Atemlos durch Kaufland

Teil 2 der Schundserie ‚SCHLUSSVERKAUF: ALLES UMSONST!‘

Da lagen sie nun. Einfach so umgefallen. Von einem Moment auf den anderen. Gaben keinen Mucks mehr von sich. Aber ich sah nirgendwo eine Verletzung, kein Blut, keine Wunden. Ein Blitz aus heiterem Himmel hatte sie getroffen. Nur mich nicht.

Waren sie alle tot? So richtig KAPUTT? Ich ging zurück zur Dicken, weil ich mich irgendwie verantwortlich für sie fühlte. Ich weiß, ist Schwachsinn, aber dieser kurze Blickwechsel hing mir im Nacken. Als eine dreiprozentige Beziehung. Alle anderen waren Fremde.

Ich ließ mich neben meiner neuen Freundin nieder und fingerte an ihren Handgelenken herum, aber mein taktiles Feingefühl glich dem eines Staubsaugerroboters der ersten Generation. Besser wäre es gewesen, ich hätte mein Ohr auf ihren üppigen Busen gelegt, zwecks Erhorchung des Herzschlags. Was nach Ärger roch, falls die Dicke aufwachte. Lieber nicht.

Eine Ahnung machte sich wie Adrenalin im Schleudergang in mir breit. Von einem Moment zum anderen stand ich auf und rannte Richtung Ausgang. Das dauerte länger als gedacht, weil mich die herumliegenden Rentner, Hausfrauen, Ladendiebe und HartzIV-Empfänger in einen Slalomlauf zwangen.

Während ich elegant die reglosen Körper umschiffte, fühlte ich mich wie der Silversurfer. Ohne Brett, aber mit Lederjacke. Ich begann zu singen. Zunächst leise, dann immer lauter. Zuletzt schrie ich. Die Songauswahl war geschmacklos, aber treffend. Ich sang »Atemlos durch die Nacht …«. In diesem Fall durch den Supermarkt. Immer wieder die gleiche Zeile. Mein Unterbewußtsein hatte sich anscheinend geweigert, den restlichen Liedtext abzuspeichern. Aber raus mußte die Scheiße trotzdem.

Ich erreichte den Ausgang, die Automatiktür des Ladens öffnete sich. Schritt für Schritt verließ ich den Laden. Draußen bot sich mir exakt das Schlachtengemälde, das ich vorher in meiner Phantasie entworfen hatte. Kein geordneter Verkehr von links nach rechts und rechts nach links, sondern Anarchie und Chaos auf der Straße. Eine unsichtbare Riesenhand hatte die Ordnung zerschmettert und die Trümmer wie Würfel durch die Gegend gefegt.

All die schönen Toyotas, Mitsubishis und Volkswagen waren führerlos in beliebige Richtungen gefahren, bis Hauswände oder andere Fahrzeuge ihrem Freiheitsdrang ein häßliches Ende gesetzt hatten. Einige der Schrotthaufen röhrten noch leise vor sich hin; ein BMW hatte sich an einen Salto versucht und strampelte wie ein Käfer auf dem Rücken. Seine Räder suchten in der Luft verzweifelt nach Widerstand.

An vielen Stellen lief ein Gemisch aus Benzin, Öl und Blut auf die Straße. Aber es fehlten die Schreie, das Stöhnen, die Hilferufe. Dieser 3D-Splattermovie war anders.

Die Umfallerei war also nicht auf KAUFLAND beschränkt. Und auch nicht auf die lokale Umgebung. Hier und dort flackerten in der Ferne große Lichter, und bald darauf erhellte ein kräftiges Leuchten die Häusersilhouetten aus Richtung Norden. Größe und Kraft ließen auf einen ordentlichen Bumms schließen.

Eine halbe Minute später schob sich ein fernes Grollen durch die Luft. Das war kein Spaß und kam aus der Richtung des Flughafens. Ich vermutete, daß ein großer Flieger auf nicht sehr planmäßige Weise gelandet war. Weil sich niemand mehr für Pläne interessierte.

Niemand interessierte sich mehr für irgendwas. Nicht einmal die Dogge, die vor der Supermarkttür angebunden war und mich 10 Minuten zuvor noch wütend angekläfft hatte. Sie lag wie all die Menschen mit offenen Augen auf dem Pflaster.

Ich galoppierte die Treppe hinunter und durchquerte das Schlachtfeld, das sich mir auf der Straße bot. Ein Blick auf mein iPhone machte mich nicht schlauer – bei Spiegel Online nur Trump, Trump, Trump; der letzte Kommentar ungefähr eine halbe Stunde alt. Freu dich ja nicht zu früh, dachte ich. Noch ist rein gar nichts abgemacht!

Obwohl ich mein ganzes Leben eine sportliche Niete war, konnte ich nicht anders als rennen. Atemlos durch die Nacht. Der Ohrwurm hatte mich fest im Griff.

Als ich zuhause die Tür hinter mir schloß, schlug mir das Herz bis zum Halse. Ich bekam gar nicht so viel Luft, wie ich saufen wollte.

Ich schaltete die Glotze an, das Zweite. Es war kurz nach Sieben, die heute-Nachrichten liefen noch. Allerdings ohne Sprecher. Das leere Pult wartete vor blauem Hintergrund und Weltkarte darauf, daß es weiterging. Ich zappte alle Kanäle rauf und runter und blieb bei Al Jazeera hängen. Hier war der Moderator über seinem Tisch zusammengesackt. Ein Trümmerplanetoid aus Anzug und Betonfrisur ragte in die blaue Sphäre.

Klick, die Kiste aus, setzen, Gedanken sammeln. Ok, der Mega-Blitz hatte alle Menschen umgehauen, aber vielleicht würden sie in ein paar Stunden wieder aufwachen. Ich brauchte Beweise. Und die würde ich in der Vierten finden, bei Barbara.

 

FORTSETZUNG LESEN: Drehbuchänderung

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1 Comment. Leave your Comment right now:

  1. by Karl Nagel

    Die nächste Folge ist bereits fast fertig, aber vorher will ich mich noch um ein kleines Video kümmern … Kommt die nächsten Tage!

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