Das letzte Asyl

Eines Tages wurde mir klar, dass ich nicht mehr jung bin. Das ist jetzt schon eine Weile her, muss so Ende 1993 gewesen sein. Ich war 32, der Lack ab, die Haare nur noch ein Witz.

Andere machen in so einer Situation erst mal ein Bier auf, oder gleich mehrere. Ich dagegen ging zum Hannoveraner Hauptbahnhof und setzte mich zu den Asi-Punkern. Das hatte ich schon seit Jahren nicht mehr gemacht.

Ich sah ihnen beim Trinken zu, den ganzen Tag. Viele weitere Tage folgten. Wir hockten zusammen, und doch saß jeder für sich auf der Treppe. Eingeschlossen in seiner Welt, in einem ganz persönlichen Bunker, aus dem es kein Entrinnen gab. Das machte sie mir sympathisch. Wir waren Verlierer.

Mir fiel auf, dass meine kleine Wohnung ein bisschen wie mein Gehirn in groß war. Alles voller Comics und Science-Fiction-Romane. Ein Punk-Archiv. Platten mit Musik, die mir was bedeutete. Kein Bier. Aber an der Wand ein Poster mit Alice Cooper am Galgen. Eine zugemüllte Küche. Im Bett ein zugewichstes Taschentuch. Das Sofa genauso benutzt, verranzt und siffig wie der Rest der Bude. Der Bunker, in dem ich lebte. Und wo mir keiner auf den Sack ging.

Ich bückte mich und hob ein PERRY-RHODAN-HEFT vom Boden auf, das vor ein paar Wochen vom Tisch gerutscht war. Band 597, »Das letzte Asyl«.

Genau das war’s. Der Groschen war gefallen.

Am Tag darauf traf ich Birger, der Gitarre bei den GETEILTEN KÖPFEN spielte. Ich mochte ihn.

»Na, wie läuft’s denn so mit deinen Punks?«, fragte er mich und grinste vielsagend.

Dafür hätte ich ihn in den Arsch treten sollen, aber die Gewaltnummer hatte ich nicht drauf.

Stattdessen entstand ein paar Wochen später mein erster Bunkerbrief. Es war ganz cool, mit den Rücken an der Wand zu stehen und darüber zu schreiben. Zu verstehen, dass das Leben ein einziger Willkürakt war und man auf die Meinung anderer scheißen konnte. Ich kam ja nicht mal mit meiner eigenen klar. Kein Zweifel, die ganze Chose würde mit jedem Tag beschissener. Trotzdem wollte ich die Hassmaske im Schrank lassen. Lieber nach den roten Knöpfchen greifen, die überall da draußen endgeil blinkten und von mir verlangten, es ihnen zu besorgen.

Das tat ich gerne.

Und in meinem Bunker lebte sich’s auch recht gemütlich. Ich durfte nur nicht den Mut verlieren, immer wieder rauszugehen.