Bananendämmerung

Teil 4 der Schundserie ‚SCHLUSSVERKAUF: ALLES UMSONST!‘

Als das große Purzeln begann, hielt ich mich nicht zum Spaß im Supermarkt auf. Der Hunger auf Junkfood hatte mich zum abendlichen Einkauf getrieben. Das Konsumabenteuer mit morbidem Finale lag mittlerweile gut anderthalb Stunden zurück. Der Einkaufswagen – und mit ihm viele leckere Dinge – war in der TK-Abteilung geblieben, als sich die Ereignisse zu überstürzen begannen und ich ohne Beute nach Hause zurückkehrte.

Meinem Magen jedoch war der Untergang der Menschheit egal. Er bestand auf unverzügliche Einverleibung der angekündigten Delikatessen und randalierte so lange, bis ich am Ende nachgab und ein weiteres Mal zu KAUFLAND aufbrach. Zurück in den Supermarkt, der sich in ein Leichenschauhaus verwandelt hatte!

Könnte man KL abkürzen, dachte ich, als ich das Haus verließ. Ein Konzentrationslager für Junkfood, Dosen, Klopapier – alles Nötige für die nächsten Jahre und Jahrzehnte hübsch konzentriert an einem Platz. Plus kalte Leichen. Da passte die Abkürzung ebenso. Ein KL allerdings, in dem nicht »Arbeit macht frei« in großen Buchstaben über dem Eingang hing. Stattdessen hätte mir an einem Tag wie diesem »Leckeres mit Leichen« gefallen. Würde aber keiner plakatieren, denn die Plakatierer waren ausgestorben. Und weil ich Arbeit an sich Scheiße fand, kam es mir erst gar nicht in den Sinn, ihren Job selbst zu übernehmen.

Nun also Rolle rückwärts, erneut durch die Dunkelheit vorbei an Autowracks, Splatteropfern und Gefallenen. Das berührte mich weniger als erwartet. Unglaublich, wie schnell man sich an Tod und Zerstörung gewöhnen kann, dachte ich.

Drinnen erwartete mich ein anderer Horrorfilm. Subtil, lächelnd, meine Coolness in wenigen Sekunden zerbröselnd. Auf den ersten Blick alles ganz normal. Hell, bunt, das Land des Kaufens. Aber niemand, der noch aufrecht stand. Der Dudelsound, der einem normalerweise in den Ohren lag, war verstummt. Schluß mit »KAUFLAND – ein Land, eine Welt, in der der Mensch noch zählt«. Ich hatte diese als Mitgefühl getarnte Marschmusik immer gehaßt.

Es war ein friedliches Bild. Ohne Hektik, ohne Greifen und Packen, Schleppen und Hetzen. Keine ratternden und scheppernden Einkaufswagen mehr, keine Schlangen an der Kasse, kein Piepen der Scanner, keine klimpernden Münzen, kein »Haben Sie alles gefunden?« Und am Leergutautomaten standen keine abgerissenen Gestalten, die Flasche um Flasche in die Röhre schoben, um sich ein paar Kröten zu verdienen. KAUFLAND war nicht länger KAUFLAND, sondern erstarrtes, drohendes Schweigen.

»Haaaalllooo!«, rief ich. »Ist hier noch jemand da?«

Nun, »da« waren eine Menge Leute, aber anscheinend niemand, der antworten konnte. Jedes weitere Wort war überflüssig. Aber ich traute dem Braten nicht. Jede Sekunde rechnete ich damit, daß irgendwer oder irgendetwas aus einem dunklen Winkel (gab es das bei KAUFLAND?) hervorstürmte und sich auf mich stürzte. Jedenfalls kannte ich das so aus den Filmen und Serien, die ich mir im Dutzend einschob.

»Da würde ich nicht freiwillig reingehen! Vor allem nicht allein! Bin ich BESCHEUERT?«, hätte ich jetzt gerne zu Barbara gesagt. Vor der Glotze, wenn so eine Filmszene an unseren Nerven zerrte. Und sie hatte immer zugestimmt. Das war unser Running Joke.

Dich das hier war nicht Glotze, das war ECHT! Und Barbara lag tot in der Vierten. Mir blieb nur das Pfeifen im Walde. Ich holte tief Luft.

»Nur damit wir uns richtig verstehen – ich bin bewaffnet!«

Das stimmte sogar. Ich hatte die Axt, die normalerweise an meinem Bett hing, für den nächtlichen Beutezug mitgenommen. Ich trug sie lässig geschultert; das sah bestimmt cool aus.

In Zeiten wie diesen würde ich nicht mehr ohne Axt aus dem Haus gehen. Alle Gesetze waren außer Kraft gesetzt, und ich wußte nicht, welche neuen Regeln von nun an galten. In einer postapokalpytischen Welt mußte ein Mann bewaffnet sein. Ok, von mir aus auch eine Frau. Aber als Mann wollte ich eben Rick Grimes und John Wayne nacheifern. Oder Charles Bronson und Django. Ach, die Liste entschlossener Männer ist endlos. War. Gut, fügen wir Tank Girl und Ripley hinzu. Interessiert sich noch jemand für Genderscheiß? Daß ich von jetzt an wieder im Stehen pissen würde?

Erneut blieb mein Rufen ohne Antwort. Ich zog einen Euro aus der Tasche und steckte ihn in den Schlitz des Einkaufswagens. Ich hatte zunächst überlegt, das Ding mit der Axt loszueisen, aber so ein Gewaltakt erschien mir überflüssig. Geldmünzen waren wie meine Axt in dieser Situation bloßes Werkzeug aus Metall. Nur daß der Einsatz von Kleingeld weniger Kraft kostete. Neue Münzen könnte ich mir jederzeit aus aus einer Supermarktkasse holen. Mit der Axt. Später. Vielleicht. An die Geldbörsen der Verblichenen war leichter heranzukommen.

Daß ich mir überhaupt einen neuen Einkaufswagen griff, lag an meiner Bequemlichkeit. Mein alter – also der zurückgelassene Wagen – stand zwar in der TK-Abteilung, aber bis dahin war es eine kleine Strecke. So aber legte ich die Axt in den Wagen und hatte gleich beide Hände frei. Und das Gewicht von der Schulter. Abgesehen davon konnte ich mir so viele Wagen nehmen wie ich wollte. Weil sie seit heute alle mir gehörten!

In meinem Hinterkopf rumorten immer noch die Pistols. Ihr »I don’t know what I want but I know how to get it« brachte es auf den Punkt. Das hier war Punk total. Im Supermarkt! Konsum ohne Ende – aber nicht mehr zu den gewohnten Bedingungen! Es war alles umsonst!

Ich begann mit Bananen. Die letzten meines Lebens, denn neue Bananen würden nicht mehr nach Hamburg gelangen und ich nicht nach Afrika oder Mittelamerika. Ich schälte gleich eine und schob sie mir rein. Die ganze Frischware würde sich im Laufe der kommenden Tage und Wochen in stinkenden Matsch verwandeln. So wie die herumliegenden Leichen. KAUFLAND würde ein ziemlich ungemütlicher Ort werden.

Ich schaute auf den Kerl hinab, der vor den Kartoffeln lag. Ein echter Muskeltyp mit Glatze und Armen, in die meine zweimal paßten.

»Tja, Leute. Am Ende sind wir alle nur faulende Biomasse.«

Diese Erkenntnis war zwar nicht neu, aber für die kommenden Tage hilfreich. Ich mußte mich zunächst auf Lebensmittel konzentrieren, die verderblich waren. Und die ich nie wieder in die Finger kriegen würde.

Zum Beipiel eine Baguettestange. Die würde zwar nicht vergammeln, aber bald zum steinharten Knüppel. Rein in den Wagen!

Weiter zu Fleisch und Wurst. Massig frische Leichenteile im Regal, noch frischere auf dem Boden davor. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Mein Speiseplan der nächsten Tage.

»Nein, du nicht!«, sagte ich zu dem Opa, den ich beiseiteschieben mußte, um die Tür der Hackfleischvitrine öffnen zu können. Ich lud mir den halben Einkaufwagen voll mit Rind und Schwein, Steaks und Schnitzeln, Wurst und Würstchen. Würde alles gut in meinen großen Kühlschrank passen.

In der TK-Abteilung war die Auswahl schwieriger, weil größer und unterschiedlicher. Ich überlegte. Alles grundsätzlich ein paar Monate haltbar. Es war jedoch abzusehen, daß demnächst überall auf der Welt die Lichter ausgingen. Auch bei KAUFLAND. Fragte sich nur wann. Jederzeit konnte es soweit sein, und ohne Strom würde sich der Laden in eine fliegen- und madenverseuchte stinkende Fäulnishölle verwandeln. In eine DUNKLE Hölle!

Klar, ich konnte vorher retten, was zu retten war. Aber nur ein Bruchteil davon hätte Platz in meiner Kühl-Gefrierkombi gefunden. Die ohne Strom ansonsten genauso abschmierte wie ihre großen Kollegen im Supermarkt. So würde ich das Gammelproblem nur in meine Bude verlegen. Üble Sache!

Egal, heute ist heute, abgreifen was geht! In diesem Fall eine Marzipan-Nuß-Torte und jede Menge Wagner-Pizzen. Die Ami-Variante: Boston, X-tra Cheese, Supreme. Dazu einen Stapel Toasties. Die hatte ich ja schon im Auge, als die Dicke umfiel und das Abkacken begann.

Der Einkaufswagen war voll, es reichte. Auf dem Weg zur Kasse fiel mir ein, daß ein paar leckere Extras nicht schaden würden. Gummibärchen, Chips und eine Prinzenrolle mußten sein. Dann stellte ich einen Kasten mit diversen Fritz-Limo-Varianten zusammen und parkte ihn im unteren Wagenbereich.

An der Kasse war kein Durchkommen. Ein Stau aus Leichen, Metall und Produkten aller Art. Ich überlegte, ob ich zum Eingang zurückgehen sollte. Zu Guter Letzt entdeckte ich die einzige unbesetzte Kasse. Niemand hatte sich hier angestellt. Das war die Lücke in der Mauer.

Ich gab ordentlich Gas und raste durch die eher lächerliche Absperrung. Machte aber trotzdem Spaß. Bingo, Null Euro!

Obwohl ich wußte, daß ein Zeitalter ohne Kaufhausdetektive angebrochen war, erwartete ich unwillkürlich, daß sich der Supermarkt gegen meinen dreisten Diebstahl verteidigen würde. Genau jetzt war der Zeitpunkt für einen Kampf gekommen, für überraschende Wendungen, für Blut und Geschrei. Oder für eine Grinsefresse, die fröhlich verkündete: »Wir haben sie reingelegt – Kennen Sie die ‚Versteckte Kamera’»? Und alle Leichen würden putzmunter aufstehen und sich kaputtlachen über meine Blödheit.

Aber diese Geschichte war anders. Sie mußte ohne Überraschungsmomente auskommen, ohne Ärger mit Bösewichten und Polizisten, ohne Schlägereien und Seitensprünge. Es gab nur einen Protagonisten: MICH! Ein Potential für unendliche Langeweile, und jeder Schreibratgeber hätte dringend davon abgeraten, so eine konfliktlose Tristesse ohne Sex und Gewalt niederzuschreiben. Wo blieb die Spannung in einer Welt ohne Feinde, wo der Nervenkitzel, wenn einfach NICHTS geschah? Aber das Leben kümmert sich nicht um die Regeln aus dem »Handbuch der Schreibkunst« und hatte zudem alle Dialogszenen gestrichen.

Ich drehte mich um und schaute zurück. Ich suchte meine Lieblingskassiererin und fand sie. Amy Winehouse lag auf dem Boden ihrer Kassennische. Natürlich nicht die echte Amy, aber so hätte sie wohl ausgesehen, wäre sie jemals Fünfzig geworden. Die gleichen langen Wangen, die Augenpartie mit Schwung bemalt, die Haare zu einem Beehive hochgesteckt. Hatte ihr auch nichts genützt. Jetzt war sie im Club 50+. Nie wieder »Siebenzwanzig Euro 33. Brauchen Sie den Bon?«.

»Nein, brauch‘ ich nicht, danke«, sagte ich und streichelte ihre Wange. »Mach’s gut, Amy! Ich hätte gerne mal ein Lied mit dir gesungen.«

Amy war nicht mein erster Abschied, und sie sollte nicht mein letzter sein. Weil ich das wußte, brauchte ich einen Plan. Damit sich all der Trennungsschmerz halbwegs in Grenzen hielt.

Als ich den Einkaufswagen durch die Nacht nach Hause rollte, schoß mir eine Idee nach der anderen durch den Kopf. Ein Trommelfeuer wie unter der Dusche. Das mußte an der Ritter Sport liegen, die ich im Supermarkt gefuttert hatte.

Knick-Knack!

 

FORTSETZUNG FOLGT!

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