Drehbuchänderung

Teil 3 der Schundserie ‚SCHLUSSVERKAUF: ALLES UMSONST!‘

Ich fand Barbara in ihrem Badezimmer. Da lag sie. So wie die Leute bei KAUFLAND und wohl alle Menschen auf der ganzen Welt. Sie streckte mir ihre Füße entgegen. Ich nahm all meinen Mut zusammen, atmete tief durch und betastete ihr rechtes Bein. Hm. Sehr kühl, aber das hieß noch nichts.

Was nun? Das Bad war winzig, und der Zugang mit der gefallenen Barbara versperrt. Ich überlegte, wie ich an sie herankommen konnte. Zu guter Letzt legte ich mich einfach auf sie drauf. Barbara würde mir das nicht verübeln, das wußte ich. Auch nicht, daß ich mein Ohr auf ihren Busen legte. Schließlich hatten wir schon ganz andere Dinge miteinander getan. Vor Jahren.

Eine ganze Weile lagen wir so da. Ein letztes Mal ganz nah. Ich und ihr Körper, der keinerlei Lebenszeichen von sich gab.

Ich fühlte, daß die Mutter meiner Tochter tot war. Kein Herzschlag, kein Atem, kalt. Aber ich konnte nicht weinen, weil die Monstrosität und Radikalität der Erkenntnis all meine Gefühle durcheinanderwirbelte.

Mir wurde klar, daß ich Lena nie wiedersehen würde, weder tot noch lebendig. Wie ihre Mutter war sie nun eine kalte Leiche, und sie lag irgendwo in Hamburg auf einem Kinderzimmerbett, das Handy aus der Hand gefallen. Neben ihr eine genauso starre Schulfreundin, die ich nicht kannte und von der ich nicht wußte, wo sie wohnte. Diese Informationen steckten ausschließlich in Barbaras Kopf. Keine Chance für mich, Lena jemals zu finden.

Ich löste mich von Barbara und ging noch einmal durch die Wohnung. Hier hatte ich jahrelang gelebt, hier war Lena gemacht worden und aufgewachsen. Hatte mich beim Wickeln angepinkelt, randaliert und die Katzen gejagt. Die es nun genauso erwischt hatte wie Barbara. Ich fand beide reglos in der Küche, wo sie auf ihr Kitekat gewartet hatten. War ja genau Fütterungszeit, als es passierte.

Ich fuhr einige Male mit beiden Händen durch ihr Fell. Dann verließ ich die Wohnung und ging langsam die Treppe runter. Ja, schon klar, alles vorbei, alle tot, alles Scheiße. Aber eben nicht nur Scheiße. Mir wurde heiß in der Rübe, ich fühlte mich wie eine Supernova Nanosekunden vor dem Abgang. War’s das? Der Tag der Tage? Grand Finale?

Zuhause legte ich mich auf den Teppich und starrte an die Decke. Ich fühlte mich alleingelassen und verwirrt, wußte nicht, was ich als Nächstes tun sollte. Aber dann kroch ein ganz anderer, geradezu revolutionärer Gedanke aus der Sinnlosigkeit.

Irgendwas stimmt hier nicht! Ich fühlte mich verarscht. Das Drehbuch kam mir zu vertraut vor. Als Schundliebhaber kannte ich Szenarien wie dieses nur zu gut. Gab’s ja in unzähligen Filmen und Büchern. Stichwort ‚Postapokalypse‘. Nach dem Atomkrieg, der großen Seuche, dem Meteoreinschlag. Schaurig-schöne Geschichten über das Ende der Zivilisation.

Ich zog Stephen Kings The Stand aus dem Regal, dann Leben ohne Ende von George Stewart, blätterte ein wenig darin herum. Und legte die Bücher wieder zur Seite. Alles klar. Ich war die Hauptfigur in einem B-Film und sollte laut Skript nun die Leichen verbuddeln oder verbrennen und um die Verblichenen trauern. Und dann würde ich mich auf die Suche nach Überlebenden machen und die menschliche Zivilisation erneut aufbauen. Ich würde meine Eva finden, wir ficken, machen Kinder. Ein paar Arschlöcher würden uns das Leben schwermachen. Wir müßten uns durchsetzen und KÄMPFEN.

Was aber, wenn es außer mir keine Überlebenden gab? Und war es die verdammte Scheiß-Zivilisation überhaupt wert, neu zu entstehen? Wollte ich Beziehungsstreß? Mich mit grunzenden Alphamännchen um Weibchen prügeln? Wie öde. Noch nicht mal fiese Zombies a la THE WALKING DEAD gab’s in dieser Story. Zumindest solange es sich die frisch Verschiedenen nicht anders überlegten.

Was sich hinter den Kulissen der Einfallslosigkeit verbarg, wußte ich nicht. Irgendein kosmischer Richter hatte anscheinend die Schnauze voll gehabt und Tabula rasa gemacht. So weit die esoterische Variante.

Oder es waren die Islamisten. Könnte doch sein, daß die mit einer Wunderwaffe punktgenau zu Trumps Vereidigung die amerikanische Bevölkerung auslöschen wollten, oder? Leider schiefgegangen, weil vorher nicht getestet. Fehler in der Qualitätssicherung rächen sich gerne mal. Und jetzt hatte ihr Knaller eben weltweit den Rasen gemäht. Zu hoch gepokert, Jungs – nie wieder allahu akbar!

Eine andere Idee rang mir ein Lächeln ab. Irgendwas mit morphogenetischen Feldern und so. »Selbstmord aus Angst vor dem Tode«, versteht ihr? All die wegen Trump vollgeschissenen Unterhosen und die damit verbundenen Gehirnströme hatten sich weltweit zum großen Abkacken verbunden. Kann ich jetzt nicht genauer erklären … früher hätte man das einfach ergoogelt!

Realistischer erschien mir, daß Trump »nur mal zum Spaß« auf den roten Knopf eines Geräts gedrückt hatte, das ihm zusammen mit dem Atomkoffer überreicht worden war.

Egal, die Wahrheit würde ich eh nie rauskriegen. Auf jeden Fall gingen die acht Milliarden Toten auf Trumps Konto. Mit oder ohne sein Mitwirken. Das Timing ließ keinen Zweifel an dieser These zu.

Keine Ahnung, weshalb ausgerechnet ICH vom großen Reinemachen verschont geblieben war. Das Schicksal macht Fehler, dachte ich. Aber ich wollte seiner Weisheit nicht im Wege stehen.

Denn die Probleme, über die ich und Milliarden andere sich täglich den Kopf zerbrochen hatten, die waren nun einfach weg. PUFF! Von einem Moment zum anderen in Luft aufgelöst. Ganz ohne Suff, Pillen oder esoterische Verdrängungstechniken.

Kein Geld auf dem Konto? Scheiß drauf! Atombomben, Klimaerwärmung, Flüchtlinge und das Finanzamt? Hatten sich erledigt. Frauen, Unterhalt, Präservative? Dr. Wichser, übernehmen Sie ihren letzten Patienten! Nazis, Haßmasken, Idioten und Arschlöcher aller Art? Alle tot, aber ich lebte!

Trotz der vielen Leichen ging es mir überhaupt nicht dreckig, denn ich war ja nicht schuld an ihrem Abgang ins Nirvana. Stattdessen durchströmte mich ein schier unfassbares Glücksgefühl.

Ich riß das Fenster auf.

»Ich bin frei! FREI! FREI!«, schrie ich in die Nacht. Keine Reaktion. Nur das gelegentliche Rummmmmsen, weil gerade irgendwo was in die Luft flog. Was für eine herrliche Filmmusik! Ich konnte es kaum fassen. Und falls es wirklich Überlebende gab, konnten sie mich mal. Die sollten sich mal schön um Ackerbau und Viehzucht kümmern oder große Reden über den Wiederaufbau halten. Für so einen Scheiß würde ich meinen Arsch nicht bewegen. Dieses Drehbuch schrieb ich und kein anderer. Ich wußte noch nicht, was ich wollte, wie mein Drehbuch aussehen könnte. Aber ich wußte durchaus, daß mich außerordentliche Dinge erwarteten. Diese Chance würde ich nutzen, garantiert!

Zum ersten Mal seit Jahren zog ich »Never Mind The Bollocks« von den SEX PISTOLS aus dem Regal. Ich gab Helene Fischer einen Arschtritt und bat Johnny Rotten in die gute Stube. NO FUTURE war jetzt, und ich sang jede Zeile mit.

Wir hatten es doch immer gewußt.

Danke, Donald!

 

 

FORTSETZUNG LESEN: Bananendämmerung

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