Der ewige Querulant in Deinem Monitor

Soeben auf meiner Facebook-Seite veröffentlicht:

Ich bin hier, weil Ihr hier seid. Ihr seid hier, weil so viele andere hier sind. Wir folgen der Masse, weil Alleinsein ziemlich scheiße ist.

Vor langer, langer Zeit wagten wir einen Ausbruch aus der Konformität und wollten selbst die Spielregeln bestimmen. Wir haben uns die Schädel einschlagen lassen für den Wunsch nach Selbstbestimmung, doch heute haben wir akzeptiert, daß wir bei Facebook NICHTS zu sagen haben. Obwohl wir einem der mächtigsten Unternehmen der Welt eine Schlüsselposition in unserem politischen, kulturellen und oft auch privaten Leben geben.

Wir sind eine feige Bande Weicheier, die genau wissen, was hier ungestraft geht und was nicht. Wir befolgen die Regeln, und den meisten tut es noch nicht mal weh. Sie fühlen sich ganz wohl im Reservat, im Kreise der Lieben. So herrlich bequem. Der Papa wird’s schon richten.

Manche heulen noch die alten Indianergesänge in markigen Texten und Videos, aber das sind nicht mehr als hohle Phrasen, gerade mal prickelnd genug für die Touristen, die einen Blick auf die abgehalfterten Revolutionsdarsteller werfen wollen. Wie heroisch, bei Facebook gegen Nazis und AfD zu wettern und gleichzeitig dem Monster täglich die Weichteile zu lecken! Schöne Freunde haben wir!

Als ich 1994/95 die ersten Exkursionen ins damals für uns alle neue Internet unternahm, war ich begeistert von den schier unendlichen Möglichkeiten. Dezentral organisiert, bot sich ein kaum kontrollierbarer Dschungel, ideal für Experimente aller Art, auf denen Vielfalt und Meinungsfreiheit blühen sollten. Wer da überlegte, abgezäunte Bereiche zu errichten, in denen kommerzielle oder politische Machthaber aller Art das alleinige Sagen hatten, wurde gnadenlos ausgelacht. Denn im Web kann jeder selbst bestimmen, wohin die Reise geht, es gibt keine unüberwindlichen Mauern.

Heute lache ich nicht mehr. Denn viele Menschen haben sich FREIWILLIG fürs Betreute Wohnen entschieden und verbringen ohne jeden Zwang den Großteil ihrer Online-Zeit in den Arealen mächtiger Medienkonzerne. Jahrelang habe ich dabei mitgemacht, auch wenn ich immer wieder erfolglos versuchte, mich aus diesem verrückten Knast abzuseilen. Aber wie die Daltons saß ich am Ende der Geschichte wieder mit der Eisenkugel am Bein in der Zelle

Denn die Monopolisierung ist bereits so weit fortgeschritten, daß Du selbst in Subkulturen zum Paria wirst, wenn Du in den verbleibenden Dschungel zurückkehrst. Du verschwindest einfach aus ihrer Wahrnehmung. Die Macht des Marktes, der Masse und des Geldes hat alle fest im Griff und ihre Hirnwindungen umprogrammiert. Versuch mal als Band Auftritte zu kriegen ohne Facebook-Seite! Wer folgt noch Blogtexten, wenn sie nicht bei den großen Social Networks verlinkt sind? Du kannst Dich abstrampeln wie ein Blöder, aber wenn Du nicht auf Facebook & Konsorten präsent bist, kriegt das kaum einer mit. Der Dschungel wird kleiner und kleiner und langsam durch einen riesigen Parkplatz ersetzt. Mit vielen schönen, neuen Autos drauf.

Wir sind alle gekauft. Wir wollen in der Welt des Overkills kein einsamer Niemand sein, sondern WAHRGENOMMEN werden. Wir wollen unsere Musik oder anderen Schrott verkaufen, wollen ficken, schingeln und schangeln. Das Monster hier hat verführerische Geschlechtsteile, deren Ausdünstungen wir kaum widerstehen können

Die vertraute Web-Monokultur wird so zum Puff, den man allerhöchstens über den Klick auf einen Facebook- oder Twitter-Link kurzfristig verlässt. E-Mail war gestern, und Freiheit wird zur Bedrohung – wie sollen wir uns denn SELBST darum kümmern, Gedanken und Ideen auszutauschen? Spinnerei, echt! Facebook ist ein notwendiges Übel – so wie Polizei und Finanzamt!

Ich weiß, daß viele von Euch mich belächeln für diesen Text, weil er einem endlosen Kampf gegen Windmühlenflügel gleicht. Zumal so ein Sermon an der Gemütlichkeit sägt, am „Weitermachen, weitermachen! Es geht auch nicht anders!“

Ist alles nichts neues für mich. Seit Jahrzehnten muß ich mir das höhnische Gelächter der Mitmacher und Realisten, der Mitschüler und Arbeitskollegen, der Nachbarn, Passanten und prügelnden Blockwarte anhören. Ok, ich bin der Idiot, Du der grinsende Gewinner.

Also hinterlasst ein paar zynische Kommentare, scheißt mir vor den Koffer, wenn es Euch hilft, Eurer Bequemlichkeit ein glänzendes Korsett zu lackieren. Und überhaupt: Warum immer wieder über Facebook auskotzen? „GEH DOCH EINFACH!“, schreit einer aus der zweiten Reihe. „Oder halt die Fresse!“ Im Klartext: „Geh in die Wüste und verreck! WIR haben’s eingesehen! DABEISEIN IST ALLES!“

Nee, ich geh nicht „nach drüben“, wie es früher immer so nett hieß. Ich bleibe hier, weil Ihr hier seid. Ihr seid die harte Realität, die Fußgängerzone, und ich der Spinner, der immer noch träumt von einer Vielfalt, die sich nicht in Millionen Fertighäusern a la Facebook abbilden lässt.

Ich ziehe jetzt mal meinen Tarnanzug an und robbe ein bißchen durch die Bude. Vielleicht kommen mir da ja ein paar Ideen, wie ich die Spielregeln hier zu meinen Gunsten ausnutzen kann.

Eine habe ich schon: Alle Kommentare und Beiträge (mit Ausnahme von diesem hier!) bleiben nur noch 48 Stunden stehen. Danach wird gnadenlos gelöscht. Ich habe nämlich festgestellt, daß Löschen richtig Spaß macht und irgendwie befreiend wirkt. Probier’s mal selbst!

KAPUTTMACHEN IST GEIL! ICH LÖSCH‘ EUCH ALLE!

Und eine zweite: Keine Facebook-Nachrichten mehr! Ist abgeschaltet. Die coolen Leute kriegen mich auch anders in die Finger. Nur die faulen Dummbratzen kratzen sich fragend am Kopf und überlegen, ob Facebook kaputt ist.

Ich bleibe also hier, weil ich mich nicht heulend in ein Schneckenhaus zurückziehen will, um das Ende aller Tage abzuwarten.

Es muss doch noch was gehen hier, oder? Etwas, das fiesen, subversiven SPASS macht!

Wisst Ihr was: Ich glaube immer noch an das LEBEN!

    11 Comments. Leave your Comment right now:

    1. by Nympho

      Ein was Gutes hat Facebook und der ganze Rest ja,es zeigt den Charakter der alten Recken.

    2. by Brain Cancer

      Das war mit Abstand der beste Text von dir den ich hier bisher lesen durfte,es passt zwar nicht so mit einem deiner Älteren Texte zusammen wo da geschrieben steht man solle doch den digitalen Steinwurf zelebrieren,war glaub ich auf Brain Regain deinem Ex Blog soweit ich mich erinnere.

      Ja genau es gibt auch Leute die dich nicht auslachen oder für einen Idioten halten weil dich das Netz in der heutigen Form ankotzt.

      KAPUTTMACHEN,LOSCHEN;ZERSTÖREN hör nicht auf niemals !

    3. by thom

      … gedanken die ich mir auch schon lang mach, ich überlege .. was ist schlimm faran bei fb auszusteigen, ich treff immer mehr leute die da nicht sind seid icv es weniger nutze…

    4. by LAPPI

      Ich verstehe deinen Frust absolut, bin grade dabei mir mal wieder eine Homepage zu coden.
      Obwohl es klar ist das sie wohl kaum besucht wird, bei der Massenverblödung heutzutage.
      Bin noch am grübeln ob es die Mühe überhaupt wert ist…

      • by Karl Nagel

        Wie sollte man diesen Wert auch messen? Am Ende zählt, ob es Dich anmacht oder nicht. Ich selbst konzentriere mich derzeit mehr auf Papier …wait and see!

    5. by Christian Finocchiaro

      Geht mir genauso,und dazu noch diese verstrahlten Whats App Zombies die einen jeden Tag in der Stadt über den Weg laufen.Denkt mal drüber nach wer der Facebookgründer ist.solch ein „Zufall“ mal wieder.

    6. by Peter Hahn

    7. by Steff

      Ups! Bin ich jetzt gerade auch auf facebook (fb-ei)?
      Werde total schräg angekiekt, wenn ich sage: „Nee, nix social media.“ Und evtl. gefragt: „Echt? Geht das? Aber dann hast Du ja 0 Kontakte . . . . Wie kannst Du denn dann Geld verdienen?“ „Och . . . durch Strom sparen und Zeit behalten.“ Ich mag nicht manipuliert werden oder kontrolliert. Also gibt es doch wohl nur eine Konsequenz, oder? In meiner Kultur gibt es dann echte Freiheit.
      Letztendlich wird es unmöglich werden ohne diesen Puff zu leben.
      Abgesehen davon, daß man nur Kontakt hat, wenn man in ein gewisses Beuteschema passt.
      Tu ich nicht. Social media lohnt sich wirklich nicht für mich.
      Überzeugt werden, nur um irgendwo dabei zu sein. Klappt nicht.
      Doch diese nagelige Seite interessiert mich schon . . .

    8. by Nebeltier

      Boaah. Meine Antwort is verschwunden. War die soo mies?
      *zieht ne Hamburger Schippe*

      • by Karl Nagel

        Kann ich mich gar nicht dran erinnern. Hm. Eigentlich lösche ich hier nur seeeehr selten was.

        • by Nebeltier

          Hab sie wiedergefunden. Unter irgendeinem Dateistapel. Dann also nochmal:

          Schön auf den Punkt gebracht. Öl in mein Feuer, Wasser auf meinen Mühlen. Danke.
          Eine Antwort. Meine Antwort.
          Vor einigen Jahren kehrte ich ja dem Fratzenbuch meinen Rücken zu.
          Denn schon vorher war nicht mehr ich selber im Bereich der Wahrnehmung meiner „Freunde“, sondern nur das was ich gepostet habe. Die Kontaktmöglichkeiten auf anderen Ebenen erstarben. ein Brief zB überforderte alle, mit einer Ausnahme. Jenseits meiner Posts und Likes war ich nicht mehr sichtbar. Was jenseits von FB passiert ist nicht existent. Das Werkzeug hat unsere natürlichen Fähigkeiten so verkümmern lassen, dass es zur Krücke geworden ist. Eine Krücke die uns hat verlernen lassen, wie es vorher war und ging. Eine Krücke ohne die wir zurück auf den Boden der Realität fallen.
          Was eine Chance zu verschwinden ! Wählen wir den Dschungel, verschwinden wir nach Croatan, machen wir uns auf in die letzten Wildnisse.
          Werfen wir unsere Eitelkeit ab. Niemand wird uns vermissen, es sei denn dem Spektakel gelingt es mal nicht ihre Aufmerksamkeit eifersüchtig zu bündeln. Wir sind für die Maschine nicht existent. Was für eine Chance !
          Lasst uns übersetzten. Bei Nacht und Nebel. Take a walk on the wild side. Over the wire and into the darkness.

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