippies!
Das Scheitern der Idee eines "more than music"... (Bunkerbrief Nr.10/1995)
Zurück in die Steinzeit: No Culture!
Und wieder einmal: Der Neandertaler als wahrer Mensch! (Bunkerbrief Nr.11/1995)
Diesmal ist es wirklich das System!
Über Nazis, die gar nicht wissen, daß sie welche sind. (Bunkerbrief Nr.12/1995)
Punk - Das Geschwür am Arsch der Gesellschaft!
Wieso Punk-Hakenkreuze ok sind. (Bunkerbrief Nr.13/1995)
Hannover: Paranoia Paradise!
Die Chaos-Tag-Prophezeihung! (Bunkerbrief Nr.14/1995)
Friss Scheisse und sei stolz drauf!
Wie aus "Rebellen" 30jähriges Greise werden. (Bunkerbrief Nr.15/1995)
Anti-Politik gegen den Machbarkeitswahn
Sabotage macht Spaß! (Bunkerbrief Nr.16/1995)
Punkertränen - Rentnerpisse!
Gedanken eines alten Sacks... (Bunkerbrief Nr.17/1995)