Mit dem Anwalt gegen Punk-Rosinenbrötchen

Manche Leute verschwenden ihre besten Jahre mit Ficken und Saufen. Dafür beneide ich sie. Sie haben was aus ihrem Leben gemacht. Während sie entspannt ihrem Ende entgegendämmern, wissen sie, daß sie nichts ausgelassen haben. Stattdessen muß ich mich mit Quälgeistern abplagen, die wegen Nichts mit dem Anwalt drohen. Ehemaligen »Punkern«, die wegen des PUNKFOTO-Outings ihres 30 Jahre zurückliegenden Lederjackentragens einen Schweißausbruch nach dem anderen kriegen. Sie wollen verhindern, daß Frau, Kinder, Arbeitgeber und der CDU-Ortsverband vom damaligen Treiben Kenntnis erhalten. Und schreiben mir hohle Grütze a la »SIE HÖREN VON MEINEM ANWALT!«

Mit PUNKFOTO ist eigentlich alles wie immer. Ich habe eine fixe Idee und mache sie wahr. Öfter auch nicht. Gerne wäre ich etwa Bundeskanzler geworden, um nach meiner Wahl gleich wieder zurückzutreten. Daraus wurde nichts. Als Schundcomicverleger sah ich mich erfolgreich in die Abendsonne reiten. Wurde leider ‘ne Pleite.

Es bleibt eine Band, diese Seite und ein Archiv Tausender Punkfotos im Internet. Mit Rauschebart sitze ich allein zwischen meinen Daten. Oder ich fahre in der Gegend herum, um verstaubte Punk-Fotoalben zu scannen. Was auf die Dauer langweilig ist. Immer geht es um Gestern. Dabei drehte sich Punk doch um das Heute.

Während ich davon träumte, mit den tollsten Punk-Bräuten von damals genau JETZT nach Las Vegas zu fahren, um die Sonne zu putzen, kam eine Mail.

»Hallo Karl … nimm doch bitte mein Foto raus. Gibt nur Ärger. Ansonsten weiterhin viel Erfolg mit Deinem Archiv – ich stöbere gerne darin rum! Grüße, Klaus.«

Schlanke Sache, ein paar Handgriffe. Wer nicht will, muß nicht. Klaus, der sich früher stolz »Fucker« nannte, kam auf die Schwarze Liste. Kann jetzt sein Leben in Ruhe und Frieden und ohne lästige Rechtfertigungen ausklingen lassen.

Ich gönne es ihm. Und habe selbst überhaupt keinen Bock darauf. Ich will immer noch etwas, von dem ich nicht weiß, was es ist. Punk wurde über die Jahre zu meinem Fundament und gleichzeitig zum Ballast. Denkt bei »Anarchy In The UK« mal den Gesang weg: lahmer Rock, braucht keiner! Aber obendrauf eine Stimme, die alles in Stücke schlägt. Ein Betonklotz, auf dem ein Irrer tanzt. Ich.

 

Selten wollen auch Leute wieder rein in PUNKFOTO, nachdem ich sie auf eigenen Wunsch rausgeworfen habe. Das mag ich. Über den eigenen Schatten springen und wissen, daß man ein Idiot ist. Wie bei gutem Sex.

 

Einge Leute machen sich Sorgen um mich.

»Hey, Alter, das ist heutzutage ganz schön gefährlich«, sagte Marcus, soff das zehnte Bier und qualmte mir die Hütte voll.

»Bilder und so, Copyright, ich weiß. Ist den meisten egal. Die freuen sich, wenigstens im Punk-Museum noch ein bisschen rumzugeistern. Ist besser als Punk-Friedhof.«

»Ja, den MEISTEN! Aber was ist mit den ARSCHLÖCHERN?«

Schon klar: Eines Tages wird es knallen und ein einziger dahergelaufener Schwachkopf wird es mir besorgen. Mit Anwalt und Gericht. So what? Da SCHEISS ich drauf. Dann schnorr‘ ich im Internet das bißchen Kohle zusammen, und weiter geht’s!

Ich weiß, daß es Leute gibt, die es einem auf jeden Fall besorgen wollen. Auch, weil sie angstgetriebene arme Würstchen sind. Da hilft kein beruhigendes Wort, kein Hinweis noch und nöcher, daß ich Bilder auf Wunsch umgehend rausnehme und jede Droherei mit Anwalt und Gericht komplett überflüssig ist. Die wollen einfach nicht lesen. Aber sie wollen, daß ich weiß, daß sie wissen, daß sie jetzt auf der besseren Seite des Lebens angelangt sind. So denken sie sich das jedenfalls, wenn sie ihre Show abziehen.

 

Wie etwa bei Philip aus Bottrop (alle Fehler im Original!):

»Sie haben ein Foto auf dem ich abgebildet unter folgender Adresse auf ihrer Webseite veroffentlicht:

http://www.punkfoto.de/p/media/mxxx_gxxx

HIERMIT WIDERSPRECHE ICH DER VERÖFFENTLICHUNG !

Ich bitte Sie das Foto binnen einer Frist von 1 Woche (Ab dem 3.10.2014) zu löschen sowie die Nennung meines Namens. zu unterlassen, da es sich um meinen »tatsächlichen« Vornamen handelt und nicht einen der üblichen »Punker-Spitznahmen«

Einer bloßen Unkenntlichmachung meines Gesichts stimme ich NICHT zu.

Anderenfalls sehe ich mich leider gezwungen meinen Anwalt zu kontaktieren.«

So formuliert man, wenn man mit Punk nichts mehr zu tun haben will. Wenn alles vorbei ist. Wenn man nicht mehr der Idiot sein will, der früher in »Punker-Kreisen« lederbejackt und bierflaschenschwenkend durch die Gegend getaumelt ist.

Jetzt aber ist Philip durch das Leben geläutert, die eigene Vergangenheit peinlich. Dabei sollte er sich sich lieber für seine zertrümmerte Gegenwart an den Kopf packen. Für seine neuen, besseren Umgangsformen, wenn er morgens beim Bäcker sagt:

»Ich bestelle hiermit 5 normale Brötchen und 1 Rosinenbrötchen. Einer geringen Anzahl Rosinen darin stimme ich nicht zu. Falls ich bei einer Zählung weniger als 25 Rosinen feststellen sollte, sehe ich mich leider gezwungen, meinen Anwalt zu kontaktieren.«

Als Bäcker würde ich so einen Spinner nur auslachen. Oder ihn achtkantig rauswerfen.

»The problem is YOU – what you’re gonna do?« – wieder die Pistols. Sich mal so richtig aufblähen, um seine eingebildeten Konflikte zu lösen. Ein schlimmes Leben. Das WAHRE Leben, das viele von uns seit je terrorisiert: Den ganzen Schwachsinn nicht nur mitmachen, sondern zusätzlich anderen aufs Brot schmieren!

 

Wer auf Masochismus abfährt, soll ihn haben: Das oben beanstandete Foto habe ich natürlich NICHT gekillt. Aber Philip, den antragstellenden Rosinenzähler, mit einem schönen schwarzen Block abgedeckt! NUR ihn! Seine Drohung war mir nicht Befehl. Sind schließlich auch andere Leute auf dem Bild drauf. Und es gibt keinen Grund, die gleich mit in den Orkus zu schießen.

Wenn Philip eines Tages zufällig seinen alten Kumpels über den Weg laufen sollte, dann wird das ein interessantes Gespräch.

»Hey, Kröte, alter Sack! Lange nicht gesehen!«, wird Schimmi sagen. »Laß uns einen trinken gehen, auf die alten Zeiten!«

»Nee, passt gerade nicht, muß zum Zahnarzt.«

»Sag mal, dieses Bild da von uns im Internet, warum ist da ein schwarzer Kasten über deiner Hackfresse? Haste dich da rausmachen lassen?«

»Quatsch! War doch ne geile Zeit! Nagel, der Arsch, war das. Keine Ahnung, warum …«

 

Ich weiß nicht, wie DU drauf bist. Ich hoffe, Du weißt immer noch sehr genau, was dich damals angetrieben hat …

 

Mich jedenfalls treibt gerade was ganz anderes. Ich geh‘ ne Currywurst essen. Bestimmt treffe ich ja an der Bude ein paar Weiber von damals. Mit denen ich nie was hatte. Jetzt leg‘ ich sie alle flach. Bei Curry-Pommes.

Der Artikel erschien in ähnlicher Form schon mal vor über einem Jahr in meinem früheren Blog. Hatte Bock, ihn noch mal zu überarbeiten und hier einzustellen.