Mit Donald allein zuhaus

Teil 1 der Schundserie ‚SCHLUSSVERKAUF: ALLES UMSONST!‘

Seit rund einem halben Jahr bin ich kein Internet-Junkie mehr. Stattdessen schleppe ich nun zusätzliche 80 Kilo durch die Gegend. Als quasi wandelnde Speckschwarte.

Ich will präzise sein: Es ging los am Freitag, dem 20. Januar 2017. Um 18:49 Uhr hatte ich mein Erweckungserlebnis. Jesus trat in mein Leben und zeigte mir den Weg zu Gottes ewiger Güte. Er ließ es Manna regnen.

Quatsch, ist nurn Witz … Jesus ließ es Scheiße regnen, aber WAS für ’ne Scheiße! Hallo! Aber wahrscheinlich trifft Jesus gar keine Schuld. Ich kann es zwar nicht beweisen, aber ich denke, Donald Trump hatte die Griffel im Spiel. Er war der Mann für alle Fälle. In Zeiten wie diesen war man bei ihm immer an der richtigen Adresse.

Bevor die Welt und auch ich aus den Fugen gerieten, lebte ich zusammen mit Bastian in einer echten »Jungsbude«, wie Barbara treffend bemerkt hatte. Plattensammlung, Comics, Krempel aller Art. »Könnte mal ’ne Putzfrau durchwirbeln, Frank. Oder?«, hatte sie gesagt. »Besonders übers Klo.«

Wir hatten gelacht und uns gefreut, daß ihre Spielregeln in unserer befreiten Zone ohne Bedeutung waren.

»Kannst gerne bei uns saubermachen.«, hatte ich geantwortet. Und damit war das Thema vom Tisch.

Dann kam dieser eine Freitagabend. Wochenende. Ich hätte mich Richtung St. Pauli bewegen können. Mit einer Pizza in der Hand anderen zuschauen, wie sie besoffen durch die Gegend taumeln. In einer dunklen Kaschemme rumstehen und mir Bands reinziehen, die mich langweilten, weil mich ALLE Bands einen Furz interessierten. Ich hätte mich mit Kaputten und Heilen, mit altbekannten Hackfressen und halbwüchsigen Schnellspritzern über die Welt, das Universum und die Vorteile von Polyamorie und Sadomasochismus unterhalten können. Hölle. Alle plapperten den gleichen Scheiß. Ich auch. Seit Jahren die selben Scheiben auf dem Plattenteller.

Die Zeiten, in denen ich politisch was bewegen wollte, waren auch vorbei. Ich verstand schon lange nicht mehr, was abging. Was rechts oder links sein sollte und für welches Ziel es sich lohnte, den Arsch aus dem Fenster zu halten. Die Verbotslisten, die mir die linken Polit-Spinner entgegenhielten, machten mich nicht an; das Nationalgelaber auf der anderen Seite war erst recht unsexy.

Ok, Frauen … hm … die hielten aber genausowenig die Klappe, und ich würde auch nicht die Klappe halten. Der Ärger war absehbar, vor oder nach dem Sex. Wobei ich bis heute nicht weiß, was deprimierender war. Dabei wollte ich doch nur ficken.

Ich dachte über die Optionen nach, die sich mir boten und entschied mich für einen Fernsehabend zuhause. Nur ich mit mir. Bastian, mein Mitbewohner, war gleich nach der Arbeit Richtung Bochum abgedüst, um seine Eltern zu besuchen, die Bude leer. Ich hatte meine Ruhe.

Von oben waren keine Störungen oder Extrawürste zu erwarten. Lena war nicht zuhause und hing bei einer Freundin ab, wo sie übernachten würde. Ich stellte mir vor, wie die beiden Schminktipps austauschten und über debile Filmchen ihrer Youtube-Idole fachsimpelten. Barbara konnte also ne ruhige Kugel schieben und sich spätestens ab Acht bei Rucola-Salat und Zartbitterschokolode durchs Fernsehprogramm zappen. Vor einer Viertelstunde hatte ich meiner Ex die Einkäufe hochgeschleppt und dabei erfahren, daß unsere Tochter außer Haus war.

Jeder glotzt für sich allein, dachte ich und schaltete um kurz nach Sechs den Flachbildfernseher ein. Es war Trump-Time, seine Antrittsrede als US-Präsident. Jetzt wurde es ernst. Manche Leute erwarteten Mord und Totschlag, Krieg und nukleare Massaker. Auswandern schien keine Option zu sein – wohin auch? Zum Mars? Die Hippies, Ökos und Friedensfreunde hatten begonnen, sich zähneklappernd einzubuddeln. Sie warteten auf Armageddon. Ich für meinen Teil versprach mir von Trump eine deutliche Verbesserung des Fernsehprogramms. Hätte die erste Daily Soap meines Lebens werden können. Tja. Hätte, hätte!

War aber eh ’ne Scheiß-Rede. Profis wie Hitler, Mussolini oder Joschka Fischer hätten in so einem Moment ein rhetorisches Feuerwerk abgeliefert. Trump fehlte das Feuer. Trotzdem verstand er sich aufs Zündeln.

Meine Gedanken schweiften immer weiter ab, ich hörte nicht mehr zu. Mich fesselten seine Lippen. Ein Fischmaul kam mir in den Sinn. Das Maul klappte auf und zu, es hatte Hunger und Durst. Mit den zur Arschlochgeste geformten Fingern der rechten Hand, fuchtelte Trump ruckartig durch das Wasser. Streckte alle fünf Finger aus, schob Welle für Welle durch den Ozean. Das war es, was er unter Entschlußkraft und Präzision verstand.

»America first«, sagte Trump. Das Fischmaul verschwand, ich kehrte zurück von meiner Unterwasserexpedition. Wußte, daß in diesen Minuten Millionen ihre Exkremente bei Facebook und Twitter verspritzten. Gemetzel, Bestimmung, Patriotismus, Bibel … Trump lieferte ein paar schöne Stichworte für unkontrollierte Darmabgänge.

Unterm Strich lief die Chose wie erwartet nach Drehbuch, im Westen nichts Neues. »Die Zeit für leeres Gerede ist vorbei« rief Trump. Ich schaltete ihn aus und nahm eine Blu-Ray aus dem Regal. Die Abendgestaltung lag auf der Hand. Ich würde »Suicide Squad« über den Beamer jagen und die Wände zum Wackeln bringen. Krawall und Weltuntergang, das macht Spaß!

Ich machte mich auf den Weg Richtung Supermarkt, um saure Apfelringe, Chips und Super Dickmann’s einzukaufen. Negerküsse, dachte ich, Lecker!

10 Minuten später stehe ich also in der KAUFLAND-Tiefkühlabteilung und überlege, ob zu dem ganzen Süßkram getoastete Toasties passen. Käse & Schinken – oder doch lieber die Hähnchenschnitzel-Variante? Und während ich grüble und grüble, sackt urplötzlich die Dicke neben mir mit einem ordentlichen Wumms zusammen. Einfach so. Dabei sah sie doch ganz gesund aus. Anfang Dreißig, fesche Kurzhaarfrisur, entschlossener Schritt. Hatte mich noch kurz zuvor prüfend angeschaut. Ein Blickkontakt, und ich wußte, was sie dachte: Schau her … ein alter Sack, der Scheiße frißt!

Bevor mir bewußt werden konnte, daß mein letzter Erste-Hilfe-Kurs eine Ewigkeit zurücklag, hörte ich von überall her unzählige Echos des Fallgeräusches der Dicken. Wump-wump-wump!

Ich vergaß meine Toasties und auch den Haufen Elend auf dem Boden und schlich zur Fleischtheke. Von der Bedienung war nichts zu sehen, aber vor der Vitrine streckte ein halbes Dutzend Fleischfans alle Viere von sich.

 

FORTSETZUNG LESEN: Atemlos durch Kaufland

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8 Comments. Leave your Comment right now:

  1. by Kerstin Arnds

    …bitte mehr davon…

    • by Karl Nagel

      Morgen oder übermorgen geht’s weiter …

  2. Sowas Ähnliches habe ich neulich geträumt: Alle anderen sind handlungsunfähig oder verschwunden, nur ich bin noch „da“ und kann mich in sämtlichen Konsumtempeln usw. mit ALLEM eindecken – herrlich. Bei Krüll klaue ich dann einen von diesen Hausfrauenpanzern und fahre damit quer durch den Mercado, bis ich vor Lachen aufwache. Schade eigentlich.

  3. by Janskanky

    Aaaargh, ein Traum! Endlich wieder tränentreibende Trüffel im Morast der Vergänglichkeit, großartig! Scharre schon mit den Hufen auf die weiteren Folgen…

  4. Brutaler Cliffhanger, herrlich überraschend herbeigeschrieben. Bin gespannt auf die Fortsetzung 🙂

  5. P.S. Das Titelbild ist übrigens auch großes Tennis 😀

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